TÍte-ŗ-tÍte mit dem Kaiser

‹ber Napoleon I. und seinem Verhšltnis zum Rheinland (1)

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker
Tête-à-tête mit dem Kaiser
 
Über Napoleon I. und seinem
Verhältnis zum Rheinland (1)

 
 
Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen, bon jour oder so, ich begrüße Sie zu ein paar Gedanken über Napoleon im Rheinland, über den Franzosen damals und über die Auswirkungen und Resonanzen, die das alles hatte und das angesichts der kurzen Zeit, die er hier war, wo man doch meint, es müßten Jahrhunderte gewesen sein, die er und seine Franzosen hier waren. Nein, so war das nicht. Es war vielmehr so:
Schon 1792 waren Mainz, Speyer, Worms und Aachen vorübergehend besetzt, aber erst nach der Schlacht von Fleurus am 26. Juni 1974 haben die Österreicher derart eins auf die Mütze bekommen, daß die Franzosen das Rheinland dauerhaft besetzen konnten und dat jing ziemlich flügg: die Sambre-Maas-Armee unter der Leitung von,
Verzeihung, auch wenn die französischen Soldaten gerne gesungen haben, Orchester waren sie ja keines, also: die Armee unter General Marceau eroberte im August 1794 Trier, am 23. September Aachen, am 6. Oktober Köln, dann sind die Franzosen von da mit der 16 nach Bonn gefahren, das sie am 8. Oktober widerstandslos einnehmen konnten und waren schließlich am 23. Oktober in Koblenz. Ob sie da über Niederzissen oder über Bad Breisig hin sind, weiß ich nicht, es ewwer och ejal.
In Bonn hat der Bruder von Marie Antoinette, der Kurfürst Max Franz, als die Franzosen einrückten, von der Rathausstreppe aus schnell seinen Segen erteilt, dann is er über die damals noch vierspurige Kennedybröck erövver nach Beuel, von da nach Siegburg auf den Michaelsberg und schließlich nach Wien, wo er 1801 gestorben ist.
 
Ob ihn Beethoven da besucht hat um sich für das Stipendium zu bedanken - immerhin hat der Max Franz seine erste Reise nach Wien finanziert und ihn dann zum zweiten Mal und da gleich endgültig nach Wien geschickt – wir wissen es nicht, aber wie wir unseren Ludwig kennen, hat er es sicher versucht!
Beethoven hatte da allerdings auch alle Hände voll zu tun und andere Sorgen: 1801 schreibt er das erste Mal seinem Freund Wegeler von nachlassendem Gehör, das heißt: da ist er sicher von einem HNO-Arzt zum anderen gelaufen und als Kassenpatient, der er ja war, hat ihn das jedes Mal gut einen Tag gekostet, er komponiert die ersten beiden Klavierkonzerte, verknallt sich in die Gräfin Guicciardi und überlegt, ob er die erste Symphonie dem Kurfürsten Maximilian Franz widmen soll, weil der aber über dieser Absicht quasi verstarb hat er die Symphonie dem Baron van Swieten gewidmet – stand er sich auch besser bei. Was ich damit sagen wollte, ist, daß die Franzosen jetzt, also 1794, ins Rheinland kamen und zwar ins Linksrheinische, und 1814 nach der Völkerschlacht in Leipzig über Eupen wieder gegangen sind, also das waren grad mal 20 Jahre, wo sie zu Besuch waren und dennoch haben sie so nachhaltig das Rheinland verändert, daß man hier bei uns meint, Napoleon wäre Hunderte von Jahren hier gewesen.
Wenn wir nun von Napoleon im Rheinland reden, dann müssen wir ganz streng das Linksrheinische vom Rechtsrheinischen trennen. Vielleicht ist hier sogar schon der erste Aspekt, auf den ganz deutlich hingewiesen werden muß, denn möglicherweise – zum Glück bin ich kein Historiker, kann also so was locker mal behaupten – geht der tiefe Riß zwischen Links- und Rechtsrheinischem auch auf Napoleon zurück wie so vieles, wenn man der rheinischen Geschichtsschreibung, nein eher: Geschichtenschreibung glauben darf, denn der zufolge geht, wie gesagt, fast alles, was hier bei uns schön ist, auf die grandiose, großartige, glorreiche, tolle Zeit zurück, in der dä Franzus he wor.
 
