Ein Kind von Traurigkeit

Mascha Kalèko – Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden

von Andreas Greve

© dtv

Mascha Kaleko –
Ein Kind von Traurigkeit
 
von Andreas Greve
 
 




Abschied
(Erste und letzte Strophe)
 
Jetzt bist Du fort. Der Zug ging neun Uhr sieben.
Ich hielt Dich nicht zurück. Nun tut´s mir leid.
- Von dir ist weiter nichts zurückgeblieben
Als ein paar Fotos und die Einsamkeit.
 
Jetzt sitz ich ohne dich in meinem Zimmer
Und trinke dünnen Kaffee ganz allein.
- Ich weiß, das wird jetzt manches Mal so sein.
Sehr oft vielleicht. … Beziehungsweise: immer.
 
Welch leichtfüßige Zeilen – und welch widriges Leben! Sie war nicht gerne da, wo sie herkam (Galizien) und schließlich auch nicht gerne da, wo sie hinging (Israel). Ein tragisches Leben im Transit. Gerade deshalb ist an der Lyrikerin Mascha Kalèko (1909 – 1975) die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit ihrer Dichtung so bewundernswert.
Gerade anfangs, in ihren sehr jungen Berliner Jahren, perlte es nur so aus ihr heraus. Mühelos wie drei Schritte durch ein flaches Bachbett im Sommer. Ihre Leser liebten das und ihre Bewunderer stammten durchweg aus der ersten Liga des Geistes- und Kulturlebens des deutschsprachigen Raumes, von Walther Mehring über Thomas Mann bis Albert Einstein und Ernst Rowohlt. Sie kannte Else Lasker-Schüler, Erich Kästner und Ringelnatz. Bildschön war sie obendrein und auch im Kollegenkreis zudem keineswegs auf den Mund gefallen.
 
Genauso mühelos brachte sie ihre Lyrik an den Mann und unter die Leute. Sie war Anfang zwanzig, als sie bereits regelmäßig in den führenden Blättern, wie der „Vossischen Zeitung“, abgedruckt wurde. Ihre Werke wirkten älter als sie. Ihr kometenhafter Aufstieg fand schon gegen Ende der dreißiger Jahre sein jähes Ende. 1938 mußte sie mit ihrem zweiten Mann und dem gemeinsamen kleinen Sohn Deutschland verlassen und lebte dann fast zwanzig Jahre in der Emigration in New York, wo sie sich u.a. durch das Verfassen von Reklame-Texten über Wasser hielt. Dort standen auch vor allem die beruflichen Bemühungen ihres meist recht erfolglosen Gatten, der lebenslang an einer Anthologie chassidischer Synagogalmusik arbeitete, im Vordergrund. Er gründete und leitete zudem einen Chor. Sie mußte die Feder fallenlassen, wenn er rief. In dem Gedicht „Die Leistung der Frau in der Kultur“ spricht sie ein Grundmanko an: „Was uns Frauen fehlt, ist „Des Künstlers Frau“ oder gleichwertiger Ersatz“
 
Doch muß ich, wie stets, unterbrechen.
Mich ruft mein Gemahl.
Er wünscht, mit mir sein nächstes Konzert zu besprechen.


