Eduscho

von Erwin Grosche

Foto © Frank Becker
Eduscho*
 
Nichts in unserem Leben ist wichtiger als die Entspannung. Ich habe Ihnen aus meiner Heimatstadt Paderborn eine Entspannungstechnik mitgebracht, die hat zwei Vorzüge, sie ist wohlschmeckend und preisgünstig, ja, so kennt man uns. Und zwar wird diese Entspannungstechnik bei Eduscho praktiziert. Ecluscho ist eine Kaffeehauskette, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kaffee zu verkaufen, und dies nicht nur im gerösteten oder ungerösteten Zustand, nein, man kann auch selbst bei Eduscho eine Tasse Kaffee trinken. Genau darum geht es.
 
1. Das Vorspiel
 
Wir gehen also wie jeder andere Erholungssuchende zu Eduscho und streben dort die silbernen Boxen an, die meistens hinten am Ende des Raumes stehen. In diesen silbernen Boxen wird der heiße Kaffee gelagert, Kaffeekaffeekaffeekaffee, völlig abgeschieden von der Außenwelt, Kaffeekaffeekaffeekaffee, das große, schwarze Meer des Glücks, Kaffeekaffeekaffeekaffee. Meistens steht davor eine Frau, die fragt dann: „Wollen Sie einen Kaffee haben?“
Nun kann man sagen ja oder nein, nur wenn Sie nein sagen ist es für alle nicht angenehm, sagen Sie also lieber ja.
Die Frau fragt dann: „Mit Milch oder mit Zucker?“ Sie können nun sagen, mit Milch oder mit Zucker, Sie können auch sagen, mit Milch und Zucker, Sie können auch sagen, weder Milch noch Zucker, also schwarz, das Ganze ist eine Serviceleistung von Eduscho, die bereits im Preis inbegriffen ist. Der Kaffee kostet inzwischen eine Mark und fünfzig; ich finde das nicht zuviel, mein Auto kostet in der Zeit, in der ich es beim Kaffeetrinken parke, das Doppelte.
Nun kommt's. Wir gehen mit dem heißen Kaffee zur Kasse. Man muß den Kaffee noch vor seinem Genuß bezahlen; das ist ein klarer Mißtrauensbeweis, aber schon eine schöne Einstimmung auf die Ewigkeit, denn auch im Paradiese sind die Parkplätze bewacht.
Nun sehe ich auf einmal neben der Kasse eine durchsichtige Plexiglasbox stehen. In dieser durchsichtigen Plexiglasbox werden Schokoladenriegel gelagert, und zwar in den drei Geschmacksrichtungen:
Vollmilch,
Vollmilch-Nuß,
Zartbitter,
die man aber sehr gut auseinanderhalten kann, da sie farblich unterschiedlich gestaltet worden sind, zum Glück. Ich nehme mir immer zwei Riegel Zartbitter, das muß aber jeder nach seinem eigenen Typ entscheiden. Diese zwei Riegel kosten zusammen 35 Pfennig, ich finde das nicht zuviel, für das Geld würde sie die Post nicht wegbringen. Das muß man auch mal so sagen dürfen. Nun kommt's.
 