Er ist ja, wie wir wissen, hauptsächlich erstmal im Linksrheinischen geblieben und hat das Rechtsrheinische, also das Bergische und Oberbergische, eigentlich nur betreten, um schneller nach Preußen und noh Moskau kommen zu können, sonst hätte er den Umweg über die A3, Duisburg und den Ruhrschnellweg nehmen müssen.
Der Franzose wurde, wollen wir mal sagen, mehrheitlich nicht unfreundlich empfangen, ich meine: Paris war ja immer schon direkt hinter Meckenheim, der Rheinländer ist immer schon gerne mit Schäfers Reisen Siegburg zu Ostern da hin gefahren, bißchen Champs Elysées erop un erav jeloofe, Invalidendom geguckt (das muß man sich mal vorstellen: ein ganzer Dom nur für Invaliden!) und der Rheinländer hat sich auch immer schon mit einem gewissen savoir vivre geschmückt, um sich vom Sauerländer und dem Westfalen zu unterscheiden.
Die freiheitsliebenden Intellektuellen also und die benachteiligten unteren Klassen – heute würde man sagen: Studenten und soziale Brennpunkte – haben überall Freiheitsbäume aufgestellt, die sahen aus wie ein Maibaum mit Jakobinermütze oben drauf und Bändern in den Freiheitsfarben Grün-Rot-Weiß, was ja heute noch die Farben Nordrhein-Westfalens sind.
In Bonn war es ein Schreiner namens Fingerhut – ob der aus Dransdorf war, wissen wir nicht genau – der am Marktplatz auf den Obelisken geklettert ist und mit dem Ruf „Vive la république“ den Kurhut runtergeholt hat, der ja das Symbol der kurfürstlichen Zeit und Herrschaft war. Die Intellektuellen haben sich dann zwar ein bisschen schwer getan, der Bevölkerung zu erklären, daß das Freiheit sein soll, wenn bombardiert, gebrandschatzt und vergewaltigt wird, aber sie haben sich redlich darum bemüht. Ich meine: da kommt die Revolution ins Rheinland, alles atmet auf, keine Fürsten mehr, keine Willkür mehr, nur noch Freiheit, Glück und demokratische Selbstbestimmung der Völker und dann klauen dir die dreckelijen französischen Soldaten das Ersparte aus dem Strumpf unterm Plümmo eraus, ich bitte Sie!
 
Das muß ja wie 1945 nohm Krieg gewesen sein, wo in Bad Godesberg die Franzosen uns die Fahrräder geklaut haben, wie mir meine Zimmerwirtin, die Frau Münch, immer gerne erzählt hat, Verzeihung, ich schweife ab.
Ein typisches Beispiel für diese, manchmal schon leicht akrobatischen, Erklärungs- und Befriedungsversuche der republikfreundlichen Intellektuellen ist ein Flugblatt aus Köln vom 9.10.1794 bzw. vom „7. Vendemaire im 3ten Jahre der französischen, einigen, untheilbaren und demokratischen Republick“ das Gillet, „Volksvertreter bey der Armee der Sambre und Maaß“ verfaßt hat.
Er schreibt u.a.:
„Die siegreiche Armee der Republick ist auf euren Boden gerückt, um ihre Feinde davon zu vertreiben. Verläumdung war uns in diese Gegenden vorher gegangen; unsere Feinde haben ihre eigenen Verbrechen uns zugeschrieben. Sie haben euch zu beunruhigen versucht; aber beruhigt euch vielmehr.
Die französische Republick betraft ihre Feinde, während sie die Freundin aller Völker ist, die im Frieden mit ihr leben wollen... Wenn seit dem Übergang über die Maaß einige Unordnungen vorgefallen sind, so mißbilligt sie die Armee. Solche sind das Werk von Räubern, die durch unsere Feinde besoldet sind und sich in das Gefolg der Armee eingeschlichen haben. Die Schuldige sollen bald gekannt und ohne Verzug gestraft werden.“
 
Se sehen: et es immer datselbe!
Und wenn Sie wat mehr öwwer den kleinen Korsen und seine Spuren im Rheinland erfahren möchten, schauen Sie doch nächsten Dienstag wieder rein, dann erzähle ich Ihnen mehr.
 

In diesem Sinn
Ihr
Konrad Beikircher
 

 
© 2012 Konrad Beikircher für die Musenblätter - Redaktion: Frank Becker