Richard Wagner über die Hintertreppe (4)

Zu seinem 200. Geburtstag

von Johannes Vesper

Bildunterschrift
Richard Wagner (1813-1883)
über die Hintertreppe

Zu seinem 200. Geburtstag

von Johannes Vesper


 
Mit Tristan will er in Paris Erfolge erzielen. Dort hatte die Fürstin Metternich, 24 Jahre alt, vom Balkan stammend, 5 Sprachen beherrschend, rauchend, trinkend, aber mit Napoleon III über Wagners Tannhäuser gesprochen, der auf ihr Urteil hin seinem Kammerherrn befiehlt: „Lassen Sie die Oper aufführen“. In der Pariser Oper legt man los, Befehl ist Befehl. Geld spielt keine Rolle. Nur mußte Wagner noch eine Ballettszene einbauen um beim einflußreichen Pariser Jockey-Club die Akzeptanz der neuen Oper zu steigern. Der Club kam immer erst gegen 22 Uhr, also nach dem 1. Akt in die Oper, um die Tänzerinnen, jede von ihnen Mätresse eines Clubmitgliedes, zu sehen. Wagner erkrankt, überanstrengt von der Arbeit an typhösem Fieber, wovon er nach den Ratschlägen seines Arztes mit Beefsteak zum Frühstück, bayrischem Bier am Abend und Senfpflaster auf die Fußsohlen erst nach Wochen gesundet. Er schreibt das das geforderte Ballett, packt es aber in den 1. Akt, sodaß der Jockeyclub es verpassen mußte.

Tristan, 1. Versuch

Der Dirigent ist völlig überfordert. Sein Schüler Gabriel Fauré beschrieb Pierre Louis Dietsch (1808-1865) als „methodischen, aber rückschrittlichen Geist“. Bülow nannte ihn eines der „schäbigsten Rindviehe, einen Greis ohne Intelligenz, ohne Gedächtnis, gänzlich erziehungsunfähig, ohne Gehör, er sei der eselhafteste, dickfelligste, unmusikalischste aller Kapellmeister“. Nach 164 Proben findet die Pariser Premiere des Tannhäuser am 13.3.61 in Anwesenheit der Pariser gesellschaftlichen Creme de la Creme statt. Es kommt zu einem der größten Skandale der Musikgeschichte mit Trillerpfeifen und Lärm auf der einen Seite, Applaus beim anderen Teil des Publikums und beim Kaiser. Tannhäuser wird vom Jockey-Club, der seine Ballettgespielinnen gerne gesehen hätte, mit Lachsalven auf der Bühne begrüßt. Die Fürstin Metternich liefert eine Solovorstellung im Publikum, jubelt, kreischt, und kämpft für den Erfolg der Aufführung. Auch die 2. und 3. Aufführung werden vom Jockey-Club torpediert und enden mit einem Tohuwabohu gegen den erneuten Applaus des Kaisers, der inzwischen zu seiner persönlichen Sicherheit in einer vergitterten Loge sitzt. Die französische Intelligenz war betroffen. Charles Baudelaire schrieb: „Was wird Europa von uns denken, was werden die Deutschen von uns sagen? Diese Handvoll Rüpel bringt uns alle in Verruf“. In Europa werden Wagner und Tannhäuser aber durch den Skandal bekannt. Alle Metropolen wollen ihn sehen. In Deutschland kommt es zu Sympathiekundgebungen für Richard Wagner und in der Dresdener Oper zu Sonderapplaus für den dort nach wie vor steckbrieflich gesuchten. Die Generalamnestie auch für Sachsen erhält Richard Wagner erst am 28.03.62.
 
Im Anschluß an den Tannhäuser-Skandal verläßt Richard Wagner Paris. In Wien soll Tristan aufgeführt
 
Seraphine Mauro
werden. Dort verliebt sich Richard Wagner aber erstmal in Seraphine Mauro, eine junge Halbitalienerin mit schwarzen Locken, einer süßen Figur und nach der Literatur dem schönsten Busen der Welt.

