Louis´ deutsche Gedichte

Ein bewegendes Zeit-Dokument

von Rudolf Engel

Louis´ deutsche Gedichte
 
Louis Abraham, geb. 1928,
wohnhaft in Paris
 
Über ein Vierteljahrhundert lang haben wir den Sommer an der Côte, in Bormes-les-Mimosas, gemeinsam verbracht und sind gute Freunde geworden. Als sich Louis im letzten Sommer für immer von mir verabschiedete, weil er voraussah, daß er aus Altersgründen die Fahrt in den Midi kein zweites Mal mehr schaffen würde, machte er mir zum letzten Abschied ein Geschenk von derart persönlicher Kostbarkeit, daß ich mich lange sträubte, es anzunehmen.
Es handelt sich um ein in einem blaugrauen Umschlag unscheinbar aufgemachtes Schulheft, Louis´s Deutschheft, in das er über drei Jahre, von 1941 bis 1942, also während der deutschen Besatzung, als Schüler eines Pariser Gymnasiums die im verpflichteten Deutschunterricht gelernten Gedichte von Dehmel über Heine, Goethe, Schiller bis Uhland, über 30 an der Zahl, sorgfältig eingetragen und mit eigenen Zeichnungen geschmückt hatte.
Dies dürfte dem damals 13- bis 14-jährigen Knaben insofern besonders schwer gefallen sein, als dazu erst einmal die von den Besatzern auch in Frankreich vorgeschriebene Sütterlin-Schrift gelernt werden mußte. Hinzu kam für ihn persönlich die besondere Belastung, daß er, selbst noch nach dem umständlich erforderten „Ariernachweis“, immer noch unter permanenter Beobachtung und dem Verdacht blieb, jüdischer Anstammung zu sein.
Die einzigen französischen Worte des Heftes sind die, welche Louis mir zum Abschied auf die leere Vorderseite geschrieben hatte:

 


 


 


 


 


 


 


Redaktion: Frank Becker