Eine kleine 67er Nachlese

Wahre Geschichten von gestern und Weihnachten

von Robert Sernatini

Eine kleine ’67er Nachlese

von Robert Sernatini
 
Wie war das eigentlich damals? Wer heute 20 Jahre alt ist und auf dem Weg, mit dem iPhone in der Hand und dem Knopf seines MP3-Players im Ohr die Welt zu erobern, dem muß eine Zeit ohne Mobiltelefon (Telefone haben noch „Schnur“ und sind fest mit der Wand verbunden), PC, Internet und Facebook wie die Steinzeit vorkommen. Was ich jetzt über die Tastatur meines PC mit Korrekturprogramm abspeichere, hätte man seinerzeit mit einer etwa 10 kg schweren mechanischen Triumph- oder Adler-Schreibmaschine auf weißes Papier getippt. Dabei hätte sich das Farbband verheddert, die Typenhebel hätten sich verheddert und Fehler müßten mit Tipp-Ex ausgebessert werden. Werfen wir mit der Zeitmaschine der Erinnerung einen Blick zurück, sechsunddreißig Jahre, mehr als ein halbes Menschenleben, wie man so sagt - das Prisma der Zeit hält an, wir treten in das Jahr 1967. Hoppla! Vorsicht, es ist glatt, wir schreiben den 2. Januar, wattiger Schnee hat das Bergische Land eingehüllt und verzaubert. Nacht liegt über der Bergischen Stadt Remscheid und der Polizeihauptwache in der Uhlandstraße l. Ein junger Polizist geht seine allererste Streife. Zu Fuß, wie es sich gehört und in Begleitung eines erfahrenen älteren Schutzmannes.
 
Ja, so sagte man seinerzeit noch und das mit Recht. Da gab es damals noch eine Polizei zum Anfassen, es war ganz normal, einen „Grünen“ auf der Straße zu sehen, ob Tag oder Nacht. Natürlich kannte man ihn, oft sogar mit Namen, und auch er wußte, wen er vor sich hatte. Ja damals! Apropos: Deutschland wird von einer großen Koalition unter Kanzler Kiesinger regiert, die Beatles, The Cream und Jimi Hendrix begeistern die musikalische Jugend, und die Studenten der Nation haben Bauchschmerzen. Wir erleben die Geburtsstunden von Flower-Power, 68erRevolte, Psychedelic und Terrorismus. Es ist eine Zeit, die ihre Spuren hinterlassen wird. Aber davon ahnt unser junger Schutzmann noch nichts. Frisch von der Polizeischule, mit Idealen und Fassonschnitt ausgestattet, trägt er die damals noch ganz grüne Uniform mit Stolz, über dem langen, dicken Wintermantel das gewienerte Koppel mit Pistole, Gummiknüppel und Streifentasche, alles nach Vorschrift. So soll es sein.
 
Doch es gibt immer noch viel zu lernen und manche Überraschung, zum Beispiel, daß man eine Pistole eigentlich gar nicht braucht: Denn als irgendwann in der Nacht der alte Kämpe an seiner Seite plötzlich seine Pistolentasche öffnet, zieht er nicht, wie weiland der Lone Ranger, einen vernickelten Revolver, um ihn um den Finger wirbeln zu lassen, sondern er nimmt ein biederes bergisches „Bütterken“ raus, ordentlich in Pergamentpapier eingewickelt. Leberwurst. Das Papier wird nach gehabter Labe akkurat zusammengefaltet und wieder am zweckentfremdeten Platz verstaut. Man kann es noch ein paarmal verwenden. Ein freundlicher Blick und ein  Schulterzucken erwidern die wortlose Frage des jungen Heißsporns sowie der lakonische Bescheid: „Wat soll ek dann mit ‘ner Pistole, nachher wird noch jemand verletzt.“ Na, das kann ja heiter werden. Was wiederum auch nicht ganz stimmt, denn heiter ist der Alltag eines Polizisten sicher nicht, damals so wenig wie heute. Vielleicht aber nahm man seinerzeit vieles gelassener, zumal der Bergische Mensch von eigener Wesensart ist, bedachtsam, aber auch und hier vielen voran der Remscheider von gemessener Heiterkeit.
 
