B wie Beethoven

Anekdoten um den großen Bonner

von Konrad Beikircher

B wie Beethoven
 
Als südtiroler Wahlrheinländer und Beethoven-Verehrer möchte ich Ihnen im folgenden nicht die üblichen Daten über Beethoven servieren (ich nehme einfach an: wenn Sie dies lesen, werden Sie schon wissen, daß „ta – ta – ta – taa“ nicht der Titel eines neuen Ego-Shooter-Spiels ist), sondern ein paar Dinge mitteilen, die Sie vielleicht noch nicht gewußt haben und die Ihnen bei jedem Gespräch über Beethoven dabei helfen werden, als Kenner gelten zu können!
Daß er in Bonn geboren wurde – wer wüßte es nicht, desgleichen, daß er vom kölnischen Kurfürsten Maximilian Franz, als jüngstes Kind der Kaiserin Maria Theresia Habsburger reinsten Blutes, 1792, also mit 22 Jahren nach Wien geschickt wurde. Die Freunde in Bonn trugen sich ins Stammbuch ein, das in Witwe Kochs Weinhaus „Zehrgarten“ auflag, Graf Waldstein formulierte in diesem Büchlein die wunderbaren vier Sätze, die in keiner Beethoven-Biographie fehlen dürfen: „Sie reisen itzt nach Wien zur Erfüllung ihrer so lange bestrittenen Wünsche. Mozart´s Genius trauert noch und beweinet den Tod seines Zöglings. Bey dem unerschöpflichem Hayden fand er Zuflucht, aber keine Beschäftigung; durch ihn wünscht er noch einmal mit jemanden vereinigt zu werden. Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozart’s Geist aus Haydens Händen.“ Mit 22 Jahren ist er also 1792 allein in Wien angekommen und ist im Grunde bis zu seinem Lebensende allein geblieben, so die Legende. Na ja, die Biographen konzentrieren sich gerne ausschließlich auf die Person, die sie beschreiben, und übersehen dabei manchmal offenkundige Zusammenhänge. Tatsächlich war es nämlich so, daß Beethoven zwar etwas früher als andere aus Bonn nach Wien kam, daß er in der Metropole aber durchaus nicht allein war. Schon einige Monate später trudelten sie ein: die Freunde und Brüder auf der Flucht vor Napoleon, der das Rheinland eroberte. Im Mai 1794 kam Beethovens Bruder Caspar Carl nach Wien (4 Jahre jünger als ‚uns’ Ludwig), ihm folgten Beethovens Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler, Lorenz von Breuning, Nikolaus Johann, der zweite Bruder Ludwigs (6 Jahre jünger), die Sängerin Magdalena Willmann, die Vettern Andreas und Bernhard Romberg – alle aus Bonn. Selbst der Kurfürst kam zurück nach Wien und ist 1801 in Hetzendorf bei Wien gestorben. Mit Magdalena Willmann soll Beethoven 1795 sogar Heiratsabsichten unterhalten haben, wie Konrad Küster in seiner 1994 erschienenen Biographie schreibt. Das alles heißt: Beethoven war nicht allein in Wien, er lebte – wenn auch sicher in lockerem Zusammenhang – in einer kleinen Emigrantengemeinde, die ihm sicherlich das Leben in der ihm zunächst fremden Großstadt erleichterte – e klein rheinisch Inselchen mitten in Wien quasi!
 
