Neue Perspektiven

Frank Jacobs - "Seltsame Karten"

von Robert Sernatini
Neue Perspektiven
 
Frank Jacobs – „Seltsame Karten“
Ein Atlas kartographischer Kuriositäten
 
Es ist nicht leicht, sich in der Welt zurechtzufinden. Wer da nicht die Übersicht behält, läuft Gefahr, zwischen Meeren und Bergen, Ländern und Kontinenten verloren zu gehen. Kluge Menschen haben, damit zumindest die geographische Orientierung einigermaßen klappt, schon früh begonnen, die Welt zu vermessen und sie zu kartographieren. Erste Karten datieren bereits runde 6.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Immer mehr verfeinerte sich im Laufe der Zeit die Technik von Vermessung und Darstellung, aus vage Eindrücke vermittelnden kartenähnlichen Darstellungen wurden les- und brauchbare Land- und Seekarten, mit denen es möglich wurde, sich nicht nur eine Vorstellung jener fremden Gegend zu verschaffen, sondern auch den Weg dorthin und an Ort und Stelle Weg und Steg zu finden, so es einen Reisenden dorthin verschlagen sollte.
 
Die Kartographie machte vor allem während der letzten 500 Jahre große Fortschritte, Alexander von Humboldts „Vermessung der Welt“ war ein Markstein, wobei nicht selten Fakten und Fiktion eine kuriose Allianz eingingen. Bisweilen irrten Kartographen auf ignorante oder geradezu groteske Weise, einige ließen ihrer Phantasie über die entdeckten oder vermuteten Teile der Welt freien Lauf, wieder andere zeigten beim Ausmalen der Welt unerhörte Kreativität wie Vladislav Gerasimov mit der Umkehr von Landmasse und Seelfläche oder Mark Ovenden mit seinem weltumspannenden U-Bahn-Netz. Natürlich beschäftigte sich auch die reine Fiktion mit Landkarten, denken wir nur an Tolkiens Mittelerde, das Reich von Oz, Jules Vernes Visionen und das Land Tendre nach Madeleine de Scudérys Roman „Clélie“. Auch für Zwecke der Propaganda und der Geschichtsfälschung wurden Karten eingesetzt, andere mit Mitteln der Karikatur den dargestellten Staaten satirisch angepaßt oder als Visionen politischer Wünsche gezeichnet.
 

Der belgische Journalist in diplomatischen Diensten Frank Jacobs sammelt seit vielen Jahren ausgefallene, komische, eben „Seltsame Karten“ – so der Titel seines jetzt auch in deutscher Sprache und bibliophiler Ausstattung erschienenen Buches mit einer Auswahl der kuriosesten Karten aus seinem Archiv. Durch seinen weltweit aufgerufenen Internet-Blog „Strange Maps“ kam er in den Besitz vieler rarer Exemplare, die einen Eindruck davon vermitteln, wie man nach dem aktuellen Stand der Information der entsprechenden Zeit jeweils die Welt gesehen hat. Es ist ein unerhört unterhaltsames und blendend kommentiertes Buch, in dessen 52 überwiegend farbigen Abbildungen ein Kosmos der Sicht des Menschen auf seine Erde abgebildet ist und dem „Normalverbraucher“ einige völlig neue Perspektiven und historische Vorgänge präsentiert werden. Meine drei Favoriten sind die bürokratische Grenzziehung auf der Ostseeinsel Märket, deren Größe sich durch Anlandung von Boden verändert hat, die der von der Apollo 11-Besatzung auf dem Mond zurückgelegten Wege und die kühne U-Bahn-Weltkarte von Mark Ovenden. Schauen Sie selbst mal rein.

 
Frank Jacobs – „Seltsame Karten – Ein Atlas kartographischer Kuriositäten“
© 2012 Liebeskind Verlag, 128 Seiten, Halbleinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 21,5 x 28,5 cm - aus dem Englischen (Strange Maps, 2009) von Matthias Müller
29,80 €


Heinrich Bünting fec., um 1600
 
Weitere Informationen: www.liebeskind.de