Im Land der schwarzen Pharaonen (3)

Eine Reise durch den Sudan: Tumbus - Kerma Soleb 3. Katarakt - Khartum

von Johannes Vesper

Wasserstelle eines nubischen Dorfes
Foto © Johannes Vesper
Im Land der
schwarzen Pharaonen


Tumbus - Kerma – Soleb –
3. Katarakt - Khartum

9000 Jahre Siedlungsgeschichte am Nil -
Unterwegs in Nubien (Sudan)
 
Von Johannes Vesper


Tumbus - Kerma – Soleb – 3. Katarakt

Die neue Wüstenstraße von Karima nach Dongola-Karwa ist durchgehend asphaltiert. Bei strahlender Sonne weht nur gelegentlich etwas Sand über die Straße. Hier sieht man tatsächlich auch Fahrradfahrer mit schwerem Gepäck.

Tumbus, ca. 5 km nördlich von Kerma, ist durch die nubische Architektur mit ihren bunten Türen in den Außenmauern der Wohnhöfe charakterisiert. Kleine Flugzeuge auf den Türpfosten zeigen an, daß der Hausbesitzer seine im Koran vorgeschrieben Reise nach Mekka hinter sich hat. Auch in Tumbus gibt es einen schwarz-weiß karierten Wasserquader auf Stelzen, also einen Wasserturm, wie überall im Sudan. Die Wasserversorgung hier scheint zu funktionieren. Zeichen einer systematischen

Der Basalt-Koloss von Tumbus - Foto © Johannes Vesper
Abwasserentsorgung oder Aufbereitung sind im Land nicht zu erkennen. Auch hier sind wie überall im Schatten Tonkrüge mit angekettetem Trinkgefäß aufgestellt. Die Kinder des Dorfes zeigen uns ihre gerade erhaltenen Schulzeugnisse. Am Dorfrand liegt eine große, glattpolierte königliche Statue aus schwarzem Basalt mit zerstörtem Gesicht, Sinnbild der großen Geschichte der Region. Schon Karl Richard Lepsius hat sie gezeichnet. Einige Inschriften in der Nachbarschaft erinnern an die Eroberung Kermas durch Thutmosis I. vor ca. 3500 Jahren.
 
Ca. 2 Stunden nilabwärts kann in dem kleinen Städtchen Wawa mit einer Fähre der Nil überquert werden. Gegenüber erheben sich majestätisch die mächtigen Säulen und Wandreste des Tempel von Soleb, der von Amenophis III. im 14. Jh. vor Chr. erbaut wurde. Amun geweiht, ist er mit ursprünglich nahezu 130 m Länge ein Riesenwerk der alten Ägypter, dem Tempel von Luxor ähnlich, der vom gleichen König erbaut wurde. Nahe dem Nilufer ist er gelegen, von wo aus zu den Festen des Amenophis die Prozession in den Tempel zog. Zahlreiche Reliefs auf Säulen und Wänden zeigen Gefangene und Götter. Zwei rote Widdersphinxen wurden von hier zum Amun-Tempel nach Napata und von dort ins Britische Museum geschafft.


Der Amun-Tempel von Soleb - Foto © Johannes Vesper
Weiter nilabwärts sind auf der großen Sai-Insel des Nils im großen archäologischen Bezirk mit niedrigen Lehmziegelruinen vier aufrecht stehende monolithische Granitsäulen, als Überbleibsel des frühchristlichen Zentrums hier, sichtbar.
Auf den Sandbänken des Nils sonnen sich die Krokodile. Die verfallene alte osmanische Festung stammt aus dem 16. Jahrhundert und markiert die damalige Grenze Ägyptens zum Funji-Reich.
 
