TÍte-ŗ-tÍte mit dem Kaiser

‹ber Napoleon I. und seinem Verhšltnis zum Rheinland (2)

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker
Tête-à-tête mit dem Kaiser
 
Über Napoleon I. und seinem
Verhältnis zum Rheinland (2)

 

Jot: jetzt waren sie erstmal da, die Franzosen und wurden natürlich genau beäugt, z.B. fiel den Rheinländern auf, daß sie Papiergeld dabei hatten, das kannte man so noch nicht und das galt als ziemlich ärmlich, zumal es nie das wert war, was drauf stand.
Auf einen Assignat von 1794 schrieb z.B. der Stadtschreiber von Bad Kreuznach folgendes: „Dieses Stück von 15 Sou sollte den Wert eigentlich von 20 Kreuzern deutsches Geld haben, ward aber kaum mit vier Kreuzern bezahlt“. Und die Kölschen haben sich – wie sie das immer schon taten, weil sie ein musikalisches Volk sind – über die Franzosen lustig gemacht, z.B. in einem sogenannten „Revolutionsleedche“ von 1789, das der Kölner Autor B. Gravelott in seiner Sammlung hat und in dem es u.a. heißt:
 
„Kumm mr op de Jilljotin
bruche´mr nie mieh Brilljantin
Hoppsassa, Fraternité
Sujet nennt mr liberté.
Mir es dat ejalité.
Ich mag bloß Kamillentee.“
 
Ist doch der Hammer, oder? Über das Papiergeld, die sogenannten Assiganten, mit denen die Franzosen die Inflation aufzuhalten versuchten, machten sich die Kölschen in einem Lied über die 1794 einrückenden Franzosen lustig, da heißt es:
 
„Vier un nünzig wor et Johr, widewidewitt fom fom
Do nohme se Kölle en fürwohr, widewidewitt fom-fom
Kaum wore se drei Woche he, widewidewitt fom fom fom fom
Hatte sie Geld us Papier widewidewitt fom fom
 
Do han mer auch der Dag erlävv
Dat Geld met Papp jekläv
De janz Armee, de log em Feld
Un hatt nix als papeere Geld
 
Scharschant, Major un Kapitein
Die kohmen en Kölle ohn Schohn erein
Dä Offizier un General
Hatten kei Geld dazumal
 
Karmangole stief vun Nester, (= Schlafstatt)
allerhand Westen vun Manchester
Fraulücksröck zu Bozzen jemaat
Röck ohne Mauen wohr ehr Draag (ohne Ärmel, Tracht)
 
Kohmen och mit Freiheitskappen
De woren gezeet met allerhand Lappen
Große Höt un kooz dä Zopp
Drogen se op ehrem Kopp
 
Dä eine grön, dä andre gries, (grau)
dä dritte gähl, dä veete wieß
dä fünfte bloh, dä sechste ruth
o Gott, helf uns in disser Nuth!
 
Dä Kähls de hatte kein Maneere
Sugar och nit beim Exerzeere
Do wohr dä Volksrepräsentant
Dä log ohm Nüümaat op dr Bank
 
Des Ovends om Paradeplatz
Trof jede Karmangol si Schatz
Dä Mädcher hatte keinen Hang
Papeere Geld hätt keine Klang.
 
