Die Stadt der Frauen

Die besetzte Welt des Miroslav Tichư

von Frank Becker

© Kehrer Verlag
Die Stadt der Frauen
 
Die besetzte Welt des Miroslav Tichý
 
 
Wie trifft man aus einem Œuvre von wohl Hunderttausenden Bildern eines manischen Fotografierers für ein Buch, dessen Umfang absehbar begrenzt sein muß, die richtige Auswahl? Alfried Wieczorek und Thomas Schirmböck haben sich in Sachen Miroslav Tichý (1926-2011) dieser nahezu unmöglichen Aufgabe gestellt, als es darum ging, anläßlich einer Ausstellung in der Mannheimer Fotogalerie ZEPHYR der Reiss-Engelhorn Museen einen Überblicks-Katalog zusammenzustellen.

Der Zeichner, Maler und autodidaktische Fotograf Miroslav Tichý war ein Getriebener, ein Voyeur, ein Erotomane (Lesen Sie dazu den Ausstellungsbericht von Rainer K. Wick). Geradezu fieberhaft und ohne selbst auferlegte jede Zurückhaltung, geschweige denn Feingefühl oder jeglichen Respekt vor der Intimsphäre drückte er, wie lesen es in Rainer K. Wicks Bericht, 100 mal täglich auf den Auslöser seiner selbstgebauten Kameras. Tichý lichtete – so suggerieren es die Bilder - meist heimlich und oft geradezu brutal undezent Frauen seiner Stadt Kyjov/CSSR in Momenten persönlichster Unbefangenheit, ab, nutzte ohne jede Scham den Moment, in dem sich Mädchen und Frauen unbeobachtet fühlten, „schoß“ wohl auch im Stil der „Lumographie“ in gewollter Unschärfe aus dem Handgelenk und versteckt – in Schwimmbädern, auf der Straße und über den Gartenzaun. Besonderes Objekt seiner Begierde scheinen die Rückseiten seiner „Opfer“ gewesen zu sein. Den Betrachter seiner Bilder machte er zum Komplizen – und niemand erzähle, er hätte nicht
neugierig und mit einer gewissen Spannung die heimlichen Fotografien betrachtet. Andere Bilder lassen hingegen ohne jede Peinlichkeit das heitere Einverständnis der fotografierten Frauen erkennen, woraus häufig sehr sensible Portraits des Augenblicks entstanden.

Hier nun zu einer repräsentativen Auswahl zu gelangen, die auch einer Ausstellung gerecht wird, erscheint als eine Sisyphos-Aufgabe. Begleitet von Auszügen hochinteressanter Zeitzeugenberichte und Essays von Marc Lenot, Milan Chlumsky, Thomas Schirmböck und Thomas Röske scheint den Herausgebern dieses Vorhaben gelungen zu sein. Zumindest muß es dem Tichý-unkundigen Betrachter des Katalogs so erscheinen, der in dem Konvolut der gezeigten und in der für Tichý typischen kuriosen Bearbeitung seiner Fotografien zum einen dessen manische Besessenheit, zum anderen aber auch einen sehr eigenen Humor und Sinn für Ästhetik erkennt. Heute vor zwei Jahren starb Miroslav Tichý in Kyjov.
 
 
Miroslav Tichý – „Die Stadt der Frauen“, hrsg. v. Alfried Wieczorek und Thomas Schirmböck,
© 2013 Kehrer Verlag, Heidelberg-Berlin, gebunden, Fadenheftung, 248 S., 136 Farb- und 22 S/W-Abb., 17 x 23 cm, 24,90 €, - ISBN 978-3-86828-360-0

Die Stadt der Frauen - Miroslav Tichý - Ausstellung
ZEPHYR Raum für Fotografie  -  C 4.9 - 68159 Mannheim
Noch bis 26.05.2013 - täglich außer Montag 11-18 Uhr und nach Vereinbarung
Tel. 0621-2932120
http://www.zephyr-mannheim.de