Unser junger Freund wird noch einiges erleben, vor allem später im Funkstreifendienst. Doch erst einmal heißt es, sich die Hacken ablaufen, Land und Leute und eine „Fremdsprache“ kennenzulernen. Er ist nämlich nicht von hier, und es bleibt ihm schier der Mund offen stehen, als er zum ersten Mal eine Unterhaltung Eingeborener mitbekommt. Verstehen kann er nichts. Nur ein Satz ist ihm bis heute in Erinnerung wie eingebrannt: „Denn Hongk, denn kass dek ens beseihen.“ Es ging um Hunde, wie ihm mit hochgezogenen Brauen auf seine neugierige Frage geantwortet wurde. Daß der Remscheider auch in seiner Heiterkeit Grenzen hat, die in schmerzhafter Deutlichkeit vom erhöhten Alkoholgenuß gezogen werden, muß der Wachtmeister bald in körperlichen Auseinandersetzungen leidvoll erfahren und, wie ihm ein anderer älterer Kollege versichert, daß ein Schutzmann erst weiß, wie der Hase läuft, wenn er mal ordentlich Dresche bezogen hat, am besten mit dem eigenen Gummiknüppel. Der Knüppel bleibt unserem Freunde erspart, die Dresche nicht. Und da er ein Glückspilz ist, gerät er nicht an lächerliche großmäulige Schwächlinge, sondern an gestandene Männer wie Baggerführer, Sägeneinrichter und Werkzeugschlosser. Bodenständige Keile sozusagen, von soliden Remscheider Bürgern und Handwerksleuten. Das hat ihm auf der Schule keiner beigebracht, daß man am besten zuerst haut und möglichst nicht schmächtig ist, sondern seine Uniform mit Muskeln oder mindestens einem mächtigen Bauch ausfüllt. So gesegnet ist nämlich ein weiterer Streifenführer, der zwar nach Möglichkeit Konflikte vermeidet, aber wenn es sein muß, die Wucht seines Leibes in den Kampf wirft. Unvergessen werden unserem Wachtmeister die Völkerschlachten in den Eisbeinhäusern, einem berüchtigten Notquartier nahe den Krankenanstalten (wie praktisch!), und im Festzelt auf dem Schützenplatz beim Sensburgertreffen, bleiben. Da war das Maß voll, der alte Haudegen teilte mit seinem Bauch und mächtigen Armhieben die Massen und brachte sie auseinander; in seinem Kielwasser, na Sie ahnen es schon, unser junger Freund. Keine Hundertschaft war nötig, nur die Wucht und die Autorität eines Mannes, der die Mütze nur ein wenig aus der zornroten Stirn geschoben hatte. Nach dem Vertrautwerden mit der Stadt durch viele Fußstreifen - später dann alleine -, auf denen man Honsberg und Reinshagen, die Zeitungsfrau am Markt, den „Italiener“ auf der Alleestraße, die Kassiererin vom Metropol - dort gab es im Winter immer eine heiße Tasse Kaffee -, den Keiler Hermann und viele andere nette Remscheider kennenlernte, winkt eine raumgreifendere Tätigkeit, die Funkstreife durch Remscheid, Lennep und Lüttringhausen. Die Polizei stellt gerade den Fahrzeugpark von VW Käfer 1200 Standard auf Ford 17 M P 5 Kombi um. Die Streifenwagen sind weiß und heißen Alex 50 bis 54.
 
