Kleine Fluchten

Helle Helle - "RÝby - Puttgarden"

von Frank Becker
Kleine Fluchten
 
Jane lebt am südlichen Zipfel der dänischen Insel Lolland, in Rødby, woher sie auch stammt, bei ihrer Schwester Tine, die sich schon zu Kinderzeiten um ihre jüngere Schwester gekümmert hat, und deren kleiner Tochter Ditte. Jane hat ihre Ausbildung abgebrochen, keine Ambitionen und ist glücklich, durch Tine einen Job bei der Fährgesellschaft Scandlines zu finden, die unter dem Namen „Vogelfluglinie“ mit ihren Autofähren zwischen Rødby und Puttgarden Dänemark mit Deutschland verbindet. In der Parfümerie der Fährschiffe findet sie Heimat, Freunde und Versuche der Liebe. Es ist eine kleine, recht enge, aber doch nicht ungemütliche Welt, die im Norden kaum über Næstved auf Sjælland hinausreicht und im Süden am Fähranleger von Rødbyhavn bzw. dem Mikrokosmos der Schiffe endet. Eine Welt, in der man sich gegenseitig besucht, feiert, trinkt, unwichtige Dummheiten macht, sich ver- und entliebt und am Leben lernt.   
 
Das und das unaufgeregte Zusammenleben von Menschen ist es, was Helle Helle intensiv beschäftigt und das sie in ihrem Roman fast akribisch genau, wenn auch erstaunlich unauffällig aufarbeitet. Die einem Tagebuch nicht unähnliche Prosa, in der sie dieses berührend menschliche, schlicht wirkende Buch anlegt, bringt dem Leser ihren Protagonisten nah, sehr nah, kann man doch den Maßstab vergleichbarer eigener Erlebnisse anlegen, sich streckenweise mit den Personen der Handlung, die eigentlich ja gar keine ist, identifizieren. Daß der Tod ab und an in das Leben eingreift, ist nicht erschreckend. Er gehört wie Krankheit, Liebe, Angst, Selbstzweifel, Ausbruchsversuche, Glück und Sex dazu. Apropos: die wenigen erotischen Passagen, die Helle Helle dezent in ihren Roman einbaut, sind so liebenswert und unanstößig wie die Liebe an sich. Was zählt, sind die kleinen und großen Gefühle, die kleinen, nicht ernst gemeinten Fluchten, ist das Bewältigen, der Umgang mit dem Leben, von dem ihre Figur Jane ebenso wie Sie und ich nur das eine hat.
 
Helle Helles Roman „Rødby – Puttgarden“ ist ein wunderbar lesbares Stück Wirklichkeit zwischen nassen Füßen und Schokoladenbruch, White Linen und Camferine, Træsko, abgesprungenen Fahrradketten und der Freude am kleinen Glück. Denn mehr ist nicht möglich – und auch nicht nötig. Flora Fink hat das Buch eigentlich recht gut übersetzt. Warum sie aber z.B. die Namen der dänischen Fährschiffe „Danmark“ und „Prinsesse Benedikte“ eindeutscht, erschließt sich nicht. Bei meiner nächsten nur 45 Minuten dauernden  Fahrt über den Fehmarnbelt werde ich das Leben auf dem Fährschiff mit anderen Augen sehen und an Jane denken.
 
 
Helle Helle – „Rødby - Puttgarden“ (Roman)
© 2010 Dörlemann Verlag, 285 Seiten, gebunden, Lesebändchen, aus dem Dänischen von Flora Fink
19,90 €
 
Weitere Informationen: www.doerlemann.com