Es war aber auch eine tiefe Liebe und eine wohl recht einzigartige Ehe. Sie folgte ihrem Ehegatten auch nach Jerusalem – sozusagen dem „Mekka“ jüdischer religiöser Musik aus aller Herren Länder - konnte aber noch Mitte der Fünfziger Jahre das Wiederaufleben des Interesses an ihrer Dichtung in Deutschland erleben und auch selber durch Rundfunk-Lesungen befördern, ja sogar die Wiederauflage ihres glorreichen Debüt-Bandes „Das lyrische Stenogrammheft“ bei Rowohlt.
Wie diese Genugtuung schmeckte, läßt sich sehr gut in den unzähligen Briefen ablesen, die sie in jener Zeit an ihren Mann, an ihren Agenten, an Ernst oder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt und an andere schrieb. Fast hundert Seiten alleine für diese kurze Zeit in Hamburg, gespickt mit Namen und Orten von Harvestehude über (Willy) Haas bis Harry (Rowohlt), damals erst elf, der aber schon recht aufgeweckt wirkte. Wer dann weiter und weiter liest, kann erleben, wie sich – mit fast demselben Personal – Euphorie in Frustration wandelt und Enttäuschung in Paranoia. Verschachtelte Verwerfungen, die letztlich dazu führten, daß Gedichte und Texte Mascha Kalèkos in immer anderen Kombinationen und Beimischungen bei gleich mehreren Verlagen erschienen - oder eben nicht - oder dann für immer vergriffen waren. Fast bis in dieses Jahrtausend, in dem mir ihr - bis dahin eigentlich eher unbekannter – zauberhafter Tonfall in dem dtv-Taschenbuch „Mein Lied geht weiter“ begegnete. Mehr über sie erfuhr ich durch den Band „Die paar leuchtenden Jahre“, beide herausgegeben von Gisela Zoch-Westphal. Ich könnte jetzt noch weitere Verlage und Titel anführen, um das Verwirrende der Vielfalt zu illustrieren. Es würde mit Sicherheit den Wunsch wecken, alles, aber auch alles, in einem Band zu haben. Den gibt es jetzt auf wundersame Weise!
 
Die Herausgabe „Sämtlicher Werke und Briefe in vier Bänden“ von Jutta Rosenkranz ist eine späte Genugtuung, vielleicht sogar Wiedergutmachung. Vor allem aber eine phantastische Fügung für die von Mascha Kalèko noch selber gewählte Nachlaßverwalterin Gisela Zoch-Westphal – Ehefrau und Witwe unserer aller Erzählerstimme Gert Westphal. Durch welche Zufälle sie Mascha Kalèko – die zu der Zeit bereits in Jerusalem wohnte – überhaupt kennenlernte, das kann sie selbst wahrlich am besten erzählen. Und wird das wohl auch Mitte Februar auf NDR Kultur tun. Sie tat es jedenfalls sehr überzeugend bei der Tonaufnahme, dem Mascha-Kalèko-Abend des Literaturhauses Hamburg im Rolf-Liebermann-Studio des Norddeutschen Rundfunks. Es wirkte so, als erzählte sie die Begebenheit zum ersten Mal. Das hätte ich sofort geglaubt, wenn ich es nicht kurz vorher in den „paar leuchtenden Jahren“ und anderen Texten gelesen hätte. Dort stand die Begegnung bereits haargenau beschrieben. Wortgetreu! Ich muß schon sagen: Überzeugende Schauspielerin!
Ziemlich am Anfang dieses Bandes das Gedicht „Autobiographische“ von 1958: „Die sogenannte Goldne Kinderzeit, / Nach der so viele von uns Heimweh haben. / Hat mein Gedächtnis abgrundtief vergraben / und so von manchem Alpdruck mich befreit…“ Ein paar Seiten weiter das „Rezept“, eines von insgesamt drei veröffentlichten reimlosen Gedichten:
 
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre wird alles noch reichen.
Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Richte dich ein.

Und halte den Koffer bereit.
 
Geschrieben 1966, zwei Jahre vor dem Tod ihres geliebten und begabten Sohnes 1968.
 
Und dann, fünf Jahre später, im Dezember 1973, verliert sie ihren Mann Chemjo Vinaver. Über der Todesanzeige ihr lyrisches „Memento“ (1956 erstmals veröffentlicht / s. Bd. 4)
 
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?


Und an anderer Stelle: „Denn der Tod tut nicht weh, nur das Sterben“. Auch das findet sich in dem Büchlein „Mein Lied geht weiter“, genauso wie „Nachts“, dessen zweite Strophe lautet
 
Noch war das Sterben mir so fremd.
Das war, als es begann.
Doch, schläft man oft im Totenhemd,
Gewöhnt man sich daran.
 
Das ist dann schon fast wieder der Tonfall des Anfangs. Sie starb nur zwei Jahre später. Am Ende, aber eigentlich schon seit dem Tod ihres Sohnes, war sie ein gebrochener Mensch.
 
