Ob Salzburg schon Österreich ist...

Eingehend erläutert

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker
Bella gerant alii, tu felix Austria nube
 
Ob Salzburg schon Österreich ist, ist eine der selten gestellten Fragen, gleichwohl eine extrem wichtige. Sollte allerdings ein Deutscher die Frage ergänzen wollen (weil die Satzkonstruktion danach schreit, liegt ja Salzburg direkt an der Grenze) zum Satz: „Ist Salzburg schon Österreich oder noch Bayern?“, hätte er das getan, was alle Österreicher immer schon wußten: bewiesen, daß er keine Ahnung hat. Und er hätte bewiesen, daß er diese Frage aus deutscher Perspektive stellt, sonst hätte er ja gefragt, ob Salzburg schon Bayern oder noch Österreich wäre, in absoluter Verkennung der geographischen Gegebenheiten zwar, aber das wiederum hätte keinen „Österreicher“ gewundert. Man kann tatsächlich sagen, daß nichts und niemand dem Deutschen fremder ist als Österreich und „Der Österreicher“, was ja schon mal damit anfängt, daß es zwar Österreich gibt, nicht aber „Den Österreicher“, aber erklär das mal einem Deutschen. Das Ganze wird dadurch noch kompliziert, daß die „Österreicher“, wenn sie in Deutschland sind, tatsächlich gerne von den „Österreichern“ reden, weil sie wissen, daß die Deutschen über die Geheimnisse der Sozial- und Kulturgeographie nix wissen, weshalb es leichter ist, von den „Österreichern“ zu sprechen als von Kärntnern, Burgenländern, Tirolern, Wienern, Windischen und so weiter. So einfühlsam ist „der Österreicher“ und gleichzeitig so arrogant, weil er keine Lust hat, den Deutschen zu erklären, worum es sich eigentlich handelt. Tatsächlich kennen die Deutschen Italien besser und genauer als Österreich oder Frankreich oder Spanien oder die Malediven oder was. Österreich wird von den Deutschen immer noch wilhelminisch gesehen, von oben herab, die netten, sympathischen Schlamper, denen man unter die Arme greifen muß, wenn’s denn was Anständiges werden soll, die permanenten Ferien auf dem Bauernhof, Sissi und Schloß Fuschl, selbst Karajan ist wieder zurück nach Berlin und sie haben nie, ich betone: NIE, gemerkt, daß alle die entsprechenden Film-Mach-Werke aus den unsäglichen österreichischen Heimatproduktionen subtile Satire über die Deutschen sind. Der „Österreicher“ bedient die Vorurteile der Deutschen über sich, damit a Ruh is und man sein Leben leben kann ohne daß man gezwungen wird, hochdeutsch zu sprechen, hochdeutsch zu denken, hochdeutsch zu lachen (was das Schlimmste ist). Die eigene Freiheit durch scheinbare Unterwerfung sich erkämpfen, das ist die via regia der „Österreicher“, hat ja schon Grillparzer gesagt, als er Ovid zitierte:
„Bella gerant alii, tu felix Austria nube -
Mögen die anderen Kriege führen, du, glückliches Österreich, heirate!“ und hat damit die Heiratspolitik der Habsburger gemeint – eines der Geheimnisse, das den Hohenzollern und erst recht einem Wilhelm Zwo vollkommen verschlossen bleiben mußte.
 
