TÍte-ŗ-tÍte mit dem Kaiser

‹ber Napoleon I. und seinem Verhšltnis zum Rheinland (9)

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker

Tête-à-tête mit dem Kaiser
 
Über Napoleon I. und seinem
Verhältnis zum Rheinland (9)

 

Wie der BonnerLudwig van Beethoven
zum Franzosenkaiser stand und
wie es ihm in Wien erging


Und jetzt kommt der Hinweis auf etwas, was erst seit kurzem bekannt ist (die Zeitgenossen Beethovens wußten es allerdings). Peter Gülke, Herausgeber einer Ausgabe der Fünften, hat auf den offenkundigen, absichtlichen Zusammenhang der Fünften mit der Musik der französischen Revolution hingewiesen. Das Nebenthema (in Takt 47/48 taucht es im Cello das erstemal auf und ab da immer wieder bis zur geradezu apotheotischen Verklärung durch Hörner und Posaunen in Takt 303 - 307), dieses berühmte ta - daa daa - daaaa (g - fis - g - a) stammt aus einem Lied, das Rouget de Lisle, der Autor der Marseillaise, komponiert hat und dem die Worte zugrunde liegen: "La liberté, la liberté". Das heißt, Beethoven hat mit voller Absicht ein Revolutionslied, das dann die napoleonischen Soldaten bei ihren Angriffen durch ganz Europa trugen, in seine Fünfte eingebaut: ein absoluter Hit! Vielleicht wurde ihm die C-Dur-Verklärung im vierten Satz doch etwas zuviel, so daß er da ein politisches Bekenntnis für die Revolution dann doch noch äußern wollte, wer weiß.
 
Und schließlich der Fidelio und seine Uraufführung, das heißt: die Uraufführung der ersten Fassung am 20. November 1805 im Theater an der Wien. Pech für Beethoven war, daß die Uraufführung in eine ziemlich turbulente Zeit fiel. Am 13. November, also gerade mal vor sieben Tagen, zog Napoleon und die Franzosen mit 15.000 Mann aller Waffengattungen in Wien ein, am 15. besetzte Bonaparte das Schloß Schönbrunn, der Adel war geflohen, wie immer, wenn man ihn gebraucht hätte. Wien wimmelte von französischen Soldaten und Offizieren, das Durcheinander kann man sich ja vorstellen, und genau diese Offiziere waren auch in der Uraufführung und stellten den Großteil des Publikums. Der eine oder andere von ihnen wird sicherlich Beethoven gekannt haben, ob sie allerdings des Deutschen mächtig waren, darf bezweifelt werden. Das sind natürlich Super-Bedingungen für die Uraufführung einer Oper.
 
Wenn dann noch dazu kommt, daß man den Chor der Gefangenen als Anti-Franzosen-Chor auffassen konnte, was der eine oder andere sicher getan hat, dann haben wir das Dilemma perfekt. Die Uraufführung also war nicht unbedingt der Bringer.
Die „Leipziger allgemeine musikalische Zeitung“ schreibt am 8. Januar 1806 über diese erste Vorstellung unter anderem (sächsisch!): „Das Ganze, wenn es ruhig und vorurteilsfrei betrachtet wird, ist weder durch Erfindung noch durch Ausführung hervorstechend... Den Singstücken liegt gewöhnlich keine neue Idee zum Grunde, sie sind größtenteils zu lange gehalten, der Text ist unaufhörlich wiederholt, und endlich auch zuweilen die Charakteristik auffallend verfehlt... Die Chöre sind von keinem Effekte, und einer derselben, der die Freude der Gefangenen über den Genuß der freien Luft bezeichnet, ist offenbar mißraten. Auch die Aufführung war nicht vorzüglich. Dem. Milder hat, trotz ihrer schönen Stimme, doch für die Rolle des Fidelio viel zu wenig Affekt und Leben, und Demmer intonierte fast immer zu tief. Alles das zusammengenommen, auch wohl zum Teile die jetzigen Verhältnisse, machten, daß die Oper nur dreimal gegeben werden konnte.“
Vergleichsweise vernichtend also, oder?! Fräulein Milder, die später durch ihren Fidelio berühmt geworden ist, war da erst zwanzig Jahre alt, woher also sollte sie die Kraft nehmen, so eine Rolle zu singen. Herr Demmer übrigens war der Sänger des Florestan.
Ein anderer Besucher der Uraufführung kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis. Dr. Henry Reeve notiert in seinem Tagebuch unter Donnerstag, den 21. November 1805: „Die Geschichte und der Plan des Stückes ist ein trauriges Gemisch von schlechten Handlungen und romantischen Situationen; die Arien, Duette und Chöre verdienen jedes Lob... Dies ist die erste Oper, welche er überhaupt komponiert hat, und sie wurde stark applaudiert... Beethoven saß am Klavier und dirigierte die Aufführung selbst. Er ist ein kleiner, dunkler, noch jung aussehender Mann, trägt eine Brille und sieht Herrn König ähnlich. Nur wenig Zuhörer waren anwesend; der gegenwärtige Zustand der öffentlichen Angelegenheiten trug die Schuld daran, sonst wäre jedenfalls das Haus in allen Teilen gefüllt gewesen.“
Schade, daß wir nicht wissen, wer Herr König ist, dem Beethoven so ähnlich sah!
Sie sehen also, auch die Premiere von Fidelios erster Fassung war das, was man von den Premieren heute auch kennt: die einen sagen so, die anderen sagen so.
 
Soweit also uns Ludwig und Napoleon.

In der nächsten Woche klappe ich zum Abschluß für Sie und ein paar letzte ketzerische Bermerkungen noch einmal das Buch Napoleon" auf. Schauen Sie wieder rein!

Ihr
Konrad Beikircher

 
© 2012 Konrad Beikircher für die Musenblätter - Redaktion: Frank Becker