Südlich des 3. Katarakts im Wadi Sebu zeigen die zahlreichen prähistorischen Felszeichnungen aus dem 7. Jahrtausend vor Chr., daß damals neben Ziegen und Schafen auch Rinder im Umfeld der beginnenden Seßhaftigkeit des Menschen eine große Rolle spielten. Über Sinn und Bedeutung der Zeichnungen wird spekuliert. Frühe Graffiti? Wenn er den Sinn nicht so genau weiß, benutzt der Archäologe gerne das Wort kultisch. Kultische Zeichnungen? Neuere Zeichen stammen offensichtlich aus christlicher Zeit, da sie christliche Gebäude (Kirchen) mit christlichen Symbolen zeigen.
Vom Berg neben dem 3. Katarakt aus ergibt sich ein schöner Blick darauf. Die Granitbrocken mit den Stromschnellen dazwischen sind Ausdruck des Aufeinanderstoßens verschiedener Erdplatten. Die 6 Katarakte des Nils (1. bei Assuan, 2. versunken im Assuan-Staudamm, 3. nördlich von Kerma, 4. südlich von Merowe (im neuen Staudamm versunken), 5. nördlich von Khartum, 6. ca. 70 km südlich von Khartum) behindern seit alters her die Schifffahrt auf dem sudanesischen Nil. Wie 1898 Lord Kitchener mit englischen Kanonenbooten Khartum erreichen konnte, erstaunt noch heute. Südlich des 3. Katarakts finden sich in etlichen nubischen Dörfern prächtige Beispiele der nubischen Lehmarchitektur mit bunten Hoftoren und Bemalungen der Hofmauern
 
Kerma - Old Dongola
 
Von der Terrasse der bedeutenden östlichen Defuffa im Ausgrabungsbezirk von Kerma aus ergibt sich ein schöner Blick auf die gesamte Anlage. Sinn und Funktion dieses raumlosen Lehmziegelbaus von ca. 30x25 m Grundfläche, - ein zweiter steht westlich des Nils in einigen Kilometern Entfernung - sind unklar. Es scheint eine Beziehung zu den umliegenden Friedhöfen der Kerma-Zeit zu bestehen. Seit 1975 wird hier unter der Leitung des Schweizer Archäologen Charles Bonnet gegraben.


Östliche Defuffa - Foto © Johannes Vesper
 
Die Kerma-Kultur ist vor allem durch ihre Keramik und die Anlage ihrer Gräber charakterisiert. Bemerkenswert, daß die Kerma-Könige entsprechend ihrer Bedeutung zusammen mit ihren Leibwächtern, Dienern, Sklaven, Frauen und Kindern beerdigt wurden. Die Begleitung ins Jenseits geschah durchaus nicht freiwillig. Alle dazu ausersehenen wurden eigens dafür umgebracht. Blutige Sitten.
Und am 11.01.2003 machten die Archäologen in Kerma einen sensationellen Fund: Man fand sieben Monumentalstatuen aus schwarzem Granit, die Könige des napatischen (kuschitischen) Reiches, unter ihnen der berühmte Taharqa. Die Nasen waren demoliert, die Köpfe ab- und die Unterschenkel durchgebrochen, aber zusammen waren sie bestattet worden. Nachdem Psammitech II 591 v. Chr. die frechen Nubier aus Ägypten verjagt und deren ca. 170 Jahre währende Besatzung beendet hat, paßten die alten Herrschaftszeichen der schwarzen Pharaonen nicht mehr in die politische Landschaft und wurden auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen. Mit der Zerstörung der Statuen glaubte man schon damals sich der Personen und Ideologien endgültig entledigen zu können. Lenin und Saddam Hussein erlebten ähnliche Schicksale. Heute steht die schwarze kuschitische Gesellschaft der Könige als Gruppe zusammen im schönen kleinen Museum von Kerma.
So ist dieses Museum Sinnbild für die 3000-jährige stets problematische Beziehung zwischen den weißen Ägyptern im Norden und den schwarzafrikanischen Nubiern im Süden.
 
In den Dörfern am Rande der nubischen Wüste zum Nil hin werden die Hausmauern  
von den Frauen jeweils zum Opferfest bezaubernd bunt bemalt. Bei aller traditionellen Einrichtung steht aber selbst hier eine Satellitenschüssel im Innenhof und die Kinder liegen fernsehend auf dem Bett!

Foto © Johannes Vesper
 
In den teils wirklich hohen Sanddünen der gelben Wüste fahren sich auch Geländewagen fest. Erst wenige Kilometer vor den Resten der mittelalterlichen Stadt Old Dongola (vom 7. Jahrhundert bis 1325 n Chr. Hauptstadt des christlichen Reiches Makuria) beginnt wieder die Asphaltstraße. Hoch auf einem Hügel des östlichen Nilufers ragt die sogenannte Thronhalle auf, ein zweistöckiges teilweise restauriertes Lehmziegelgebäude aus dem 9. Jahrhundert n. Chr., die später als Moschee die Zeiten überstanden hat. Nahebei wecken die Reste zweier Kirchen mit Säulen und Kapitellen aus Granit die Phantasie des Besuchers.
 
