Nach dem Festival ist vor dem Festival

Norddeutsche Notizen

von Andreas Greve

Andreas Greve - Foto © Arne Weychardt
Nach dem Festival
ist vor dem Festival

Norddeutsche Notizen

von Andreas Greve

Bislang dreimal verschwanden meine Aufzeichnungen zum Thema Hamburger Kulturfestivals. Vielleicht, weil die Altonale und der Kaltstart und das Harbour Front Festival gar nicht zusammen in einen Artikel gehören. Vielleicht aber auch als stummer Protest gegen diese endlose Festivalflut, umspült von „Musiktagen“, „Theatertagen“, dem „Hamburger Architektur Sommer“, fraktal unterlegt vom Kurzfilm-Festival und ich weiß nicht was sonst noch alles. Einerseits.

Altonale
 
Andrerseits verbergen sich manchmal im dicken Mantel eines Kultur- und Stadtteilfestivals - jenseits der lauten Markt-Meile und jenseits der Stände mit den genähten Blusen und den handgeschöpften

© Julia Gordon
Papieren (und auch jenseits so bemerkenswerter Straßenspektakel wie der Balkon-Performance-Aktion „Altona macht auf“) - kleine Perlen und einzigartige Momente - sogar einzigartig absurde:
„Die Wahrheit übers Wohnen“ sollte direkt aus dem Trend-Möbel-Haus „Habitat“ verkündet werden. Oder besser gehappeninged, da die Veranstaltung in Händen des notorischen Unsinnsstifters Sven Amtsberg lag, der für diese Lese-Show Unterstützung durch den „Hartmut“-Autor Oliver Uschman und den Hamburger Singer-Songwriter Hannes Widmer alias Spaceman Spiff herangezogen hatte. Ich lag über eine Stunde lachend in dem stark herabgesetzten Polstern des Outlet-Modells „Porto“: Dieser Hafen der Entspannung schien nur auf mich gewartet zu haben und gleich am nächsten Tag habe ich das kleine Monstrum vermittels einer geringen Summe Bargelds dort outgeletet. Das war - besonders rückblickend - eine sehr, sehr angenehme Event-Nebenwirkung und ohne die Altonale wäre das sicher nicht passiert.
Aber auch auf harten Bänken und bei bewegtem Horizont habe ich öfter gelacht und zwar ziemlich spät abends auf dem kleinen Elbdampfer - der „poetry ferry“ - von den Landungsbrücken nach Finkenwerder. Und es war die Berliner Tresenleserin und Kolumnistin Kirsten Fuchs, die „mit dem Rücken zu“ sitzen mußte und auch sonst nicht ganz wußte, was ihr geschah, weil die Hälfte des Publikums aus ganz normalen und nichtsahnenden und kein bißchen leisen Fahrgästen bestand – mithin das Schicksal der Berlinerin teilten. Je mehr sich Kirsten Fuchs in das ihre fügte, desto schlagfertiger wurde sie - nur das teils sehr

Kirsten Fuchs "mit dem Rücken zu" - Foto: Altonale
rumpelige Anlegen an den Zwischenstationen und das Einschätzen der jeweiligen Länge der Phasen ununterbrochenen Lesens machte ihr bis zuletzt Schwierigkeiten. Sie überstand aber ihre Altonale-Taufe insgesamt mit Bravour.

Konzentrierter ging es beim Wohnzimmer-Quickie zu, auch traditioneller Bestandteil der Literatur-Altonale. In diesem Falle lag das Wohnzimmer zufällig direkt an der Straße meiner Kindheit und fand zwischen unserem damaligen Domizil und der Praxis unseres Hausarztes statt, was der Lesung von Natalie Lazar und Wolfgang Schömel einen noch heimeligeren Anstrich gab. Auch wenn es eigentlich hieß „bring your own bottle“, ließen sich die Gastgeber nicht lumpen und schalteten den Weißen von ihrem Mosel-Hauswinzer frei , sowie Käsehäppchen und Schokosticks und der „Literatur-Quickie“-Verleger Lou A. Probsthayn - quasi der Erfinder der Pixibücher für eilige Leser - warf noch freigiebig Probeexemplare unter die auf zwei Zimmer verteilte Zuhörerschaft. 17 Minuten dauert ein Büchlein - und es gibt sie sogar als Jahres-Abo: www.literatur-quickie.de/

In Wirklichkeit war dies nur die Spitze des Eisbergs, denn „die kultur altonale bringt mit der kunst altonale, der literatur altonale, der theater altonale und der film altonale seit insgesamt 14 Jahren Kunstausstellungen, Theateraufführungen, Lesungen und Filmvorführungen an alltägliche und ungewöhnliche Orte in ganz Altona.“ Und weil das irgendwie doch alles etwas ville war, lagerte man die Straßenkunst aus. Die nennt sich STAMP - street art melting pot - und stampft Anfang September durch den Stadtteil. Ich zitiere: „Das Internationale Festival der Straßenkünste Hamburg ruft vom 31. August bis 02. September mehr als 2.500 Künstler aus 15 Nationen nach Hamburg. Paraden und Gaukler, Feuerkünstler und Straßenmusiker werden die Straßen von Altona-Altstadt am ersten Septemberwochenende zum Brodeln bringen. Wir erwarten wieder über 200.000 Besucher, die sich das Straßenkunstspektakel zwischen Haus-Drei und Großer Bergstraße, zwischen "IKEA-Baustelle" am Goetheplatz und Max-Brauer Allee anschauen werden.“ Sag ich ja. Da gehe ich dann aber lieber mit einem Buch von Heino Jaeger an die Elbe.

