TÍte-ŗ-tÍte mit dem Kaiser

‹ber Napoleon I. und seinem Verhšltnis zum Rheinland (8)

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker
Tête-à-tête mit dem Kaiser
 
Über Napoleon I. und seinem
Verhältnis zum Rheinland (8)

 

Wie der BonnerLudwig van Beethoven
zum Franzosenkaiser stand und
wie es ihm in Wien erging


Jetzt aber, bitte schön, kommen wir zu Ludwig van Beethoven und seiner speziellen, sehr speziellen Beziehung zu Napoleon. In drei seiner Werke spielt Napoleon und spielen die Franzosen eine ganz aufregende Rolle: in der Eroica, im Fidelio und – ein bißchen – in seiner Fünften.
 
1803 war die Eroica wohl im Groben fertig, die Endfassung entstand wahrscheinlich erst kurz vor der Drucklegung 1806. Die Idee allerdings, eine Hommage an Napoleon in Form einer großen Symphonie zu schreiben, hatte er möglicherweise schon 1798 im Kopf, jedoch: man weiß es nicht genau. Ob er schon bei den ersten Skizzen vorhatte, ein Werk von 1853 Takten zu komponieren (damit eine Symphonie, die mindestens dreimal so lang ist wie eine von Mozart oder Haydn) kann nur so beantwortet werden: ja sicher - ging es doch um Napoleon und die Idee der Freiheit!
In dieser Zeit - im Sommer 1803 - ging es unserem Ludwig richtig gut. Er hatte im Jahr zuvor das Theater an der Wien herumgekriegt, ihm im Theatergebäude (heute Linke Wienzeile 6) unentgeltlich eine Wohnung zur Verfügung zu stellen, damit er frei von Nöten und besorgten Mietern ('Was denn wohl die Nachbarn dazu sagen, daß der Herr Komponist nachts um drei auf dem Flügel herumhämmert') seine Arbeit am "Fidelio" vorantreiben kann. Allerdings gefiel Beethoven diese Wohnung nicht, weil sie nach hinten lag und es da nicht so viel 'zu gucken' gab. Er zog also im Frühjahr 1803 nach Ober-Döbling in ein einfaches Häuschen, das mitten in den Weinbergen lag. Also 'aussichtsmäßig' in jeder Hinsicht 1a! In Ober-Döbling war man gut drauf, würde man heute sagen, man feierte und es gab oft Nacht-Musiken mit anschließendem geselligen Essen im "Hirschen", die er sich nicht entgehen ließ.
Was einen wieder mal zur Frage bringt: welche Bedingungen brauchen Genies, um arbeiten zu können?
 
Ich meine: so einen Trauermarsch ausgerechnet in einer der weinseligsten Gegenden Wiens zu komponieren, ist ja nicht gerade eine naheliegende Idee. Na gut, es kommt auf en Wein an! Es gibt eine literaturhistorische Untersuchung die nachweist, daß es kaum einen in irgendeiner Weise 'trockenen' Autoren, speziell aber Lyriker gab. Ist das bei Komponisten auch so? Wenn es so wäre (bei Beethoven gibt es ja Gründe, das so zu sehen, selbst wenn der Wein damals nicht so stark alkoholhaltig war wie heute), müßte man dann sagen: war es egal, wo er jeweils lebte, Hauptsache es war genug Wein da? Genug des Kabaretts: wenn einer so ein Genie ist wie Bach oder Beethoven, dann kommt es vielleicht nur noch darauf an, genügend Platz für ein Blatt Notenpapier zu haben um das, was im Kopf ist, niederschreiben zu können. Bach komponierte zwischen Cembaloschülern, Babygeschrei und nörgelnden Stadträten, Beethoven zwischen ihn bestehlenden (wie er dachte) Bediensteten, völlig chaotischen Einrichtungen und unter Dächern,
durch die es durchregnete oder eben in lieblichen Gegenden. Egal: als Komponist, der nur seiner eigenen Wahrheit verpflichtet war, spielte das Ambiente keine Rolle.
Die Eroica sollte also Napoleon gewidmet werden (vielleicht wegen der gemeinsamen Liebe zum Chambertin, dem wundervollen Burgunder? Beethoven soll ja vom französischen Botschafter in Wien sechs Flaschen davon als Dankeschön von Napoleon überreicht bekommen haben), natürlich wegen der Idee der republikanisch gefärbten Freiheit, die Napoleon zu verkörpern schien. Als der sich aber 1804 zum Kaiser krönen ließ, war Beethoven außer sich, zerriß die Titelseite des Manuskripts und soll ausgerufen haben:
"Ist der auch nicht anders wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeiz frönen, er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden!"
 
