Sein bester Freund

Christoph Steinbrener /Thomas Mie▀gang - "Der Phantastische Phallus"

von Sabine Kaufmann
Sein bester Freund
 
Der priapeische Gedanke in der Kunst
 
Girl, ain't no ball playin goin on round here
(Missy Elliott)
 
Es sind nicht selten solche Zufallsfunde, die nicht nur den von Konventionen verstellten Blick für neue Formen und Themen der Kunst öffnen, sondern die in ihren Ansichten und Bildern festgefahrene Kunstwelt aufrütteln und nachhaltig das Bewußtsein zu verändern wissen.
Die posthume Entdeckung der einzigartigen Kollektion des öffentlichkeitsscheuen Kunstsammlers Wendelin Rentzsch-Tetzlaff (hier später kurz WRT genannt) in einem Lagerhaus in Allentown, Pennsylvania läßt spontan Assoziationen zur „Duckomenta II“ und zu der legendären Ted Galerie,
kuratiert von Volker Brummig zu. Da wie dort eröffnen sich völlig neue Horizonte, Sichtweisen und Einsichten. Hier nun, im Fall der Sammlung WRT, wird dank des kein verlegerisches Risiko scheuenden Verlages Rogner & Bernhard sowie der mutigen Herausgeber Christoph Steinbrener und Thomas Mießgang nein, kein Tabu gebrochen – es wird der Schleier bigotter Schamhaftigkeit zerrissen, den Kunstwelt und Kirche, Zaghaftigkeit und Zensur über ein Thema, respektive ein äh… Ding geworfen haben, das uns alle angeht: den Phallus – oder wie Robert Indiana es/ihn griffiger formuliert, COCK. Jetzt, nach dem Fund der Sammlung WRT ist manifest, daß sich wohl kaum ein zeitgenössischer Künstler dem exhibitionistischen Sog entzogen hat, sein Ding oder eins wie er es gerne hätte, in priapischer Lust darzustellen, bzw. in sein stiltypisches Werk einzubauen.
 
Schauen wir uns, natürlich streng wissenschaftlich, einige Beispiele jener phallischen Äußerungen, mit
pulsierendem Pinsel gemalten oder fliegenden Händen plastisch gestalten erektiven künstlerischen Entladungen an, die der einzigartige und eloquent kommentierte Band unter dem Titel „Der Phantastische Phallus“ präsentiert. Wer anders als wir, liebe Freundinnen, meine Damen, wüßte den Wert des wirklich einzigen männlichen Vorteils höher einzuschätzen? Und wer könnte dessen nicht nur gelegentlich prahlerische, ja narzisstische Darstellung konkreter auf den Boden der Tatsachen zurückführen? Eben. Wie begegnet er uns, wie begegnen wir ihm, dem „besten Freund“ des Mannes, der zugegeben, auch uns in aufrechten Momenten ein guter Freund sein kann? Sie und ich wissen vermutlich mehr um die Geheimnisse des Gliedes und seiner beiden Anhängsel, um das die Phantasie des Mannes fast ununterbrochen zwanghaft zentriert kreist, als dessen Besitzer selbst. Der Mann in seiner phallischen Selbstvergottung glaubt, die Fixierung sei bei uns ähnlich, wenn nicht noch weit intensiver, da lustgesteuert. Fataler Irrtum! Denn da, wo jener es heftig liebt, dient es uns – gelegentlich – zur selbstbestimmten Entspannung oder zum gewiß nicht immer schmeichelhaften Amüsement.