Karmangole – so nannten die Rheinländer die einrückenden Franzosen, weil die ein sangesfreudiges Volk waren und neben dem Ca ira und anderen Revolutionsliedchen eben auch die Carmagnole sangen. Die Carmagnole ist ein Rundgesang und Tanz der Republikaner. Der Text verspottet den zur Zeit der Entstehung des Liedes faktisch bereits entmachteten französischen König Ludwig XVI. und dessen Frau Marie Antoinette. Der Titel spielt auf den Ort Carmagnola in Piemont an, der Anfang 1792 von den Franzosen eingenommen worden war. Wie aber der Zusammenhang ist, das weiß heute keiner mehr.
Seit der Schlacht bei Jemappe jedenfalls, 1792, die der erste große Sieg der Franzosen gegen das alte Europa in Form der Österreicher war, hat sich die Bezeichnung Carmagnole bzw Karmangole für die Franzosen durchgesetzt. Jemappe war der Durchbruch, nach dieser Schlacht, die, wie die älteren noch wissen werden, nur ein paar Tausend Gefallene forderte, damit also ziemlich angenehm verlustarm war, kam Belgien mit Brüssel und Liège an Frankreich. Jemappe heißt übrigens übersetzt: Jemappe = ich beaffe mich = ich krieg einen Affen. Oder?
Den Titel dieses revolutionären Volksliedes benutzte man in der Folge auch als Bezeichnung für ein fast kragenloses Kamisol mit kurzen Schößen, wie es von den niederen Ständen um 1790 getragen wurde. Diese Bedeutung übertrug sich wiederum auf eine besonders radikale Fraktion der Jakobiner, eben die Carmagnoles, weil diese ihre Volksnähe durch das Tragen dieses einfachen Kleidungsstücks auch optisch demonstrieren wollten.
Mit „Madame und Monsieur Véto“ sind Marie Antoinette und Ludwig XVI. gemeint.
 
Übersetzung
Frau Veto hat versprochen,
Ganz Paris die Gurgel durchzuschneiden.
Aber ihr Plan ist fehlgeschlagen
Dank unserer Kanoniere.
Refrain
Tanzen wir die Carmagnole,
Es lebe der Schall,
Es lebe der Schall,
Tanzen wir die Carmagnole,
Es lebe der Schall der Kanonen.
Herr Veto hat versprochen,
Seinem Land treu zu sein.
Aber darin hat er gefehlt,
Lasst uns ihm keine Unterkunft bieten.
Marie Antoinette hat beschlossen,
uns auf den Hintern fallen zu lassen,
Aber ihr Plan ist fehlgeschlagen
Sie hat eins auf die Nase bekommen.
Ihr Ehemann glaubte, der Sieger zu sein,
Da kannte er uns schlecht,
Geh, Ludwig, du dicke Heulsuse,
In den Turm im Temple.
Die Schweizer haben versprochen,
Unseren Freunden Dampf zu machen,
Aber wie sie gesprungen sind!
Wie sie alle getanzt haben!
Als Antoinette den Turm sah,
Wollte sie kehrt machen.
Da wurde ihr ganz übel,
Als sie sich ehrlos sah.
 
Und in einem anderen Liedchen von 1794 erinnert sich der Autor an den 6. Oktober, der Tag an dem die Franzosen durch das Hahnentor in Köln einzogen, so:

„Der sechste Oktober, ich stund op dem Wall,
und wollt die Franzosen geen kumme sin all.
...
Peehd wie die Esel, Schwänz op de Kappen,
de Balg voll – voll Lumpen un Lappen,
Dernoh kohm et Fußvolk dat Gott sich erberm
De woren esu nackig, de woren esu ärm
Der ein hät en Botz an, der ander e’r kein,
der eine wohr groß, derr andere klein,
der ein hat ne Rock vun nem Frauminsche an
der ein von Zitz, der ander Calmang,
der ein ne Pastórs Hood, der ander en Mötz
met Flinten, met Zabels, met grovem Geschötz“
 
So geschockt waren die Kölschen über das unkonventionelle Auftreten der Franzosen, die eben keine einheitliche Uniform hatten. Vielleicht sagt seit diesem Tag jeder Elferratspräsident, wenn in ihren schmucken einheitlichen Uniformen die Ehrengarde, die Prinzengarde, die roten Funken etc. pp. die Bühne bevölkern immer denselben Satz „Ein herrliches Bild!“.

In der nächsten Woche erzähle ich Ihnen, wie die Franzosen versucht haben, sich in Köln einzurichten und mit den Kölnern zurechtzukommen. Einfach war das nicht, soviel sei schon hier angemerkt.

In diesem Sinn

Ihr
Konrad Beikircher
 

 
© 2012 Konrad Beikircher für die Musenblätter - Redaktion: Frank Becker