Wohl wahr! Obendrein ist dieser Ausspruch beredtes Beispiel für die tief republikanische Überzeugung Beethovens aber auch für seine Einstellung, Menschlichkeit über alles zu stellen. Vielleicht wäre er heute bei amnesty international oder so.
Beethoven schrieb dann über die Symphonie: "Sinfonia eroica composta per festigiare il Souvenire di un grand' Uomo" - heroische Symphonie komponiert, um das Andenken eines großen Menschen zu feiern, aber wen er damit meinte, bleibt unklar. Ich vermute, er meinte es allgemein. Und er widmete die Symphonie dann kurzerhand einem seiner Geldgeber und Förderer: dem Fürsten Franz Joseph von Lobkowitz.
In die erste Violinstimme schrieb er darüberhinaus die Bemerkung: "Questa Sinfonia essendo scritta apposta più lunga delle solite, si deve eseguire più vicino al principio ch'al fine di un Academia, e poco dopo un Overtura, un'Aria, ed un Concerto;
acciochè, sentita troppo tardi, non perda per l'auditore, già faticato dalle precedenti produzioni, il suo proprio, proposto effetto" -
'Diese Symphonie, die mit Absicht länger angelegt ist als die üblichen, muß man eher kurz nach Beginn als kurz vor dem Ende einer Akademie (eines Konzertes) spielen, und kurz nach einer Ouvertüre, einer Arie und eines Konzerts; damit sie nämlich, wenn sie zu spät zu Gehör gebracht wird, für den Zuhörer, der von den vorangegangenen Darbietungen schon ermüdet ist (!!), nichts von ihrer eigenen, absichtsvollen Wirkung verliert.'
No, ist das Selbstbewußtsein? Und das 1805, wo noch alles vor dem 'angestammten Herrscherhaus' und den 'Fürstlichkeiten' im Staube gelegen hat! Schon an solchen Kleinigkeiten zeigt sich das neue Selbstbewußtsein des Künstlers, bis dahin unerhört in der Geistesgeschichte (Genies wie Michelangiolo etc. ausgenommen, aber auch die mußten oft genug zu Kreuze kriechen).
 
Die Fünfte entstand in einer Zeit, in der Beethoven definitiv neue Wege ging und in der es finanziell etwas durcheinander ging, bis sich - ausgelöst durch ein verlockendes Angebot - alles zur Zufriedenheit des Komponisten löste. Das Angebot schildert Beethoven kurz in einem Brief an Baron Ignaz von Gleichenstein vom 1. November 1808: "Liederlicher Baron - ich hab dich gestern umsonst erwartet - ... ich habe einen schönen Antrag als Kapellmeister vom König von Westphalen erhalten - man will mich gut bezahlen - ich soll sagen wieviel Dukaten ich haben will – etc. - ich möchte das mit dir überlegen - wenn du daher kannst, komm diesen Nachmittag gegen halb 4 zu mir - diesen Morgen muß ich ausgehen".
Wer ist nun dieser König von Westphalen? Sie werden es nicht glauben: der Bruder Napoleons, Jérome Buonaparte! Der hatte von Napoleon das extra für ihn gegründete Königreich Westfalen übertragen bekommen (saß damit in Kassel und war dem Kaiser aus den Füßen!).
Wir fragen uns natürlich: ein Angebot aus dem Hause Buonaparte ernsthaft zu überlegen, bedeutet, daß Beethoven seine Verachtung Napoleons überwunden haben muß, oder? Vielleicht aber wußte er da schon, daß das Angebot eine willkommene Pokerkarte ist, um seinen Wiener Förderern den Schock des "Jetzt geht er wirklich" zu versetzen und damit ihre Förderwilligkeit erheblich zu verstärken. Es hat auch - falls Beethoven Jérome tatsächlich zum Pokern benutzte - geklappt, denn er erhielt im Januar 1809 vom Erzherzog Rudolph sowie den Fürsten Lobkowitz und Kinsky die Zusage, jährlich 4000 Gulden als Rente zu bekommen (was sich die drei teilten), worüber am 1.März 1809 feierlich ein Vertrag unterzeichnet wurde.
Die Fünfte wurde also in einem Jahr vollendet und uraufgeführt, das beinahe Beethovens letztes Jahr in Wien hätte werden können. Andererseits: ER als Rheinländer in Westfalen - das wäre NIEMALS gut gegangen!

Über unseren großen Ludwig van erzähle ich Ihnen in der kommenden Woche noch ein bißchen mehr - seien Sie herzlich eingeladen!

 
In diesem Sinne
Ihr
Konrad Beikircher

 
© 2012 Konrad Beikircher für die Musenblätter - Redaktion: Frank Becker