TÍte-ŗ-tÍte mit dem Kaiser

‹ber Napoleon I. und seinem Verhšltnis zum Rheinland (3)

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker

Tête-à-tête mit dem Kaiser
 
Über Napoleon I. und seinem
Verhältnis zum Rheinland (3)

 

Jetzt saßen die Franzosen also in Köln und mußten sich erstmal darum kümmern, die Kölschen zu zivilisieren – zumindest müssen das die Franzosen so gesehen haben, so haben sie sich bemüht, in Köln alles umzukrempeln. Dies um so mehr, als sie nach dem Frieden von Basel 1795 und vor allem dem von Campo Formio 1797, wo zuerst die Preußen und dann Resteuropa auf das Linksrheinische verzichtet hatten, absolut freie Hand bekommen hatten. Jetzt wurde umgekrempelt, was nicht nur mit der Hausnummer 4711 in Köln zu tun hatte. Das Linksrheinische mußte ja verwaltet werden und da kann man mal sagen, daß die Franzosen die einzigen, nein, die einzigsten waren, die das einigermaßen hinbekommen hatten, wenn auch nicht für lange Zeit aber dafür mit langen Nachwirkungen. Weder der Römer noch der Preuße, na ja, der schon gar nicht, haben es hinbekommen, den Rheinländer zu verwalten. Der Franzose schaffte das deshalb, wie ich vermute, weil er anders vorgegangen ist. Der hat eben nicht eine neue Ordnung gepredigt oder dem Rheinländer den rechten Winkel und die preußische Präzision beizubringen versucht, und auch beim Karneval ist der Franzose viel raffinierter als der Preuße vorgegangen: er hat ihn zunächst mal verboten, um ihn dann peu à peu wieder zu erlauben, was ja ein altes effektives Erziehungs-und Herrscherprinzip ist: nimms weg und gibs dann wieder, die Freude wird riesig sein. Daurier, der Brigade-General und Stadtkommandant in Köln hat am 12. Februar 1795 unter dem Titel:
„Freiheit, Einheit, Gleichheit, Untheilbarkeit, Verbrüderung“ den Kölschen verkündet:
 
„An den Magistrat!
Die Üebelgesinnten, welche, gleich dem Kameleon, alle Farben annehmen, alle Gelegenheiten ergreifen um die öffentliche Ruhe und Ordnung zu stören, werden gewiß nicht ermangeln, das, was ihr Karneval nennet, zu benutzen, um einige Unruhen anzustiften, wovon die aristokratische Horde immer einigen Vortheil zu ziehen wissen würde“ (Wenn das der Guttenberg hören würde...!!)
„Um nun allem, was Ruhe und Ordnung stören kann, vorzubeugen, gebe ich euch hiermit den bestimmten Auftrag und auf eure Verantwortung, euern Mitbürgern alle Maskeraden, alles Hin- und Herlaufen auf den Gassen in Masken oder in Verkleidungen, wie diese immer sein mögen, einzeln oder zusammen, zu verbieten.
Ich verbiete zugleich und von neuem jede Art von Versammlung, sogar die Bälle, es seye dann, daß ich darzu die Erlaubnis gegeben habe; wobey ich aber von euch und dem Aufsichtsausschusse vorher Nachricht einziehen werde, ob die gute Aufführung derjenigen, welche solche Belustigungen vorschlagen, für ihre Handlungen bürge.
Ihr werdet mir in 24 Stunden die zur Folge dieses Briefes ergriffenen Maßregeln anzeigen.
Gruß und Verbrüderung
Daurier
Gegenwärtiges hat die Expeditions-Kanzley in beyden Sprachen zum Druck befördern, durch den Trommelschlag öffentlich verkünden und gewöhnlicher Orten anheften zu lassen.
Köln den 12. Hornung 1795“
 
Natürlich hörten das die Kölschen nicht gern und wehrten sich auf die übliche subversive Art mit Spottliedern und Dialogen, deren meiste Matthias Joseph DeNoel schrieb, dem man übrigens nicht genug dafür danken kann, daß er mit kölschem Witz die Zensur immer wieder unterlief. In einem solchen Dialog schilderte er „Meister Brezzel“, der in Paris im Theater war. Vor lauter Begeisterung spricht der nur noch französisch, was seinem Freund Wammes gar nicht gefällt.
„Ich han à Paris – so sprach Meister Brezzel – Die Komedíe gesin, Par blau quel superbe Spectacle darin“
Und Meister Wammes erwiderte:
Och kall doch dien Dütsch, dat kann ich vertragen
Dann all dat Französisch dat verdirv mir der Magen!“
 
Dann aber, ab 1801, das Jahr, in dem die Linksrheinischen französische Staatsbürger wurden, war der Fisch gegessen und Karneval wieder erlaubt.
 