Das Präsidium in Wuppertal, dem man angeschlossen ist, ist weit, in Remscheid macht man seinen eigenen Kram. Der ertappte Verkehrssünder muß 2 Mark, in schweren Fällen 5 Mark (das war hart!) berappen. Politessen gibt es noch nicht, und mit den Polizisten kann man durchaus verhandeln. Eine gute Ausrede wird augenzwinkernd akzeptiert, und auch ein unschuldsvoller Augenaufschlag vom Fahrerinnensitz und ein süß geflötetes „Das hab’ ich nicht gewußt, Herr Wachtmeister, und ich will es bestimmt nicht wieder tun“, sind kaum zu schlagende Argumente. Männer tragen Nyltest-Hemden und schwitzen darin, Damen tragen Mini und bringen die Herren zum Schwitzen. Dr. Kimble begibt sich auf die Flucht, Sandie Shaw singt barfuß, Scott McKenzie schwärmt von San Francisco, Hosen haben „Schlag“, und auf der Alleestraße kann man noch mit dem Auto fahren und parken. Der 67er Sommer ist einer, und Italo-Western locken in die Kinos. Der Streifenfahrer trägt Lederjacke, nicht in kleinen Größen zu haben. So kommt es, daß unser Freund eine etwas zu große Jacke hat und die ist doch zu etwas nutze: Bei einer Kneipenkeilerei nämlich, die er in Lennep schlichten soll, vergessen die Beteiligten ob des Anblicks das Prügeln und vereinen sich in befreiendem Gelächter als einer ruft: „Eh, wo will den die große Lederjacke mit dem kleinen Schutzmann hin?“ Zugegeben, er ist etwas gekränkt, jedoch ist das Einsatzziel erreicht. Und das zählt. So harmlos kann es natürlich nicht immer ausgehen, unser Freund wird noch viel Elend und Schmerz, Tränen und Gewalt und auch den Tod sehen. Er wird kleinen Eierdieben und richtigen Verbrechern begegnen, Angst kennenlernen und Mitleid. Man wird ihm frisch geräucherte Würste und Zigarettenschachteln zustecken (die er natürlich nicht nimmt), damit er Sperrstundenüberschreitungen in Kneipen ignoriert. Freundliche Menschen werden dem vorbeigehenden Ordnungshüter zur Erfrischung eine Tasse Kaffee, einen Apfel oder ein Eishörnchen, die Kugel kostet einen Groschen, anbieten (hier wäre es dumm und unhöflich, abzulehnen), und er nimmt das gerne an. Mit einem Mal fühlt er sich vertraut, nicht mehr wie ein Fremder. Von seinen Schulfreunden wird der junge Polizist belächelt: Ganze 468,23 Mark zahlt ihm Vater Staat monatlich am Anfang dieses Jahres 1967. Wer wird schon ein schlecht bezahlter Beamter? Wie sich die Zeiten ändern! All das und noch mehr geschieht in einem einzigen Jahr, während Werner Enke und Uschi Glas die Kinogänger in „Zur Sache Schätzchen“ amüsieren, die Beatles mit Sergeant Pepper Erfolge feiern, in Deutschland das Farbfernsehen und das Telekolleg eingeführt werden und die DDR hierzulande noch Ostzone oder SBZ heißt. Es gibt schon Haschisch und LSD, jedoch noch keine Drogenprobleme. Die Gastarbeiter aus Italien, Jugoslawien und Spanien sind willkommen und fleißig. Eine gute Arbeit oder Wohnung zu finden ist ganz leicht. Unserem Wachtmeister macht seine Arbeit Spaß, er weiß, daß er etwas Gutes tut. Und bei allem Ernst bleibt immer noch Raum für einen herzhaften Lacher, zum Beispiel, als der festgenommene Randalierer sich bei seiner Einlieferung mit einem Wutschrei auf den Gewahrsamsbeamten stürzt, um ihn mit der Uniformkrawatte zu erdrosseln, Der Beamte weicht nicht einen Fußbreit, doch der Übeltäter findet sich, vom eigenen Schwung getragen, den nur lose eingehakt gewesenen Attrappenschlips in der Faust, mit ziemlich dummem Gesichtsausdruck in der Zimmerecke wieder. Der Angegriffene lächelt still und wissend, nur zu oft hat man ihm schon an die Krawatte gewollt. Wieder was gelernt. Oder der Penner, der betrunken in der Rinne des öffentlichen WCs am Zentralpunkt genächtigt hat und, freundlich  geweckt, sich höflich für die Gastfreundschaft bedankt, in der Hosentasche gräbt, ein Knäuel Zeitungspapier herauszieht, dieses entwirrt und dann mit Grandezza den darin verborgenen Rollmops verspeist - das nenne ich ein Katerfrühstück!
 
Noch bastelt die Jugend BRAVO-Starschnitte zusammen, anstatt Molotow-Cocktails, Eintracht Braunschweig wird Deutscher Fußballmeister, Israel bezwingt im Sechs-Tage-Krieg seine feindlichen arabischen Nachbarn, und im Fernsehen gibt es am Freitagabend als Höhepunkt der Woche den „Kommissar“. Das Jahr 1967 rundet sich mit „Siebenmeilenstiefeln“ und Graham Bonney, und wir finden unseren jungen Schutzmann wieder im verschneiten Remscheid bei nächtlicher Fußstreife. Es ist der 24. Dezember, er ist allein unterwegs, die Straßen sind leer. Hinter den Fenstern strahlen die Weihnachtsbäume, und wirklich rieselt leise der Schnee. Jetzt will jeder zu Hause sein. Die Alleestraße, zum Markt, stapft er hinunter. Um Mittemacht muß er dort sein, Kontrollpunkt. Beinahe angelangt, kommt dem nächtlichen Wanderer vom Markt her mit ausgebreiteten Armen und dem beglückten Ausdruck des Wiedererkennens auf dem Gesicht, ein anderer Einsamer entgegen, eilt, mit dem Ruf: „Mensch, Willi!“, an ihm vorbei und einem dritten Einsamen in die Arme. Der Schutzmann sieht nicht ohne Rührung zwei sich wieder und wieder auf die Schultern und Rücken klopfende Männer, die schließlich untergehakt und fröhlich schwatzend in der winterlichen Nacht verschwinden. Frohe Weihnacht! Erinnerung verklärt - war es nicht ein gutes Jahr? Doch, das war es wirklich. 
 
 
© Robert Sernatini
 Redaktion: Frank Becker