Ich kann mich nicht daran erinnern, welche Gedichte die geschätzte Schauspielerin Maria Schrader bei dieser Aufzeichnung vorlas. Sehr genau aber habe ich noch im Ohr, wie unglaublich viel im Publikum geräuspert und gehustet wurde. Ich hatte zeitweise den Eindruck, einige wären extra zum Husten gekommen. Aber es muß sowieso geschnitten werden, schon wegen der Zeit und der wenigen Haspler Maria Schraders (Gleich nochmal neu ansetzen und weiter!). Neben Gisela Zoch-Westphal saß die Herausgeberin, Jutta Rosenkranz, die sich dieses irrwitzige Mammutprojekt nicht nur vorgenommen, sondern es auch – wenn auch mit einigen Jahren Verspätung – zum Abschluß gebracht hat.
Einige der überwiegend weiblichen Zuhörerinnen kauften sich die vier Bände, broschiert oder in Leinen, gleich auf der Stelle am Büchertisch der Buchhandlung Samtleben im Foyer. Ich lieh sie mir Wochen später – als Erstleser! – in der Zentralbücherei. Ein paar Kilo, verteilt auf den Text-Band, die zwei Briefbände und den Schlußstein Kommentar: Die Quellen, die Stellen hinterm Komma und die Danksagung, die alleine über vier oder fünf Seiten (!) läuft und nicht nur unendlich viele Namen
aufzählt, sondern auch einen gewissen Hinweis darauf liefert, daß die Herausgeberin doch wohl etliches viel zu genau genommen hat und viel zu gründlich betreibt. Fremdwörter, die eigentlich jedem geläufig sein sollten, werden als Fußnote übersetzt, aber dafür Titel der Gedichtbände im Anhang grundsätzlich abkürzt: Tr = „In meinen Träumen läutet es Sturm“ oder PA: „Das himmelgraue Poesiealbum“ – wie uncharmant ist das denn! Und wie unpraktisch für den Gelegenheitsleser! (Auf wen das auch immer zurückgeht.) Außerdem: Vier mal 1000 Seiten wollen bewegt werden, da gerät das Herumgeschnuppere leicht zur Gymnastik. Nein, ich glaube, dieses Standardwerk gehört wirklich in die Bibliothek. Also an Orte, wo es für viele zugänglich ist und wo geistiges Erbe zu stehen hat. Dadurch wird Mascha Kalèko ihren Platz bekommen und behalten. Wie der - für mich oft letztinstanzliche - Alfred Polgar schon schrieb: Was für ein „zärtlich-weiblicher Rhythmus voller Melancholie, Ironie und politischer Schärfe.“

Ich glaube, die 198,- Euro für die gebundene Ausgabe wären für Amateure falsch angelegt. Vielleicht entschließt sich der Verlag ja irgendwann einmal, den ersten Band in zweimal 500 Seiten zu teilen und so die gesammelten Gedichte Mascha Kalèkos in einer Volksausgabe dennoch zusammen erscheinen zu lassen. Bis dahin komme ich mit den „Hundert Gedichten / Mein Lied geht weiter“ für 5,90 Euro und den „paar leuchtenden Jahren“, in denen sich auch Biographisches findet, für 9,90 Euro gut aus. Sogar auf „Das lyrische Stenogrammheft“ (rororo) könnte ich solange verzichten, zumal mir einige von diesen allerersten Versen nach einer gewissen Zeit, ehrlich gestanden, dann fast schon zu „leicht“ vorkamen. Aber die beiden erwähnten dtv- Taschenbücher sollte man sich auf jeden Fall kaufen – so viel Respekt schuldet man dieser bedeutenden deutschen Dichterin doch wohl. Demnächst dann noch ergänzt und abgerundet durch die Wortbeiträge in der Sendung  „Sonntagsstudio“ auf NDR Kultur am 17. Februar von 20.05 Uhr bis 21.30.

Mascha Kalèko – Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden – Herausgegeben und kommentiert von Jutta Rosenkranz
© 2012 dtv, Originalausgabe, mit Abbildungen,
3.752 Seiten, Broschur  78,- €,  Leinen 198,- €
 
 
Für das schnelle switchen zwischen deutschen Kulurradiostationen, von Figaro bis Saarland West empfehle ich diesen Link, der ein-zwei Handvoll davon optisch und akustisch sauber bereithält: (so komme ich aus dem Norden schnell zu wdr3 und 5)
http://ndrkultur.radio.de/

Redaktion: Frank Becker