Die fehlende Tummelwiese

Ein Gastbeitrag

von Ernst Peter Fischer

Die fehlende Tummelwiese
Die gegenseitige Abneigung der zwei Kulturen
 
Als Charles P. Snow 1959 von den zwei Kulturen sprach und damit die Natur- und die Geisteswissenschaften meinte, die sich seiner Ansicht nach unversöhnlich gegenüberstanden, galten die Naturwissenschaften immerhin noch als Kultur. Zwar haben sich inzwischen viele Intellektuelle Gedanken über den Graben gemacht, der sich zwischen den Künstlern und ihren Deutern auf der einen und den Forschern und ihren Vermittlern auf der anderen Seite aufgetan hat, aber dabei ist es nicht gelungen, ihn zu füllen und mit der Erde eine Wiese anzulegen, auf der sich die Kulturträger beider Seiten treffen und austauschen können. Im Gegenteil! Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Unterscheidung zwischen den beiden Kulturen kann man Töne hören, die den Naturwissenschaften sogar die Zugehörigkeit zu dieser Kategorie absprechen. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung konnte kürzlich eine Journalistin einen TV-Moderator fragen, ob die Naturwissenschaften zur Kultur gehören, ohne daß die Redaktion Anstoß an dieser Beleidigung genommen hätte. Und nach wie vor muß man öffentlich erklären, daß die Naturwissenschaften auch zur Bildung des Menschen gehören und beitragen, während diese Mühe für alle diejenigen entbehrlich ist, die sich malend oder dichtend an Kunst versuchen, unabhängig von der Qualität, die dabei zum Vorschein kommt (oder nicht).
 
Es wird sich rächen, wenn eine Gesellschaft die Naturforschung weder als Kultur versteht noch ihre Ergebnisse als Bildung vermittelt. Es wird sich überhaupt rächen, wenn es nicht gelingt, die Natur- und die Geisteswissenschaft zu einer interdisziplinären Kooperation zu bewegen, denn nur in dieser Form lassen sich Zukunftsfragen in Angriff nehmen und können die Kenntnisse generiert werden, die es erlauben, das alte und ehrwürdige Ziel von Wissenschaft weiter zu verfolgen, das darin besteht, die Bedingungen der menschlichen Existenz zu erleichtern – jetzt und in einer nachhaltig zu gestaltenden Zukunft.
 
Die Naturwissenschaften brauchen die Geisteswissenschaften und umgekehrt, wie an ein paar Beispielen deutlich gemacht werden kann, die im Folgenden knapp skizziert werden.
Was die Naturwissenschaften angeht, so würde es nicht schaden, wenn ihre Vertreter mehr auf die Worte achten, mit denen sie ihre Einsichten zusammenfassen und anbieten. Sie entschlüsseln zum Beispiel kein Genom, sie legen die dazugehörigen Daten höchstens offen. Sie können ein Gehirn nicht durch Physik, sondern nur mittels Hermeneutik verstehen, sie sollten sich fragen lassen, warum die gefeierte Kosmologie mit ihren letzten beiden Silben so heißt wie die verpönte Astrologie, und wenn sie das Wort „Natur“ benutzen, sollten sie sich klarmachen, das dazu eine Geschichte mit veränderlichen Zuordnungen gehört. Es lohnt sich auch zu wissen, daß „genetisch“ von Goethes „Morphologie der Pflanzen“ herrührt und sich nicht von den „Genen“ ableitet.
 
Was die Geisteswissenschaften angeht, so würde es nicht schaden, wenn ihre Vertreter verstünden, wer wann wo und warum angefangen hat, Experimente zu machen, um welche Art von Wissen zu welchem Zweck zu erwerben. Auch lohnt – im Angesicht der heutigen Hektik um die Energie – ein Nachdenken über die Frage, was mit diesem Begriff aus der Zeit der Romantik gemeint ist und wie es der Energie gelingen konnte, in den öffentlichen Diskurs zu gelangen, obwohl kaum jemand sagen kann, was darunter genau zu verstehen ist. Und Philosophen, denen es um Erkenntnis geht, sollten mehr tun als von einer Logik der Forschung zu sprechen und sich überlegen, was es bedeutet, wenn Physiker einen Begriff wie Atom im Gegensatz zu ihnen ernst nehmen.
 
Was die Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften auf keinen Fall benötigen, sind Ratschläge von Ethikkommissionen, die ohne Fachleute und Ingenieure über erneuerbare Energien zu Rate sitzen oder sofort „Frankenstein“ rufen, wenn eine embryonale Stammzelle kloniert wird – vor allem deshalb, weil es bei Frankenstein im 19. Jahrhundert um Elektrizität ging, wie gerade die literarische Intelligenz wissen sollten. Die Naturwissenschaften haben es auch nicht nötig, sich von Literaturwissenschaftlern wie George Steiner vorwerfen zu lassen, keineswegs kreativ zu sein, sich stattdessen anonym und träge dahin zu schleppen und dabei bestenfalls „eine mindere Wahrheit“ zu produzieren. Wie soll solch ein Stuß nicht wütend machen?
 
Was die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften nicht benötigen, sind Belehrungen über eine neuronale Basis des Schönen und eine dazugehörige Reduktion des ästhetischen Wohlgefallens auf lokale Aktivitäten in einzelnen Hirnregionen. Das Gedächtnis ist auch etwas anderes als die Erinnerung, die es ermöglicht, und es reicht nicht, die Wirkung von Farben durch Wellenlängen zu beschreiben. Die Geisteswissenschaften haben es auch nicht nötig, sich von Physikern wie Stephen Hawking erklären zu lassen, daß das Universum in seinen Theorien keinen Rand hat und einem Schöpfer deshalb keinen Raum mehr zur Verfügung stellt. Wie soll man sich an dieser Stelle das Lachen verkneifen?
Er ist sicherlich für einen Soziologen nicht leicht, Kernphysik zu verstehen, und einem Evolutionsbiologen macht es bestimmt Mühe, den anhaltenden Strukturwandel der Öffentlichkeit zu erfassen. Aber nur wenn die Natur- und die Geisteswissenschaftler zusammenkommen, kann das Ziel angestrebt werden, was derzeit als nachhaltige Entwicklung der Zivilgesellschaft debattiert und angestrebt wird. Letztlich ist es nicht wichtig, ob Einsichten aus der einen oder der anderen Kultur kommen. Wichtig ist, daß die Einsichten überhaupt gelingen und dafür sorgen, daß sich Menschen in der einen Kultur wohlfühlen, die sie erst hervorgebracht haben und die sie jetzt hervorbringt. Die Natur sorgt für den Menschen, der die Kultur schafft, die ihn zuletzt formt. Da bleibt kein Platz für einen Graben. An seiner Stelle braucht es eine Wiese, auf der sich die Wissenschaften tummeln können.
 
 
© 2013 Ernst Peter Fischer

Dr. Ernst Peter Fischer (* 18. Januar 1947 in Wuppertal)
ist Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftspublizist.
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Redaktion: Frank Becker