TÍte-ŗ-tÍte mit dem Kaiser

‹ber Napoleon I. und seinem Verhšltnis zum Rheinland (5)

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker
Tête-à-tête mit dem Kaiser
 
Über Napoleon I. und seinem
Verhältnis zum Rheinland (5)

 


Und da sind wir, wie ich Ihnen in der vergangenen Woche versprochen habe, mittendrin bei den Auswirkungen von unserem Kaiser auf die Rheinlande und das ist ein weites Feld. Ich kann da nur ganz vage hier und da wat herausgreifen und weil ich schöne Sprache so gerne habe, möchte ich da mal ein bißchen schauen, und weil ich Beethoven so liebe, gucken wir auch zu ihm und weil ich Südtiroler bin, komme ich zu Andreas Hofer.
Lommer mit der Romantisierung von unserem Emperör anfange, weil das schon interessant ist. Selbst unser Heinrich Heine ist da unter die Wortführer gegangen, als er seine Grenadiere schrieb:
1811 erlebte der 13-jährige Heine den Einzug Napoleons in Düsseldorf. Bayern hatte die Stadt und das Herzogtum Berg 1806 an Frankreich abgetreten, so daß Heine später Anspruch auf die französische Staatsbürgerschaft erheben konnte. Den Kaiser der Franzosen verehrte er zeitlebens für die Einführung des Code civil, der Juden und Nicht-Juden gesetzlich gleichstellte.
In den Jahren 1815 und 1816 arbeitete Heine als Volontär zunächst bei dem Frankfurter Bankier Rindskopff. Damals lernte er in der Frankfurter Judengasse das bedrückende und ihm bis dahin fremde Ghettodasein der Juden kennen. Heine und sein Vater besuchten damals auch die Frankfurter Freimaurerloge Zur aufgehenden Morgenröte. Unter den Freimaurern erfuhren sie die gesellschaftliche Anerkennung, die ihnen als Juden oft verwehrt blieb. Viele Jahre später, 1844, wurde Heine Mitglied der Loge Les Trinosophes in Paris.
1816 wechselte er ins Bankhaus seines wohlhabenden Onkels Salomon Heine in Hamburg. Salomon, der im Gegensatz zu seinem Bruder Samson geschäftlich höchst erfolgreich und mehrfacher Millionär war, nahm sich des Neffen an. Bis zu seinem eigenen Tod im Jahr 1844 unterstützte er ihn finanziell, obwohl er wenig Verständnis für dessen literarische Interessen hatte. Überliefert ist Salomons Ausspruch: „Hätt’ er gelernt was Rechtes, müßt er nicht schreiben Bücher.“ Schon während seiner Schulzeit auf dem Lyzeum hatte Harry Heine erste lyrische Versuche unternommen. Seit 1815 schrieb er regelmäßig, und in der Zeitschrift Hamburgs Wächter wurden 1817 erstmals Gedichte von ihm veröffentlicht.
Die Grenadiere hat er 1816 geschrieben, sie kamen dann ins Buch der Lieder unter „Romanzen“.
 
Die Grenadiere
 
Nach Frankreich zogen zwei Grenadier,
Die waren in Rußland gefangen.
Und als sie kamen ins deutsche Quartier,
Sie ließen die Köpfe hangen.
Da hörten sie beide die traurige Mär:
Daß Frankreich verloren gegangen,
Besiegt und zerschlagen das große Heer –
Und der Kaiser, der Kaiser gefangen.
Da weinten zusammen die Grenadier
Wohl ob der kläglichen Kunde.
Der eine sprach: Wie weh wird mir,
Wie brennt meine alte Wunde!
 
Der andre sprach: Das Lied ist aus,
Auch ich möcht mit dir sterben,
Doch hab ich Weib und Kind zu Haus,
Die ohne mich verderben.
Was schert mich Weib, was schert mich Kind,
Ich trage weit beßres Verlangen;
Laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind –
Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!
Gewähr mir, Bruder, eine Bitt:
Wenn ich jetzt sterben werde,
So nimm meine Leiche nach Frankreich mit,
Begrab mich in Frankreichs Erde.
Das Ehrenkreuz am roten Band
sollst du aufs Herz mir legen;
Die Flinte gib mir in die Hand,
Und gürt mir um den Degen.
 