Die Wiener Hofoper ist derweil mit dem „Tristan“ völlig überfordert und bläst die Uraufführung zum ersten Mal ab. Wagner schreibt inzwischen die „Meistersinger“ und bietet sie dem Verleger Schott in Mainz an. Er selbst bittet bei chronischem Geldmangel alle seine Freunde um einer längere Gastfreundschaft und landet in Biebrich (1862 für ein Jahr in der Villa Annika), wo er sich gleichzeitig in zwei Frauen verliebt: Friederike Meyer aus Frankfurt und Mathilde Maier aus Mainz: erstere eine lockere Schauspielerin, Geliebte des Frankfurter Theaterdirektors, die andere Notarstochter: seriös, intelligent und liebenswürdig, außerdem ernsthaft verlangt: Erst Scheidung, dann Heirat, dann Erotik. Hier in Biebrich werden große Teile der „Meistersinger“ erarbeitet. Im November 1862 trennt sich Richard Wagner endgültig von Minna, seiner ersten Frau, sucht sich mit Mathilde Maier eine Wohnung, und als er keine findet, reist er mit Friederike Meyer, der Schauspielerin, nach Wien. Friederike als Schauspielerin in Wien nicht erfolgreich, kehrt bald zurück zu ihrem Frankfurter Theaterdirektor und Wagner, von Schulden erdrückt, startet eine Tournee als Dirigent am 08.02.1863 in Prag, dirigiert in Berlin, Königsberg, St. Petersburg, dirigiert in Moskau, wird von russischen Großfürsten empfangen und kehrt mit einem Überschuss von 7000 Talern (1 Taler = 25 Euro) nach Wien zurück, mietet sofort eine Villa, engagiert ein Dienerehepaar und eine Kammerzofe.
 
Tristan, 2. Versuch
 
Er wird dabei nicht überall geschätzt. Später in London wird ihm einmal vorgeworfen, daß er
 
Cosima von Bülow
Beethovens Sinfonien auswendig dirigiert. Publikum und Presse sind erst beruhigt, als am 2. Abend eine Partitur auf den Pult liegt, bis man dann feststellt, daß zwar Beethoven dirigiert bzw. gespielt wurde, aber die Partitur des Barbier von Sevilla auf dem Pult liegt. Alles Geld ist bald ausgegeben, die Schulden wachsen wieder und die Wiener Gläubiger werden vertröstet, da inzwischen die Hofoper zum zweiten Mal den „Tristan“ probt. 1863 geht Richard Wagner erneut als Dirigent auf Tournee (Prag, Nürnberg, Stuttgart, Karlsruhe, Berlin Baden-Baden und Zürich), um den wirtschaftlichen Erfolg seiner ersten Tournee zu wiederholen. Am 28.11 1863 besucht er seine Freunde, das Ehepaar von Bülow in Berlin und unternimmt mit Frau Cosima, der Tochter von Franz Liszt, eine gemeinsame Kutschfahrt, während Hans von Bülow für das Konzert am Abend mit dem Orchester probt. „Unter Tränen und Schluchzen besiegelten wird das Bekenntnis, uns gegenseitig anzugehören“ heißt es in der Urschrift von „Mein Leben“. 1853 in Zürich hatte er Cosima als damals 16jährige erstmalig kennengelernt. Richard Wagner reist nach Wien zurück, wird depressiv ob seiner klammen finanziellen Situation. Tristan wird nach 77 Proben zum zweiten Male als unspielbar abgesetzt. Die Gläubiger wollen ihn in Schuldhaft nehmen, als sein Freund und Rechtsbeistand, der Landgerichtsrat Dr. Liszt (ein Onkel von Franz Liszt) ihm rät, aus Wien zu fliehen. Seine Schulden betragen rund 50.000 Euro. Er flieht am 23.03. 1864 aus Wien, inkognito in Frauenkleidern, nach München, wo er immerhin im Bayerischen Hof absteigt. Dort dichtet er in depressiver Grundstimmung schon mal seinen Grabspruch: „Hier liegt Wagner, der nichts geworden, nicht einmal Ritter vom lumpigsten Orden , nicht einen Hund hinterm Ofen entlockt er, und Universitäten nicht mal nen Dokter“
 
