Immer wieder Krieg

von Victor Auburtin

Victor Auburtin
Immer wieder Krieg
 
Es war im November 1920 in Genf bei der Sitzung des Völkerbundes. Der Ausschuß für Abrüstung tagte in dem früheren Speisesaal des Nationalhotels, von wo man die berühmte Aussicht auf See und Berge hat. Aber die Aussicht war an diesem Tage nicht besonders; der See lag im Nebel da, und von den fernen Schneebergen war nichts zu sehen.
 
Das Wort hatte der Vertreter Haitis, ein kleiner brauner Herr, etwas nervös, mit einem dünnen Vollbart.
Der Vertreter Haitis sagte: „Ich stelle den Antrag, daß in allen Staaten des Völkerbundes der Geschichtsunterricht auf unsere friedlichen Absichten hin geändert werde. Schon der Jugend muß es schon gesagt werden, daß der Eroberer ein Verbrecher ist, daß alle Siege, alle gewonnenen Provinzen und alle Reichsgründungen Rückschritte in der menschlichen Gesinnung bedeutet haben. Die literarische und dichterische Verherrlichung des Krieges muß ebenso bestraft werden, wie schon jetzt die Staaten die Aufforderung zum Verbrechen bestrafen. Gelingt es uns nicht, den Krieg zu etwas ebenso Verwerflichem zu machen wie die Sklaverei, so ist dieser Völkerbund vergebens, und so wird es immer wieder Krieg geben“.
Die Rede des Vertreters von Haiti machte nur wenig Eindruck; sie wurde, wie es in parlamentarischen Berichten zu heißen pflegt, mit eisigem Schweigen aufgenommen. Der kleine braune Herr mit seinem Vollbart war aber auch zu drollig; außerdem sprach er ein sehr mangelhaftes Französisch.
 
Ich sah mich während der Rede in der Versammlung um. Die meisten Abgeordneten blickten gelangweilt vor sich hin oder durch die hohen Fenster auf den See, der so blau sein kann und heute so hoffnungslos grau dalag. Mister Balfour zeichnete Karikaturen; Herr Viviani hörte gar nicht hin, sondern besprach mit seinem Nachbarn etwas Vernünftiges. Lord Robert Cecil aber beugte sich über den Tisch vor und sah den Redner mit jener Mischung von Träumerei und Ironie an, die diesem Sohn des großen Realisten Salisbury eigentümlich ist.
Der edle Lord dachte wohl in diesem Augenblick: Haiti hat gut reden. Haiti hat keinen Cromwell, keinen Napoleon und keinen Friedrich den Großen.
Der Antrag Haitis wurde weiter nicht besprochen, sondern einer der drei Subkommissionen überwiesen, die der Ausschuß für Abrüstung tags zuvor gebildet hatte
 
 
 
Victor Auburtin