Um den Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. rankt sich eine hübsche Beethoven-Geschichte:
Im „Dictionnaire historique des Musiciens“, das in Paris 181o erschien und von den Herren Alexandre Choron und Francois Fayolle verfaßt war, taucht zum ersten Mal eine Behauptung auf, die in der Folge immer wieder kolportiert wurde. Die Behauptung nämlich, Beethoven sei der uneheliche Sohn dieses Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II. gewesen. Woher dieses Gerücht seine Wurzeln nimmt und wie das denn gegangen sein soll, daß die ehrenwerte Maria Magdalena van Beethoven, verwitwete Leym, geborene Keverich aus Ehrenbreitstein bei Koblenz zwischen Trauer und Wiederverheiratung mal eben nach Berlin gedüst und da ausgerechnet dem König in die Arme gelaufen sei – oder war der Cellist und König in - sagen wir mal - Bad Breisig um die Witwe auf dem Weg von Koblenz nach Bonn abzufangen? – das steht auf einem anderen Blatt. Tatsache ist, daß dieses Gerücht die Freunde Beethovens aufgeregt hat, vor allem diejenigen, denen die Mutter Beethovens noch im Gedächtnis war.
Der Bonner Freund Beethovens aus alten Tagen, Franz Gerhard Wegeler, will diesen Schmutz aus der Welt schaffen und schreibt am 28. Dezember 1825 aus Koblenz an Ludwig van Beethoven, indem er einen großen Bogen über die Jahrzehnte schlägt: „Wenn du binnen den 28 Jahren, daß ich Wien verließ, nicht alle zwei Monate einen langen Brief erhalten hast, so magst du dein Stillschweigen auf meine ersten als Ursache betrachten. Recht ist es keineswegs und jetzt um so weniger, da wir Alten doch so gern in der Vergangenheit leben, und uns an Bildern aus unserer Jugend am meisten ergötzen. Mir wenigstens ist die Bekanntschaft und die enge, durch deine gute Mutter gesegnete, Jugendfreundschaft mit dir ein sehr heller Punkt meines Lebens, auf den ich mit Vergnügen hinblicke...Gottlob, daß ich mit meiner Frau, und nun später mit meinen Kindern von dir sprechen darf; war doch das Haus meiner Schwiegermutter mehr dein [meint wohl: mein] Wohnhaus als das deinige, besonders nachdem du die edle Mutter verloren hattest...Warum hast du deiner Mutter Ehre nicht gerächt, als man dich im Conversations-Lexikon, und in Frankreich zu einem Kind der Liebe machte? ... Nur deine angebohrne Scheu etwas anderes als Musik von dir drucken zu lassen, ist wohl schuld an dieser sträflichen Indolenz.
Willst du, so will ich die Welt hierüber des Richtigen belehren. Das ist doch wenigstens ein Punkt, auf den du antworten wirst“.
Fast ein Jahr später (!), am 10. Dezember 1826 antwortet Beethoven und entschuldigt sein Säumen: „Freylich hätte pfeilschnell eine Antwort ... erfolgen sollen; ich bin aber im Schreiben überhaupt etwas nachlässig, weil ich denke, daß die bessern Menschen mich ohnehin kennen. Im Kopf mache ich öfter die Antwort, doch wenn ich sie niederschreiben will, werfe ich meistens die Feder weg, weil ich nicht so zu Schreiben im Stande bin, wie ich fühle... Du schreibst, daß ich irgendwo als natürlicher Sohn des verstorbnen Königs von Preußen angeführt bin; man hat mir davon schon vor langer Zeit ebenfalls gesprochen. Ich habe mir aber zum Grundsatze gemacht, nie weder etwas über mich selbst zu schreiben, noch irgendetwas zu beantworten, was über mich geschrieben worden. Ich überlasse dir daher gerne, die Rechtschaffenheit meiner Altern, u. meiner Mutter insbesondere, der Welt bekannt zu machen.“
Was Freund Wegeler dann in seinen „Biographischen Notizen über Ludwig van Beethoven“ auch getan hat, mit Effekt. Denn: hatte Brockhaus in der 1830er Ausgabe noch dieses Gerücht kolportiert – in der 1833er Ausgabe war es bereits verschwunden. Dennoch geistert dieses Gerücht immer wieder durch die Biographien – so wadenbeißerisch-hartnäckig ist offenbar nach wie vor das Interesse daran, die Großen auf das unerträgliche Niveau des privaten Luder-Fernsehens herabzuziehen. Punkt.
 
Daß er Humor hatte, einen wohl eher bärbeißigen, wissen wir schon lange. Ein Beispiel:
Er hat ja gern über die Wiener geschimpft, Phäaken hat er sie genannt, also mehr so Tachinierer, Lebemenschen ohne Tiefgang, das haben andere auch so gesehen, aber einmal hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Da hat er nämlich gesagt:
„Eigentlich hätte in diesen Zeiten jetzt eine Revolution ausbrechen müssen. Aber ich glaube, solange der Österreicher noch braunes Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht.“
Daß er aber auch als kleiner Junge nicht auf den Kopf gefallen war, wissen wir seit November 2006, als Margot Wetzstein mit brillanten Kommentaren die Aufzeichnungen des Bonner Bäckermeisters Gottfried Fischer herausgegeben hat („Familie Beethoven im kurfürstlichen Bonn“, Verlag Beethoven-Haus Bonn, ein Muß für jeden Beethovenfreund). Im Hause Fischer lebte die Familie Beethoven viele Jahre lang und die Erinnerungen Gottfrieds (10 Jahre jünger als Beethoven) bestechen durch Präzision und ihren warmen Tonfall. Der kleine Beethoven steht da vor uns, daß es einem schier ans Herz geht. Z.B. in der Geschichte vom Eier-Diebstahl:
„Die Hausfrau Fischer (Gottfrieds Mama) hatte in der Zeit Hühner, sie beklagt sich, sie sagt, ich füttere gut, bekomme sonst viele Eier und jetzt wenig Eier, sie hat aufpassen lassen, konnte keinen finden, bis zufälligerweise, da sie an nichts dachte, sie auf den Hof kommt und sah, daß sich Ludwig van Beethoven am Gegitter in das Hühnerhaus einschlich. Frau Fischer sagte: Ha! Ha! Ludwig was machst du da, er sagt, mein Bruder Caspar hat mir mein Taschentuch da rein geworfen, das wollt ich wieder heraus holen. Frau Fischer sagt: Ja! Ja! Das mag wohl sein, daß ich so wenig Eier bekomme. Ludwig sagt, O, Frau Fischer, die Hühner verlegen oft die Eier, wenn sie sie dann mal wieder finden, dann freuen sie sich um so mehr. Es gebe aber auch Füchse, wie man sagt, die holen auch die Eier. Frau Fischer sagt, ich glaube, du bist auch eine von den schlauen Fückx, was wird aus dir noch werden? Ludwig sagt, O, das weiß der Himmel, nach Ihrer Aussage bin ich noch bis dato ein NotenFuchs.
Da sagt Frau Fischer: Ja, auch ein EierFuchs. Da liefen die beiden wie die Schelmen fort und lachten, Frau Fischer mußte auch mit lachen und konnte sie als Bubenstreich weiter nicht mehr beschuldigen“.
 
 
Bis nächsten Dienstag!
 
Ihr
Konrad Beikircher



© Konrad Beikircher - Erste Veröffentlichung in dieser Form in den Musenblättern 2013
Redaktion: Frank Becker