2. Das Hauptspiel
 
Wir nehmen nun den heißen Kaffee und die beiden Schokoladenriegel und stellen uns zu den anderen Gästen von Eduscho an die runden Stehtische. Eduscho ist ein Stehcafé. Wenn wir die beiden Schokoladenriegel auspacken, entdecken wir auf einmal, daß beide Riegel in der Mitte ganz leicht angeritzt sind, und das reizt so richtig, sie auseinander zu brechen. Das soll man dann auch ruhig tun, dann erhält man nämlich anstatt zwei großer Schokoladenriegel vier Viertelchen Schokoladenriegelchen, welches schon mal eine Veränderung ist, und Veränderungen sind eigentlich immer ganz gut. Vor allen Dingen mit dieser schönen, symbolträchtigen Zahl vier, wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter, John, Paul, George and Ringo. 
Nun kommt's: Eines dieser vier Viertelchen Schokoladenriegelchen legen wir auf die Zunge in den Rachenraum hinein, da kann es erstmal liegenbleiben, da tut es keinem was, und schließen den Mund. Jetzt brauchen wir beide Hände, die eine Hand zum Aufstützen, Sie werden nachher verstehen, weshalb, und die andere Hand zum Heben des heißen Kaffees; er muß heiß sein, sonst tauschen Sie ihn einfach wieder um. Das machen die auch meistens, gerade kurz vor Weihnachten. Nun nehmen Sie von dem heißen Kaffee einen großen, heißen Schluck . . . und aufgepaßt, jetzt passiert's:
Das kleine Viertelchen Schokoladenriegelchen, das bisher so unbedarft im Rachenraum herumlag, wird überrascht vom Eintreffen des heißen Kaffees - es wurde doch nicht vorbereitet, es dachte doch, es wäre zum Urlaub am Meer -, dieses kleine Viertelchen Schokoladenriegelchen wird völlig überrascht vom Eintreffen des heißen Kaffees. Es wurde nicht gewarnt. Schokoladenriegelchen sind völlig wehrlos und tragen ihre Händchen auf dem Rücken, ähnlich wie Priesterstudenten - dieses kleine Viertelchen Schokoladenriegelchen wird also völlig überrascht vom Eintreffen des heißen Kaffees und löst sich ohne eigenes Zutun, selbstständig, fast vollständig auf. Im ganzen Rachenraum entsteht also so etwas wie eine Schokoladenlava, die sich selber ihren Weg sucht, bis sie zu diesem häßlichen Wort wie Speiseröhre gelangt ist. Man kann den ganzen Vorgang noch forcieren durch gezielte, heiße Kaffeenachschlucke, aber das Ganze ist ein Erlebnis, welches man rein verbal, also sprachlich, ganz schlecht beschreiben kann. Die umstehenden Gäste von Eduscho spüren auf einmal: „Da hat sich was getan, da kommen auf einmal irgendwo positive Energien her. Wer bin ich eigentlich, warum lebe ich, ist eine Mark fünfzig nicht doch zuviel für einen Kaffee ?“
Gestandene Politessen sah ich weinen, Hausmeister sich spontan umarmen, ein Priester wußte wieder: Es gibt Gott. Und das ist doch auch schön, daß man andere an seinem Glück teilnehmen lassen kann und kann selber dabei anonym bleiben.
Leider, ich will das gar nicht verschweigen, hat diese Entspannungstechnik einen kleinen Nachteil. Da gerade ein Anfänger mit  dem Kaffee-Genuß so ungestüm ist, bleibt er in der Regel auf dem letzten Viertelchen Schokoladenriegelchen hängen. Jetzt machen viele den Fehler und gehen noch einmal zu dieser silbernen Box, holen sich noch einen Kaffee und noch einmal zwei Schokoladenriegel, was ja Quatsch ist, da man bestimmt wieder auf dem einen oder anderen Viertelchen Schokoladenriegelchen sitzen bleiben wird, und so viel Kaffee trinken, bis das, rein mathematisch gesehen, mal hinkommt, das schafft kein Mensch. Ich habe es probiert. Der Puls rast unnötig schnell, man neigt zu Schweißausbrüchen und ist leicht erregbar, was nicht angenehm ist, auch nicht für die umstehenden Gäste von Eduscho, da es meistens ihre knapp bemessene Mittagspause ist. Dann lieber das letzte Viertelchen Schokoladenriegelchen so genießen, wie es ihm zukommen könnte, also mit einer Tasse Kaffee.
 
3. Das Nachspiel
 
Von den Schokoladengeschmacksrichtungen empfehle ich Vollmilch gerade für Anfänger und natürlich Zartbitter für den Gourmet. Von Vollmilch-Nuß rate ich ab. Ich meine, das sind jetzt Erfahrungswerte, viele reizt es gerade dann, es trotzdem auszuprobieren, aber dann soll man mir nicht vorwerfen, ich hätte nicht darauf hingewiesen.
Der große Nachteil der Vollmilch-Nuß-Schokolade sind ihre kleinen Nußsplitterchen. Diese kleinen Nußsplitterchen sind so fein gemahlen (was ja nicht bös gemeint ist, aber zu diesem Zwecke nichts taugt), daß sie, vom Schokoladenmantel befreit, in allen Ecken und Ritzen der labilen Zahnreihen, und wer hat die nicht, festklemmen und sich einnisten wie ein Kuckucksei.
Man muß sie mit dem Fingernagel des kleinen Fingers herauspulen, um zu retten, was zu retten ist, und das ist doch nicht die Entspannung, wie sie sein müßte und sieht außerdem nicht gut aus. Aber probieren Sie es einfach aus. Sicherlich befindet sich auch in Ihrer Nähe ein Eduscho-Fachgeschäft. Es würde mich interessieren, ob diese Entspannungstechnik auch übertragbar ist auf andere Landstriche in Deutschland oder wirklich abhängig erscheint von der durchwachsenen Paderborner Lebensart, wo man bei uns zu Hause so gerne sagt: „Wo ich bin, da ist Schönheit“ (Peter Hille) 
 
*als es noch Eduscho und die D-Mark gab
 
 
© Erwin Grosche
Aus: „Lob der Provinz“
Redaktion: Frank Becker