Erneut Flucht - und eine wundersame Rettung
 
Er überquert den Bodensee wie 15 Jahre zuvor, reist nach Zürich, wo er bei Freunden, nicht bei Wesendoncks, unterkommt und erreicht am 29. April Stuttgart. Am 3. Mai will er auf die Schwäbische Alb weiter flüchten, als sich morgens um 10 Uhr Kabinettssekretär von Pfistermeister aus München bei ihm anmeldet, der ihn seit Wien verfolgt hat. Er bringt ihm einen Diamantring und ein Medaillon des jungen König Ludwigs aus München sowie die Berufung an den Königshof nach München. Rettung!!  
 
München, Cosima, Mathilde
 
Die Berufung Wagners nach München war die erste Amtshandlung des 18jährigen Königs Ludwig II,

Mathilde Maier
der nach dem unerwarteten Tod seines 52jährigen Vaters plötzlich das Ruder in Bayern übernehmen mußte. Als 15jähriger hatte er 1861 den Lohengrin in München gesehen und war seitdem von Wagner fasziniert. König Ludwig schenkt ihm zunächst erstmal 4000 Gulden (1 Gulden = 14 Euro) zur Rückzahlung dringendster Wiener Schulden und wenige Wochen später noch einmal 16.000 Gulden zur Tilgung von Restschulden. Eine Villa am Starnberger See wird für den Hofkomponisten angemietet und er erhält das Jahresgehalt eines Ministerialrates von 4000 Gulden pro Jahr. Das alles geschieht im Mai-Juni 1864. Als der König dann nach Bad Kissingen zur Kur abreist, ist Wagner in München vereinsamt und sehnt sich nach einer Frau. Er schreibt Cosima, der Frau seines Freundes von Bülow und Mathilde Maier, der Spröden aus Mainz, gleichzeitig, ob sie ihm den Haushalt führen möchten. Cosima kommt sofort, also wird die Einladung an Mathilde Maier rückgängig gemacht. Cosima wird die Geliebte Wagners und gleich schwanger. Am 10.4.1865 wird Isolde geboren, die uneheliche Tochter aus der Verbindung von Richard und Cosima, aber offiziell die Tochter des Dirigenten Hans von Bülow.
Kurze Zeit später kommt Gottfried Semper, der Barrikadenkollege aus Dresden, nach München und erhält von Ludwig II den Auftrag, dort ein Festspielhaus für Richard Wagner nebst Prachtstraße zu bauen (für 5 Millionen Gulden = 70 Mill. €). Daran war Wagner aber nicht so recht gelegen. Er wollte ein einfaches, billiges Festspielhaus, konnte Ludwig II davon überzeugen, sodaß Gottfried Semper auch das zweite Operngebäude plant.
 
Tristan, 3. Versuch
 
Und am 10. Juni 1865 findet tatsächlich die Uraufführung des „Tristan“ in München statt. König Ludwig kommt zehnspännig vor das Nationaltheater vorgefahren. Hans von Bülow dirigiert trotz der Geburt
 