So will ich liegen und horchen still,
Wie eine Schildwach, im Grabe,
Bis einst ich höre Kanonengebrüll
Und wiehernder Rosse Getrabe.
Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab,
Viel Schwerter klirren und blitzen;
Dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab,
Den Kaiser, den Kaiser zu schützen.
 
Es lohnt sich aber sehr, bei Heinrich Heine ein bißchen genauer hinzugucken und das kann man im Werk: „Ideen. Das Buch Le Grand“. Dort nämlich erzählt er als Düsseldorfer von Napoleon und wie das so war, als der kam und da brauch ich gar nix mehr zu kommentieren.
 
Heine also erzählt vom Wechsel der Wittelsbacher zu den Franzosen in Düsseldorf 1806:
„Damals waren die Fürsten noch keine geplagte Leute wie jetzt, und die Krone war ihnen am Kopfe festgewachsen, und des Nachts zogen sie noch eine Schlafmütze darüber, und schliefen ruhig, und ruhig zu ihren Füßen schliefen die Völker, und wenn diese des Morgens erwachten, so sagten sie: ,guten Morgen, Vater!' - und jene antworteten: guten Morgen, liebe Kinder!’ Aber es wurde plötzlich anders; als wir eines Morgens zu Düsseldorf erwachten, und ,guten Morgen, Vater!' sagen wollten, da war der Vater abgereist, und in der ganzen Stadt war nichts als stumpfe Beklemmung, es war überall eine Art Begräbnißstimmung, und die Leute schlichen schweigend nach dem Markte, und lasen den langen papiernen Anschlag auf der Thüre des Rathhauses. Es war ein trübes Wetter, und der dünne Schneider Kilian stand dennoch in seiner Nanquingjacke, die er sonst nur im Hause trug, und die blauwollnen Strümpfe hingen ihm herab, daß die nackten Beinchen betrübt hervorguckten, und seine schmalen Lippen bebten, während er das angeschlagene Placat vor sich hinmurmelte. Ein alter pfälzischer Invalide las etwas lauter, und bey manchem Worte träufelte ihm eine klare Thräne in den weißen, ehrlichen Schnautzbart. Ich stand neben ihm und weinte mit, und frug ihn: warum wir weinten? Und da antwortete er: ,der Kurfürst läßt sich bedanken.' Und dann las er wieder, und bey den Worten ,für die bewährte Unterthanstreue' ,und entbinden Euch Euer Pflichten', da weinte er noch stärker - [ ... ] Während wir lasen, wurde auch das kurfürstliche Wappen vom Rathhause heruntergenommen, alles gestaltete sich so beängstigend öde, es war, als ob man eine Sonnenfinsterniß erwarte, die Herren Rathsherren gingen so abgedankt und langsam umher [ ... ]. Ich aber ging nach Hause, und weinte und klagte: ,der Kurfürst läßt sich bedanken'. Meine Mutter hatte ihre liebe Noth, ich wußte was ich wußte, ich ließ mir nichts ausreden, ich ging weinend zu Bette, und in der Nacht träumte mir: die Welt habe ein Ende - die schönen Blumengärten und grünen Wiesen wurden wie Teppiche vom Boden aufgenommen und zusammengerollt, der Gassenvogt stieg auf eine hohe Leiter und nahm die Sonne vom Himmel herab, der Schneider Kilian stand dabey und sprach zu sich selber: ,ich muß nach Hause gehn und mich hübsch anziehn, denn ich bin todt, und soll noch heute begraben werden’.“


Und noch ein kleines Kapitelchen über Heinrich Heine liefere ich nächste Woche - mr wolle et ja nit övverdriewe.

In diesem Sinne
Ihr
Konrad Beikircher

 
 
© 2012 Konrad Beikircher für die Musenblätter - Redaktion: Frank Becker