Der Schuh des Fu

Ein Blick zurück

von Frank Becker

Der Schuh des Fu

Vor zwanzig Jahren, zu Beginn der Öffnung des Reichs der Mitte, erwanderte ich zum zweiten Mal das Land und Peking, das heute Beijing heißt, denn nur zu Fuß atmet man den Duft, hört die Klänge, spürt das Leben und die Eigenart einer fremden Metropole. Meine liebsten Schuhe hatte ich für die langen Wege mitgenommen – nur die, um Gepäck zu sparen - und ich trug sie folglich täglich. Weich wie ein Handschuh umfassten die chagrinledernen Meisterwerke den Fuß, gaben ihm Halt und Komfort, bis – ja, bis sie beim Ersteigen der Stufen der Großen Mauer bei Badaling unisono aufgaben. Die unverwüstlich scheinenden Sohlen trennten sich ganz langsam vom Oberleder. Was tun? Einen Tag lang konnte ich mich betrügen, mir mit der Bambuskordel helfen, die mir ein mitleidiger Ladenbesitzer lächelnd schenkte. Es sah, mit zusammengebundenen Schuhspitzen, zugegeben lächerlich aus. Ein Schumacher musste her, ein „xiéjiang“.

Also trennte ich mich mit schlappenden Sohlen von meiner Reisegruppe und hielt Ausschau. Sprach- und Schriftkundige hätten kein Problem gehabt, aber mangels sinologischer Kenntnisse konnte ich die Ladenschilder natürlich nicht lesen, und meine bemühten Versuche, das bewusste Wort „chinesisch“ auszusprechen, scheiterten unter freundlichem Lächeln und Schulterzucken der  Passanten. Doch mit einem Mal war er da, saß im hellen Mai-Sonnenschein mit ein paar Obstkisten voller Werkzeuge und unergründlicher Utensilien einfach so auf einem alten Auto-Sitz auf dem Bürgersteig und reparierte Schuhe. Der „xiéjiang“!


Foto © Frank Becker

Meines desolaten Schuhwerks ansichtig, winkte der alte Herr gebieterisch alle anderen Kunden beiseite, hieß mich die Treter ablegen und zeigte unter allgemeinem Interesse, was Handwerk bedeutet. Ein millimeterdicker Faden wurde durch einen Wachsblock gezogen und mit archaischer Ahle durch Sohle und Oberleder gezwungen. Zwiegenäht erlebten meine geliebten Schuhe eine Wiederauferstehung, die bis heute (!) anhält. Zwei Yüan hat mich der Spaß damals gekostet. Sollten diese Schuhe noch mal kaputt gehen, kaufe ich mir lieber ein Ticket nach Beijing, als zu Mr. Minit zu gehen.