Ludwig II
seiner bzw. nicht seiner Tochter wenige Wochen zuvor, und das Publikum ist nach der Aufführung ratlos. Die Augsburger Abendzeitung schreibt: „Die Aufführung zeigt, was Sänger und Orchester zu leisten vermögen und was das Publikum ertragen kann.“ Und auf einmal läuft es nicht mehr so gut in München.
Die Liebe Ludwig II zu Wagner mit ihren erheblichen finanziellen Folgen, seine Pläne zu einer deutschen Musikhochschule in München rufen Neider und Kritiker auf den Plan bzw. in die Presse. Und als bekannt wird, daß ein anonymer, freundlicher Artikel über den bescheidenen Künstler Richard Wagner, der von der Presse in politische Tagesintrigen gezogen wird, von diesem selbst verfaßt wurde, ist Wagner in München nicht mehr zu halten.
Das Kabinett beschließt den gemeinsamen Rücktritt, falls Richard Wagner nicht bayrischer Lande verwiesen wird. Auf den Straßen gibt es Demonstrationen gegen Wagner und Ludwig II verweist ihn des Landes. Richard Wagner reist nach Genf und Südfrankreich, wo ihn im Jan. 1866 die Nachricht vom Tod seiner Frau Minna in Dresden und seines Hundes Pohl in München erreicht. Sein Jahresgehalt aus München, inzwischen 8000 Gulden pro Jahr, läuft gottseidank weiter.
Endlich kann er sich im April 1866 eine Villa in Luzern mieten, das Haus Tribschen. Hier, mit sechs Bediensteten und dem Neufundländer Russ, arbeitet er konzentriert an den Meistersingern, die am 21.6.1868 in Anwesenheit Königs Ludwigs II. im Münchener Hoftheater mit triumphalem Erfolg uraufgeführt werden. Jubel und Applaus wie bei Rienzi in Dresden, Richard Wagner, der Verbannte, aus Bayern Ausgewiesene, wird in der Königsloge vom Publikum gefeiert – König Ludwig läßt ihm hier den Vortritt. Die Presse ist sich nicht so einig: „Terrorismus des Blechs, wüstes Getümmel, haarsträubende Dissonanzen, ein schillerndes Amalgam von Halbpoet und Halbmusiker“ (Dr. Eduard Hanslick) liest man in den Gazetten.  
 
Friedrich Nietzsche
 
1868 lernt Richard Wagner in Leipzig den 24jährigen Friedrich Nietzsche kennen,

Friedrich Nietzsche
Philosophiestudent, seit Luther das größte deutsche Sprachgenie. Nietzsche wird am 13.2.1869 vor seiner Promotion als Prof. für Philologie nach Basel berufen und intensiviert die Freundschaft mit Wagner, besucht ihn in Tribschen insgesamt 23mal. In München werden derweil 1869 und 1870 Rheingold und Walküre auf Wunsch Königs Ludwig gegen den Willen Wagners uraufgeführt, schlecht dirigiert, schlecht inszeniert mit dem Erfolg vernichtender Rezensionen. Vom Hurenaquarium ist bei der Rheintöchter-Szene die Rede. Richard Wagner kommt auf alte Ideen zurück und will unabhängig vom Routinebetrieb eines königlichen Hoftheaters eigene Festspiele in einer Stadt inmitten Deutschlands, aber doch noch in Bayern und verfällt auf Bayreuth, welches er von seiner Böhmenreise 1835 flüchtig kannte.
1871 gründete er in Berlin seinen Verein zur Finanzierung der Bayreuther Festspiele. Im Dezember 1871 kaufte die Stadt Bayreuth das Grundstück für den Bau eines Nationaltheaters daselbst. Zu dieser Zeit widmet Fiedrich Nietzsche den Wagners seine Klavierkomposition „Nachklänge einer Sylvesternacht mit Bauerntanz und Glockengeläute“. Wagners können über dieses schlechte, von keinerlei Selbstkritik getrübten Werkchens nur lachen. Richard Wagner klagt gegenüber dem Dirigenten Hans Richter: „Da verkehrt man nun schon seit anderthalb Jahren mit dem Menschen und nun kommt er so meuchlings, die Partitur im Gewande“. Nietzsche, der sich als engster Freund Richard Wagners verstanden hatte, war beleidigt, und als er von dem Brief Wagners an seinen Hausarzt des Inhalts erfährt, daß Nietzsches Kopfschmerzen und Sehstörungen wahrscheinlich auf häufiges Onanieren zurückzuführen seien, kühlt das Verhältnis zwischen den beiden erheblich ab.
 