Kaltstart
 
Für mich war es wirklich ein Kaltstart, denn die ersten paar Sommer hatte ich das Plakat nur kalt
angestarrt und gedacht: Noch ein Festival?! Spinnen die?!! Erst dadurch, daß der Hamburger Autor Carsten Brandau - jener, der die Mammut-Mitspiel-Aktion „Altona macht auf“ der Altonale mit Tania Lauenburg erdachte und machte - dort vertreten war, wurde ich gnädiger. Und als ich zudem noch feststellte, daß es weitgehend an einem Ort und in einem Haus im Schanzenviertel vor sich gehen sollte, ja, da ging ich doch glatt mal hin zu Vorstellung von „Wir sind nicht das Ende“. Um dann dort vor Ort in dieser mehrstöckigen Kultur-Kaschemme die nicht unwichtige Erleuchtung zu haben, daß es sich im Prinzip um ein Nachwuchsfestival dreht. Sehr sympathisch, sehr direkt, sehr rough und ungeschminkt. Off-Broadway. Man saß mittendrin. Und da ging dann wirklich die Post ab. „Die Frau des Terrorpiloten wird zur Furie“ beschrieb das „Hamburger Abendblatt“ den Ganzkörper-Einsatz der jungen Schauspielerin Birgit Unterweger vom Leipziger Centraltheater völlig richtig. Und jubilierte geradezu: „..junge Theatermacher wie der Hamburger Carsten Brandau überzeugten mit sozialkritischen Stoffen“. Ich hätte wohl ein wenig den Kritiker gegeben, a la „heikle oder zynische Nutzbarmachung des ernsten Terrorismushintergrundes für ein höchst private und hysterische Beziehungskiste“ oder so ähnlich, wenn…, ja, wenn Brandau seinen Stoff nicht nach einer realen Geschichte gebaut hätte. Wenngleich Terrorist ein Beruf mit relativ wenig Privatleben sein müßte, gibt es dennoch Angehörige - und unter ihnen sogar unwissende…
Nächste Möglichkeit, das Stück - in anderer Besetzung - in Hamburg zu sehen Anfang September.
 
Harbour Front Literatur Festival – Vom 12. Bis 22. September in Hamburg

© Cheona Dix
 
Viel überschaubarer ist das reine Listing vor einem Festival. Gerne verrate ich, was ich mir bald zu Gemüte und zu Ohren ziehen werde: 1. Olli Dittrich vermittelt Heino Jaeger in der Fischauktionshalle. 2. Rainer Moritz präsentiert sein neues Buch „Sophie fährt in die Berge“ zusammen mit Leslie Malton auf dem Design-Klassiker unter den Kombi-Frachtern, der „Cap San Diego“. 3. Juli Zeh und ihr neues Buch „Nullzeit“ werden von Sven Amtsberg (halbwegs ernst) im Bunker-In-Club „Übel & Gefährlich“ präsentiert. 4. Erforschen Wolfgang Hegewald und Navid Kermani die Geheimnisse der Literatur in der Freien Akademie der Künste. Habe ich etwas vergessen? Ja! Verraten zu lassen, wer denn zum Teufel Heino Jaeger war. Das übernimmt gerne der Pressetext von Ralf Kessenich im 114-seitigen Programm-Booklet des Harbour-Front-Festival 2012 (mit dem schönen Plakat-Motiv von Cheona Dix - Papierschiff auf hoher See - als Titel):
 
Heino Jaeger. Erinnerungen von Olli Dittrich
Ein großes Stück Kulturgeschichte
 
„Loriot verehrte ihn als großen Humoristen, Harry Rowohlt fordert seit Jahren eine Werkausgabe, Eckard Henscheid nennt ihn den „Mozart der Komik“ und Der SPIEGEL bezeichnet ihn als würdigen

© Kein & Aber
Nachfolger Karl Valentins. Heino? Jaeger? „Der ist etwa so unbekannt wie der Friseur von Theodor Heuss“, bemängelt Die Welt, „und das ist außerordentlich schade, zumindest im Falle Jaegers.“ „Wir haben ihn wohl nicht verdient“, seufzte Loriot. Olli Dittrich will das ändern und setzt dem Satiriker und Radio-Kultstar der 1960er- und 1970er Jahre mit seiner Hommage „Man glaubt es nicht!“ ein verdientes Denkmal: „Jaegers Kunst ist zeitlos, absolut begreifbar und vor allem: sehr, sehr unterhaltsam; ein ganz großer Meister, bis heute unerreicht. Jaeger ist ein großes, bedeutendes Stück deutscher Kulturgeschichte.“ Wer den „erbarmungslosen Ohrenzeugen“ (Hüsch) wirklich kennen lernen will, ist bei Olli Dittrich genau richtig.“ Zitat Ende.
Nach der Vorstellung werde ich diese frenetischen Wortbilder um ein weiteres bereichern: „Was der Matjes für die Fischauktionshalle, ist Heino Jaeger für den deutschen Humor: Ein integraler und integerer Bestandteil. Wer wäre besser geeignet, diese norddeutsche Delikatesse zu servieren, …als Olli Dietrich!“ (Andreas Greve / Musenblätter)
 
Informationen gibt es zu allen Veranstaltungen unter: http://www.harbour-front.org/