Versuch der Nähe

Hanna Lemke - "Geschwisterkinder"

von Frank Becker
Versuch der Nähe

Milla und Ritschie sind mit dem Entwachsen aus dem Elternhaus ihre eigenen Wege gegangen. So wie sich Geschwister im Prozeß des Erwachsenwerdens auf der Suche nach
ihrer Bestimmung, den persönlichen Zielen, eben irgendwann voneinander entfernen. Sie haben durchaus noch Kontakt, leben in der namenlosen selben Stadt, gar nicht so weit voneinander und doch durch Jahre und "zur Alltäglichkeit gewordene Einsamkeit" voneinander getrennt. Das geschwisterliche Band ist brüchig geworden.

Hanna Lemkes Erzählung setzt in einem Moment an, in dem zwei beide betreffende Ereignisse - der Besuch von Charles, einem alten Freund der Eltern und die Hochzeit gemeinsamer Freunde - wie zufällig neue Nähe
herstellen, ganz leise eine neue Vertrautheit auf der Basis gemeinsamer Erinnerungen möglich machen. Auf nur 127 Seiten läßt Hanna Lemke ihre Leser als Beobachter in spröder, jedoch reicher Sprache in dieses  vorsichtig Gestalt annehmende Aufkeimen neuer geschwisterlicher Verbundenheit eintreten. Die urbane Stimmung, die sie zeichnet, ist von atmosphärischer Dichte - die scheinbar oberflächlichen, mitunter lakonischen Dialoge gewinnen vor allem für jene, die selber Geschwisterkinder sind, sehr bald an Tiefe. Denn beide Protagonisten vermissen etwas, das sie zwar verloren glauben, das jedoch - ganz sorgsam behandelt - wiedererlangbar zu sein scheint: ein Stück der Kindheit, den Halt der Nähe.

Hanna Lemke ist mit "Geschwisterkinder" ein wundervoll leichtes Buch mit großer Substanz gelungen, das von seiner leisen Zurückhaltung lebt, zugleich aber das ganze Leben atmet. Ein kleines Buch - ein großer Wurf. 

Hanna Lemke: "Geschwisterkinder" - Erzählung
© 2012 Verlag Antje Kunstmann, 127 Seiten, geb. m. Schutzumschlag, ISBN 978-3-88897-749-7 - €14,95

Weitere Informationen: www.kunstmann.de