Am 22.05.1872 erfolgt die Grundsteinlegung für das Festspielhaus in Bayreuth bei strömendem Regen. Die Pläne des Hauses wurden nach den Vorstellungen Richard Wagner gezeichnet (Otto Brückwald, Wilhelm Neumann, Bühnenmeister Carl Brandt). Vorbild war das Stadttheater Riga mit verdunkeltem Zuschauerraum, amphitheaterartig ansteigenden Sitzreihen und einem Orchestergraben vor der Bühne, über dem in Bayreuth ein Schalldeckel den Orchesterklang auf die Bühne und von dort mit dem Stimmen der Sänger zurück in den Zuschauerraum leitet, wodurch die vielgerühmte Akustik des Festspielhauses zustande kommt. Und wenn man das Festspielhaus mit der gleichzeitig erbauten Grand Opera in Paris vergleicht, dann wird auch in der Architektur deutlich, wie revolutionär Wagner in der Kunst war: In Paris Protz und Prunk, nur Treppen und Foyers für die Selbstdarstellung des reichen Publikums, in Bayreuth dagegen ein Bühnenhaus mit demokratischer Sitzordnung, bei der alle gleich gut hören und sehen können. Die Finanzierung der Festspiele in Bayreuth entwickelt sich nicht sehr günstig um nicht zu sagen katastrophal. Die Baustelle wird vorübergehend stillgelegt und Wagner bekommt einen Herzanfall. König Ludwig reagiert erst im letzten Augenblick - die Festspiele waren schon verschoben - und gewährt am 25.1.74 eine Vorschuß von 100.000 Talern (= 2,5 Mill €) inzwischen aber nur noch als zu tilgenden Kredit. Wagner kann seine Idee vom freien Eintritt für das Volk nicht retten. Jetzt müssen Eintrittskarten verkauft werden, und die Festspiele werden für 1876 angekündigt. Proben beginnen, bevor die Komposition des Rings beendet ist, und hochbegabte Musiker (darunter die späteren Dirigenten der Metropolitan Opera New York: Anton Seidl und Felix Mottl -damals 18 Jahre alt-, sowie Engelbert Humperdinck, der spätere Generalmusikdirektor in München Hermann Zumpe u.a.) unterstützen ihren Meister, wo sie nur können: Abschriften, Reinschriften von Partituren, Klavierauszüge, Probenarbeiten, Regieassistenzen, Korrepetitionen. Die jungen Musiker wurden einmal pro Woche zum gemeinsamen Musizieren in die Villa Wahnfried geladen.
 

Foto © Johannes Vesper

Im November 1874 treten wieder Herzschmerzen auf, aber am 21.11.1874 ist die Götterdämmerung endlich vollendet. „Vollendet in Wahnfried. Ich sage nichts weiter“.
 
Festspiele in Bayreuth
 
Auch das Festspielhaus - Dachfirst 36,4 m über der Bühne, Bühnenportal 11,80 hoch und 13 m breit, Länge des Hauses über alles 100 m, Sitzplätze 1925- wird rechtszeitig fertig.
Die Vorbereitungen und Proben für die ersten Festspielen im August 1876 laufen auf Hochtouren, und als die Proben einmal bis nach Mitternacht dauern, kommt RW mit Bärenfell, Helm und Spieß auf der Bühne auf und singt das Nachtwächterlied aus den Meistersingern: „Hört ihr Leut und laßt Euch sagen, unsere Uhr hat 12 geschlagen“. Bei der Regieführung klettert er auf der Bühne im Bühnenbild herum, sodaß die Sänger Sorge haben, er könne abstürzen. Die Regieprobleme in den Proben und bühnentechnischen Pannen während der ersten Aufführungen sind legendär wie z.B. die Schwimmwagen in „Rheingold“, die mit den Sängerinnen von den drei späteren Erfolgsdirigenten Seidl, Fischer und Mottl auf der Bühne umhergeschoben wurden. Zu den 1. Wagner Festspielen im August 1876 kommt die geistige, musische und politische Elite Europas nach Bayreuth (siehe auch in Teil 1 die Abb. der Reklame für Liebigs Fleischextrakt). Auch Karl Marx wollte kommen, konnte aber nicht wegen eines Furunkels am Gesäß.
Und George Bernard Shaw schreibt in seinem Wagner-Brevier: Wir erblicken darin (also im „Ring“) die ganze Tragödie der menschlichen Geschichte und die ganze Furchtbarkeit des Dilemmas, vor dem die Welt heute zurückschaudert. Nicht alle waren vom Ring begeistert: Rossini ließ sich vernehmen: „Monsieur Wagner a de beaux moments, mai des mauvais quart d`heures.“ (HR 35).
 