Khartum
 
Auf dem Weg nach Khartum durch die Bayuda-Wüste trübt erneut ein Sandsturm Sicht und Geschwindigkeit. Vor Khartum kreuzen und begleiten riesige und zahlreiche Hochspannungsleitungen die Fernstraße. Am frühen Nachmittag herrscht viel Auto- und Esel- Verkehrt in der ebenso staubigen wie chaotischen arabischen Stadt Omdurman unmittelbar vor Khartum. Jenseits des Nils in Khartum selbst in der Nachbarschaft der modernen Hotelarchitektur auf dem staubigen Ufer des Blauen Nils unter der Tuti-Brücke sitzen Studentinnen und Studenten auf den üblichen, niedrigen Hockern aus Baustahl und trinken den mit Nelken oder Ingwer parfümierten schwarzen Kaffee. Kleine Fähren legen an und ab. Vom Mogran Family Park ergibt sich ein wenig spektakulärer Blick auf den strategisch bedeutsamen Ort Afrikas, den Zusammenfluß des Weißen und Blauen Nils.
 
Im Haus des Kalifen sind Erinnerungsstücke an die Vertreibung der Engländer 1885 und an die furchtbare Vergeltungs-Schlacht von Omdurman am 02. Sept.1898, die letzte große Kavallerieattacke der englischen Kriegsgeschichte, zu sehen. Der junge Winston Churchill ist damals mitgeritten. Bei den Arabern gab es infolge unzureichender Bewaffnung gegen die englischen Maschinengewehre ca. 10.000, beim ägyptisch britischen Heer 48 Gefallene. Das Gebäude wurde 1887 für den Nachfolger des Mahdi gebaut.
Das ursprüngliche Grab des Mahdi stammt aus den Jahren nach seinem Tod 1885. Nach der Rückeroberung 1898 sprengten die Briten das Gebäude und streuten die Asche des Mahdi in den Nil. Das jetzige Gebäude ist eine Kopie aus dem Jahre 1957.
Die Stadt Omdurman wurde am Ende des 19. Jahrhunderts gegen das englisch dominierte Khartum gegründet. Der Markt dort ist wie überall in Arabien bunt, unübersichtlich, reichhaltig, riesig und chaotisch. Welch ein Gegensatz zur Kolonial-Architektur oder auch zum futuristisch anmutenden Korinthia-Hotel in Khartum auf der anderen Seite des Nil.


Nilkrokodile werden bis zu 4 m lang - Foto © Johannes Vesper

Weiterführende Literatur:
- Bernhard Streck: Sudan: Steinerne Gräber und lebendige Kulturen am Nil. DuMont Reiseführer
403 Seiten, DuMont Verlag Köln 1992
- Paul Klammer: Sudan, 246 Seiten, Bradt Travel Guides 2. Edition 2009, Reprint 2011
- Karla Kröper, Sylvia Schoske Dietrich Wildung: Königsstadt Naga – Naga Royal City
Grabungen in der Wüste des Sudan, Excavations in the Desert of the Sudan. München-Berlin 2011 216 Seiten. Erschienen zur Sonderausstellung Königsstadt Naga – Grabungen in der Wüste des Sudan.
- Charles Bonnet, DominiValbelle: Pharaonen aus dem schwarzen Afrika. Verlag Philipp von Zabern, 2006. 215 S. (Französische Originalausgabe : „Des Pharaons venus d`Afrique“. Editio, Editions Citadelles &Mazenod, Paris 2005)
- DER ANTIKE SUDAN, Mitteilungen der Sudanarchäologischen Gesellschaft zu Berlin Heft 22/2011
 
www.nubianet.org : Interaktiver Führer über das antike Nubien.
http://edoc3.bibliothek.uni-halle.de/lepsius/tafelwa1.html: Hier finden sich Original-Karten und -Zeichnungen von R. Lepsius. Ein Projekt der Universität Halle.
 
Einen aktuellen Reiseführer auf Deutsch über Nubien und den Sudan gibt es nicht.
 
Dank an Elisabeth Katzy, M.A., Ludwig-Maximilians-Universität München Department für Kulturwissenschaften und Altertumskunde, für die Durchsicht des Manuskripts.
 Redaktion: Frank Becker