Über das Basteln mit Kastanien

von Erwin Grosche

Quelle: Martha Maria Gehrke "Selbst ist die Frau"
1958 Verlag Mensch und Arbeit
Über das Basteln mit Kastanien
 
Schon immer hat der Mensch mit Kastanien gebastelt. Warum eigentlich? Ich sah kürzlich noch eine Kastaniengiraffe, die immer mit dem Kopf auf den Tisch fiel. Muß das sein? Ist so etwas schön? Ich gebe zu, daß das Sammeln von Kastanien großen Spaß macht, aber muß man aus allem was basteln, das man nicht essen kann? Wir sprechen also nicht von der Eßkastanie, sondern von der Roßkastanie, die in unseren Parks und auf unseren Wiesen zu finden ist. Auch ich habe als Kind mit Kastanien gebastelt. Ich erinnere mich an mein Meisterstück, wo ich eine intakte Familie, Vater, Mutter, Kind und Hund, mit Streichholzbeinen und Streichholzarmen gebastelt habe, wobei sich nur der Hund auf seinen Streichholzbeinen halten konnte und nicht dauernd umfiel. So etwas vergißt man nicht. Intakte Familien sehen anders aus. Kinder wollen die Natur erleben. Wenn sie schon nicht wissen, woher die Milch kommt, sollen sie wenigstens erleben, daß Kastanien von einem Baum herunterfallen und eingesammelt werden können. Manche Kinder bringen diese Kastanien zu den Hirschen. Hirsche fressen im Herbst Kastanien und übergeben sich danach, wenn der Zoo geschlossen ist. Warum nimmt man diese Kastanien nicht als Handschmeichler? Ich habe im Herbst immer ein/zwei Kastanien in der Tasche, die ich gerne berühre, um sie in der Handfläche zu bewegen. Ich mag auch Kastanienbriefbeschwerer, die auf dem Schreibtisch liegen und unsere Liebesbriefe beschweren, damit sie der Wind nicht in falsche Hände trägt. Wenn man wirklich mit Kastanien basteln will, dann schlage ich zeitgemäße Objekte vor, die sinnvoll sind und nicht dauernd umfallen. Ich sah jetzt einen Kastanien-Igel, dessen Igelstacheln aus Zahnstochern bestanden. Das sah lustig aus, fällt nicht um und man kann dieses Gebilde noch als Zahnstocherhalter nutzen. Schön finde ich auch, wenn man aus der Kastanie einen tragbaren Fernseher bastelt. Man nimmt einfach eine Kastanie, wo der große weißliche Nabelfleck auf der abgeflachten Seite auftaucht und steckt darüber einen Zahnstocher als Antenne. Fertig ist der tragbare Fernseher. Nun hat man mit den Kindern gebastelt und alle sind zufrieden. Natürlich kann man Kastanien auch nutzen, um Hochzeitspaaren, die im Herbst heiraten, einen Vorgeschmack auf schlechte Zeiten zu geben. Sammelt Kastanien und werft sie allen Verliebten an den Kopf. Wie kann man besser auf schlechte Zeiten vorbereiten als durch etwas, was weh tut? 
 
 
 
© 2013 Erwin Grosche
Redaktion: Frank Becker