Die ersten Festspiele enden mit einem Defizit von 148.000 Mark(= 1.184000 €). Richard Wagner reist nach Venedig und Sorrent, wo sich die ehemaligen Freunde Nietzsche und Wagner endgültig trennen. Nietzsche wird mit Wagner in seinen Schriften abrechnen und ihn als gefährlichen

Judith Gautier
Volksverführer und Scharlatan bezeichnen.
Wagner kommt zurück nach Deutschland, beginnt mit dem Parsifal, fängt eine neue Affäre an mit der schönen Judith Gautier aus Paris, reist nach London, um mit Konzerten das Defizit für seine Festspiele abzubauen, was nicht gelingt und erhält zuletzt von Ludwig II erneut ein Darlehen, was zurückgezahlt und mit 5% verzinst werden soll.
Denn Ludwig II kommt mit dem Bau der Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee finanziell inzwischen auch an seine Grenzen. Insgesamt zahlt er an Richard Wagner ca. 4,5 Mill. €. Welch ein Mäzen! Ohne ihn gäbe es wahrscheinlich keine Meistersinger, keine Bayreuther Festspiele und keinen Ring. Im April 1882 bekommt Richard Wagner mal wieder eine Serie von Herzanfällen, die als Angina pectoris bei koronarer Herzkrankheit gedeutet werden. Er fährt erneut nach Venedig, um sich davon zu erholen, reist zurück nach Bayreuth und gründet dort die noch heute bestehende Stiftung für junge unbemittelte Söhne Germaniens, sodaß wenigstens diese dank der Stiftung freien Eintritt zu den Festspielen erhalten.
 
Am 5.07.82 wird der Ring zum ersten mal in London aufgeführt, dirigiert von Anton Seidl, inszeniert von dem Leipziger Intendanten Angelo Neumann, der mit seinem Ensemble durch Europa reist und den Ring präsentiert. 1882 wird die gleiche Aufführung in Elberfeld geboten.  
Im Juli 1882 kommt es zu den 2. Bayreuther Festspielen mit der Uraufführung des Parsifal unter Wagners jüdischem Freund Hermann Levi. Alles funktioniert vorzüglich, das Publikum ist ergriffen. Wagner ist erschöpft und schreibt: Von mir ist nichts mehr zu erwarten. Sein ehemaliger Freund von Bülow hat in Bayreuth nicht dirigiert. Bülow auf die Frage, warum er nicht in Bayreuth dirigiere: Er fürchte, daß Wagner ihm seine zweite Frau auch noch wegnehme und ihm die erste zurückgebe.
 

Wagner-Denkmal von Gustav Eberlein, finanziert von Ludwig
Leichner, Bariton und Kosmetik-Fabrikant - Foto © Joh. Vesper
„Ich hasse Wagner, aber auf den Knien.“
 
Richard Wagner reist mit Cosima und den Kindern nach Venedig, erhofft sich von südlichem Klima Besserung seiner gesundheitlichen Beeinträchtigungen und besucht Anfang Februar 1883 den Karneval von Venedig, der mit mitternächtlichem Glockengeläut vom Campanile endet. Wagner fährt zusammen mit seinen Töchtern und Herrmann Levi in der Gondel nach Hause und begrüßt seinen Diener: „Amico mio, il carnevale e andato.“ Mein Freund der Karneval ist vorbei. Am 13.2.83 gibt es Streit mit Cosima wegen einer jungen Sängerin, die zu Besuch ist. Cosima vermutet eine weitere Affäre ihres Gatten. Richard Wagner zieht sich in sein Arbeitszimmer zurück, kommt nicht zum Mittagessen und verstirbt über der Niederschrift seines Aufsatzes: „Über das Weibliche im Menschlichen.“
Thomas Mann konnte Richard Wagner als Menschen nicht leiden. Der amerikanische Jude Leonard Bernstein hatte für den Künstler Richard Wagner sein eigenes sehr emotionales Urteil und äußert, nachdem er im Jahr seines Todes 1990 in Bayreuth auf Wagners Flügel gespielt und alleine bei strömendem Regen sein Grab besucht hatte: „Ich hasse Wagner, aber auf den Knien.“
 
 
Redaktion: Frank Becker