 
Aber, meine Damen, zurück zur Kunst. Plakativ verhüllt zeigt sich in einer Arbeit des wie ja landauf, landab bekannt, von seiner Frau gesteuerten Christo (s.o.) dessen anscheinend nicht uninteressantes Exemplar. Was verbirgt sich unter der Verpackung? Wird es halten können, was es streng geschnürt zu versprechen scheint? Sind nicht ohnehin alle Künstler irgendwie weibgesteuert? Wer steht wohl hinter Damien Hirst, daß er sich vom Schädel ab- und dem Genital zugewandt hat? Ist es der verzweifelte Versuch, ein Dokument verblaßten Glanzes, vergangener Größe zu schaffen? Fragen über Fragen, denen sich von Exponat zu Exponat neue anschließen. Was Alexander Calder verspielt dem neckischen Wind aussetzt – wir wissen leider nichts von der Größe des Objektes – ist Offenbarung wollender Leichtigkeit, Friedensreich Hundertwasser ergeht sich wie so oft in vagen funktionalen Andeutungen, die er farblich überhöht, Joseph Beuys fettige kleine Anspielung offenbart sich erst beim genauen Hinsehen und Erwin Wurms „One Minute Cock“, trifft, kombiniert mit Missy Elliotts Zeilen „Break me off, show me what you got / cause I don´t want no one minute man“ einen so offen zuvor noch nicht geäußerten feministischen Basis-Gedanken. So waren wir, meine Freundinnen aus Emma-Zeiten (jaja, Du auch!): Kerle, nein danke, aber wenn, dann mit einem ordentlichen Riemen. Hatte doch was.
 

Piet Mondrians im Konvolut erstmals öffentlich gezeigtes konstruktivistisches Werk – im Bedarfsfall auch um 180° gewendet einsetzbar, läßt keinen Zweifel zu: Mondrian will die kompromißlose Härte
des Objektes, dessen konkrete Ausrichtung aufs Ziel vermitteln, womit er weit offene Türen einrennt. Heißt es doch im Text zu Calder in einem Zitat ambivalent: „The vulva is a central image in modern art because it is an orogin both cosmic and base.“ Da weiß man doch, wo´s lang geht. Das bislang ebenfalls unbekannt gebliebene, unzweifelhaft von seiner Hand geschnittene Werk Lucio Fontanas sei hier als letztes Beispiel der Sammlung WRT genannt und gezeigt. Sein subtiler Ausdruck des Drängens hinaus (oder hinein?) das kryptische Wollen geht schon unter de Haut. Werfen Sie einen Blick in die Gedankenwelt des Mannes, meine Damen, werfen Sie aber auch das durch Fehlinterpretationen von HMS Spearhead, V 2, Ariane, Proton oder Chrysler Building geprägte priapeische Bild ab, das man uns stets nahe legt. Die großen Jungs, die so was gebaut haben stehen außerhalb unserer Wunsch- und Gedankenwelt.   
 
 
Die Autoren:
Christoph Steinbrener, geboren 1960 in Marburg/Lahn, ist Bildhauer und Mitglied der Künstlergruppe Steinbrener/Dempf (www.steinbrener-dempf.com). Er beschäftigt sich in seiner Arbeit unter anderem mit den Themen Fälschung und Täuschung. Er lebt in Wien.
Dr. Thomas Mießgang, geboren 1955 in Bregenz, studierte Germanistik und Romanistik in Wien. Er war viele Jahre journalistisch tätig (Falter, Profil, Die Zeit, ORF). Von 2000-2011 war er Kurator der Kunsthalle Wien. Derzeit Mitarbeiter der Viennale – Vienna International Film Festival. Mießgang publiziert zu Kunst, Musik und Kulturpolitik und lebt in Wien.
 

„Der Phantastische Phallus“ - Die unglaubliche Geschichte von Wendelin Rentzsch-Tetzlaff und seiner Sammlung herausragender Avantgarde-Kunst
von Christoph Steinbrener und Thomas Mießgang
© 2012 Verlag Rogner & Bernhard, 92 Seiten, Fadenheftung, 20,5 x 28,5 cm, mit 34  Abbildungen
ISBN 978-3-95403-004-0
schlappe 14,95 Euro
 
Redaktion: Frank Becker