Leise, beklemmende Dramatik

Georges Simenon - "Der Buchhändler von Archangelsk"

von Frank Becker

Ein kleines Meisterwerk
 
In der Diogenes-Reihe der ausgewählten Romane Georges Simenons glänzt mit „Der Buchhändler von Archangelsk“ ein weiteres Juwel des unvergessenen belgischen Autors. Zwar ist die Wahl des deutschen Titels in der revidierten Übersetzung gegenüber dem Original „Le petit homme d´Arkhangelsk“ und der früheren deutschen Ausgabe (1963) „Der kleine Mann von Archangelsk“ ungeschickt gewählt, doch tut das dem Buch ansonsten keinen Schaden an. Simenon schildert mit sachlicher Emphase (doch, das geht!) das elementare Unglücklichsein eines Menschen, die bewegende Leere seines wie auf dünnem Eis künstlich inszenierten Lebens. Er hat die einzigartige Begabung, durch intensives psychologisches Ausleuchten in die Tiefen der Seele seiner Figuren einzudringen, vornehmlich der vom Leben Betrogenen. Hier tut er es am Beispiel eines Mannes, dem das Leben nie wirklich wohlwollend, das Schicksal nie tatsächlich günstig war. Alles, was er sich erträumt, sich scheinbar an Glück oder auch nur Zufriedenheit aufbaute, wird zur Schimäre. Nicht nur, daß er von der Frau, die er aus stiller Zuneigung entgegen aller Vernunft geheiratet hat, betrogen, verlassen und um den einzig wertvolle materiellen Besitz bestohlen wird – durch seine Angst vor peinlicher Schande und durch nachbarliche Denunziation gerät er in den ungeheuerlichen Verdacht, seine schöne, lebenslustige junge Gina umgebracht zu haben, in die unerbittlichen Mühlen polizeilicher Ermittlungen.
Georges Simenon gibt diesem sanften, stillen Jonas Milk, dessen Buchhändlerdasein nur ein weiteres Synonym für seine Einsamkeit ist, so mitfühlend und doch distanziert Gestalt, daß man den bescheidenen, ängstlichen und letztlich hilflosen Mann vor sich zu sehen, ja ihn zu kennen glaubt. Raffiniert versteht Simenon es, die restlichen Figuren dieses herausragenden Romans um die Vieux-Marché – abgesehen vom Polizeisergeanten Basquin – so milchig zu zeichnen, daß sie, wenn auch wichtige Staffage bleiben. Jonas Milk kann dem wachsenden Druck - der bedrückte Leser wird schier atemlos und verzweifelt – nicht standhalten, sieht sich durch ein unerbittliches Schicksal so hoffnungslos in die Enge gedrängt, daß er die sich plötzlich bietende Möglichkeit zu seiner Entlastung, den Weg in die Freiheit, in den Wind schlägt und den ihm einzig möglich erscheinenden Ausweg wählt…
Simenons Buch ist von beklemmender, leiser Dramatik, ein kleines Meisterwerk, das glücklich und unglücklich zugleich macht. Man möchte es gleich noch einmal lesen, in der trügerischen Hoffnung, Jonas Milk möge bei der zweiten Lektüre einen anderen Weg wählen. Das ist genial, Monsieur Simenon!
 
Georges Simenon – „Der Buchhändler von Archangelsk“ (Roman)
© 1978/2013 Diogenes Verlag, 207 Seiten, gebunden, Lesebändchen
Aus dem Französischen von Alfred Kuoni
ISBN-10: 3257241380 - ISBN-13: 9783257241389
9,- €
 
Weitere Informationen: www.diogenes.ch