Das setzt sich bis in die kleinsten Alltagseinheiten fort: niemals wird ein „richtiger“ Österreicher sich negativ einem Menschen gegenüber äußern (es sei denn, man stritte sich oder es geht um wirklich wichtige Dinge wie der Platz in der Schlange vor der Billa-Kasse), immer wird er sich positiv ausdrücken, denn hier gibt es den quasi japanischen Weg: das Nein ergibt sich aus den Schattierungen des Ja. Sagt ein Wiener auf die Frage, ob man auf dem Weg von Hannover nach Budapest mal reinschauen könne: „Ja das wär aber nett, natürlich, rufens aber vorher an, net wahr, net daß ma si verpassn“, so bedeutet das: „Um Gottes Willen, nein! Sollten Sie aber wirklich vorhaben, uns zu besuchen, dann rufen Sie bitte vorher an, damit wir noch rechtzeitig verschwinden können!“, was der Deutsche in seiner unhöflichen Direktheit eher in Worte kleiden würde wie: „Hm, ich hab aber sehr viel zu tun in nächster Zeit, da wär das ganz schlecht“, vielleicht ringt er sich noch zu so was wie „Ich könnte mich da gar nicht um Sie kümmern“ und aus is. Will der Wiener aber tatsächlich, daß er besucht wird, dann klingt das eher so: „Geh, unbedingt, das würd mich narrisch freu’n, bitte vergessenS das aber nicht, ich wüßt auch schon, was ich Ihnen zeigen kann und wo mir hingehn können, mir finden schon a Platzerl bei uns in der Wohnung, also, gell, ich freu mich!“, wozu der Deutsche wieder sagt „Na, sooo freuen müssen sich die Österreicher aber auch wieder nicht, ich schau ja nur mal einen Tag vorbei“, weil er das alles für übertrieben hält. Die Deutschen sind auf etwas stolz, was dem „Österreicher“ extrem zuwider ist: das, was sie ihre Aufrichtigkeit nennen, ihre Geradlinigkeit, ihre Ehrlichkeit. Das ist für die südliche Seite die reine Aggression, sie haben eben keinen Benimm, die Deutschen, keinen Schliff, keine Gewandtheit und erst recht keine Höflichkeit. Das ginge aber noch alles, schlimmer ist, daß es sie nicht interessiert. Deshalb wissen sie auch nicht, daß es keinen „Österreicher“ gibt, sondern nur Salzburger, Kärntner, Tiroler (und die, bitte schön, unterteilt in Nord-Tiroler, Oscht-Tiroler und Süd-Tiroler, und da liegen jeweils Welten dazwischen!) oder, bitte höflichst, Wiener.
Und das allerschlimmste ist, daß sie einen zwingen, Hochdeutsch zu sprechen. Hochdeutsch! Der Süddeutsche ist stolz auf seine Sprache und er würde noch nicht mal über Goethe was kommen lassen, auch deshalb, weil er weiß: er pflegt sie intensiver, die Sprache, als die da oben im schnoddrigen Berlin oder dem anglifizierten Norddeutschland, der Süddeutsche ist stolz auf Aphorismen, selbst wenn sie gegen ihn gehen sollten („Sechs Österreicher unter den ersten Fünf!“ wäre so ein grandioses Beispiel), weil er sprachverliebt ist und Wortspiele über alles liebt und er weiß im Grunde, daß er – sprachlich gesehen – der bessere Deutsche ist als die Deutschen oder die Schweizer, aber er hat eines nicht vergessen: daß beim Kampf um die Frage, welches Deutsch das Schriftdeutsche werden soll, die da oben gewonnen haben, Luther sei’s geklagt. Deshalb empfinden wir Süddeutschen (als Südtiroler darf ich mich dazurechnen, aber hallo!) Hochdeutsch als Siegersprache und unsere feinen dunklen Vokalfärbungen als Abzeichen der Verlierer, heute noch. So erscheinen uns die Deutschen gewandter, geschickter, erfolgreicher, kälter, business-liker, besser organisiert und arroganter. „Tja, die Deutschen“, läßt Karl Kraus in „Die letzten Tage der Menschheit“ einen plündernden kuk General voller Bewunderung sagen, „Tja, die Deutschen, de ham halt an Urganisation!“ Aber es sind eben auch nur: tja, die Deutschen!
Kurz: man kann als Deutscher Österreich nur näher kommen, wenn man ahnt, was es bedeutet, aus Habsburg zu kommen, im Nichts gelandet zu sein und daraus was gemacht zu haben, oder, um es aus österreichischer Sicht zu sagen:
„Uns versteht nur, wer aans verstanden hat: daß mir so san, wie mir ausschaun, wann ma hinschaut“.
 
Dann sieht man auch, daß der Salzburger weder Bayer noch „Österreicher“ ist, er ist Salzburger und damit basta! Man muß einfach nur hinschauen und nicht etwas hin-ein-schauen, so aanfach is dös!
 

In diesem Sinne!
Ihr
Konrad Beikircher


 ©  2013 Konrad Beikircher für die Musenblätter
Redaktion: Frank Becker