Und der Franzose hat den Rheinländer, vor allem aber den Kölschen, bei seinem Sinn für Eleganz, Weltläufigkeit und Charme gepackt – ja ich weiß, das sind nicht wirklich Qualitäten, die man mit dem Kölschen an sich verbindet, aber die Franzosen haben eben so getan als ob es so wäre, das war der Hit!
Straßennamen zum Beispiel. Das war nämlich so: genau so wenig, wie die Rheinländer französisch konnten, als dä Franzus do wor, war der des Deutschen mächtig. Also mußte man gucken, wie man sich orientieren konnte. Da war es natürlich schon hilfreich, die Straßennamen z.B. zu übersetzen. Was sich allerdings als extrem schwierig herausstellte – Mikrotoponomastik nennen das die Philologen und meinen damit die Typologie der Flurnamen.
 
Da haben sich die Franzosen vor und unter Napoleon wirklich einen abgebrochen und sind dennoch freundlich vorgegangen. Bei vielen Namen war es kein Problem, da wurde schlicht übersetzt, hatte sich der Fall:
Schildergasse – rue d’enseigne
Hahnestraße – rue des coqs
Hohe Straße – rue haute
Breite Straße – rue large
Aller Markt – vieu marché
Glockengasse – rue de cloche
Ich meine: dat klingt ja nach wat, oder?!!
Manchmal kamen sie ein bißchen in die Bredouille, bei Unter Sachsenhausen z.B. war zu überlegen, was soll das denn heißen: Sachsenhausen? Wäre das die rue de habiter sous des Saxons? Nöö, mit Sachsen hat es ja nichts zu tun, Sachsenhausen kommt von sechzehn Häusern also haben die Franzosen völlig richtig übersetzt: rue seize maisons.
Manchmal lagen sie daneben wie bei der Übersetzung von „In der Höhle“. Da wußten sie jetzt nicht genau, meint das Hohlweg oder nicht. Weil aber direkt daneben eine Strasse „Auf dem Himmelreich – rue du paradis“ war, dachten sie an einen Schreibfehler und übersetzen „In der Höhle“ mit Hölle, also „rue de l’enfer“, warum auch nicht.
Weil jeder französische Ort einen Freiheitsplatz braucht haben sie geguckt, wo sie den denn unterbringen und haben kurzerhand den Neumarkt in place de la liberté übersetzt, ihn dann aber nach vier Jahren, warum weiß keine Sau, in Waffenplatz – place d’armes“ umzubenennen, vielleicht, weil da immer exerciert wurde.
Oft genug haben sie aber – und die Kölschen haben sich bestimmt dodrövver gefreut – die Namen einfach gelassen:
Rue Schildergasse
Rue Friesenstraße
Rue an den Steinfeldern
Rue Marcellen.
Manchmal haben sie ein „de“ vorgeschaltet
Rue de St. Apern
Und manchmal nur einen Akzent draufgehauen wie bei
Gereons Dreesch, wo sie zweimal auf Géréon den accent aigue geknallt haben, fertig ist die Laube.
Ferdinand Franz Wallraff hat sich da übrigens große Verdienste erworben: er war zuständig für die Hilfe bei der Namensgebung und hat in großer Kenntnis der Stadtgeschichte und in Loyalität zu den Franzosen versucht, den Kölnern über die Straßennamen ein Gefühl für ihre große Geschichte zu geben. Nur insgesamt siebenmal hat er den Franzosen nachgegeben und aktuelle Bezeichnungen erlaubt, z.B.
An den Augustinern wurde zu Place Napoléon
Markmannsgasse zu rue Impériale
Entsprechend die Markmannsgassenpforte zu Porte Impérial
Die Gereonsstrasse, wo das Kaiserpaar bei seinem Besuch 1811 in Köln logierte, wurde zu Ehren von Napoleons zweiter Frau in rue Marie-Louise umbenannt
 
Und, weil Napoleon so stolz auf seinen Sohn war, den er schon mit zwei Jahren zum König von Rom ausrufen ließ – in der Ausstellung ist dieses Kapitel zauberhaft berichtet! – hat Wallraff vorgeschlagen (und durchgesetzt), daß „Unter Sachsenhausen“ nun in „Rue du Roi de Rome“ umbenannt wurde.
Darüberhinaus hat Wallraff alle Möglichkeiten genutzt, die römische Geschichte wieder aufleben zu lassen:
Aus Hinter St. Marien hat er Place Agrippa gemacht,
aus An St. Stephan Rue Trajan und aus
Hinter St. Martin Voie du Capitol.
Manches war ihm e bißje zu dreckelig, so machte er aus dem „Katzenbauch – quartier des Cattes/Cattenbug“ in Erinnerung an den Stamm der Chatten und aus dem „Hundsrücken“ das „Quartier des Huns (= Hönn) / Hunnenrücken“ und den gibt es immer noch!

Auch im Gesundheitswesen, der Kirchenverwaltung und der Steuererhebung tat sich was im Rheinland unter Napoleon. In der nächsten Woche erzähle ich Ihnen davon.

In diesem Sinn
Ihr
Konrad Beikircher
 

 
© 2012 Konrad Beikircher für die Musenblätter - Redaktion: Frank Becker