Spaziergänge - Spurensuche

Jochen Stückes „Pariser Album“ im Wuppertaler Von der Heydt-Museum

von Celia-Maria Schmidt/Red./Bec.

Titelmotiv: Nocturnes 24
Spaziergänge - Spurensuche
 
Jochen Stücke: Das Pariser Album
 
Der Zeichner und Graphiker Jochen Stücke (*1962), Liebhaber und Kenner der französischen Literatur und Kunst, der seit zehn Jahren als malender Flaneur mit wachem Blick, Skizzenblock und Tuschepinsel durch die historisch bedeutsamen Straßen von Paris schlendert und an seinem Opus magnum, dem „Pariser Album“ arbeitet, ist ab Sonntag bis zum 22. Februar 2015 mit rund 110 Werken (Tuschezeichnungen, Gouachen, Lithografien und Radierungen) zu Gast im Wuppertaler Von der Heydt-Museum.
Die von Dr. Beate Eickhoff kuratierte Ausstellung präsentiert als Ausschnitt von Stückes beeindruckendem Gesamtwerk eine sorgfältig getroffene Auswahl. Assoziativ verknüpft Stücke in seinen Bildern historische, literarische und künstlerische Themen der Seine-Metropole und eröffnet dem Betrachter, den er mit auf seine Wanderungen nimmt, einen wahren Kosmos literarisch-künstlerischer Bezüge. Im Mittelpunkt seines Interesses steht das reiche Erbe dieses bedeutenden Zentrums europäischer Kultur. Stücke arbeitet dabei nicht chronologisch Geschichte auf, sondern stellt mit Feder und Zeichenstift virtuos neue Bezüge her. Er verarbeitet Fiktion und Realität und schafft so erhellende Assoziationen oder deckt Widersprüche auf. Er inszeniert Situationen und Ereignisse, die so nie stattgefunden haben, aber durch den Ort Paris stets verknüpft sind. Augenblicke der Geschichte, die die Erfahrung der Moderne spürbar machen, verdichtet er zu universellen Aussagen oder zeigt, wie Historie sich wiederholt. Dabei geht es Stücke um Vertikalschnitte durch die Zeit. Diese erlauben ihm, die teils historischen Figuren in neue Kontexte zu stellen. Der tiefgründige Humor, der aus vielen seiner Arbeiten blitzt, der entlarvende Blick auf die Wirklichkeit historischer Figuren und Vorgänge stellt ihn gleichberechtigt an die Seite Honoré Daumiers. Aus dem Gesamtwerk Jochen Stückes entsteht ein dichtes Geflecht, aus dem das Von der Heydt-Museum Wuppertal sechs Themenbereiche herausfiltert:
 
Aragon / Géricault
Dem Maler Theodore Géricault nähert sich Stücke über die biographischen Studien des Schriftstellers Louis Aragons. Bezeichnend für Stückes Arbeitsweise ist das Paraphrasieren eines einzigen Themenkomplexes: die Schönheit des Pferdes als Inbegriff des Kreatürlichen in der Kunst Géricaults.



© VG Bild-Kunst, 2014 - Foto: Frank Becker

 
Emile Zola „Das Werk“
1886 veröffentlichte Zola seinen Roman des Impressionismus. Der tragische Protagonist, der Maler Claude Lantier, scheitert an den Pariser Salons und an seiner eigenen inneren Zerrissenheit. Paul Cézanne glaubt sich in der Figur beschrieben und kündigt Zola sofort die Freundschaft auf. In einem Blatt wie „Cézanne im Duell mit Claude Lantier“ zeigt sich, wie Stücke Fiktion und Realität miteinander vermischt.
 


Besuch im Atelier  Emile Zola L´Œuvre - © VG Bild-Kunst, 2014  - Foto: Frank Becker

Notre Dame
Mit den „Gehversuchen ins 21. Jahrhundert“ verlässt die Kathedrale Notre-Dame die Ile de la Cité, das geographische Herz von Paris. Ihre Strebepfeiler zu spinnenartigen Beinen verwandelt, macht sie sich auf den Weg mit unbestimmtem Ziel. Wohin flieht das Spirituelle in einer fast durch und durch säkularisierten Welt?


     Gehversuche ins 21. Jahrhundert - © VG Bild-Kunst, 2014
 
Kunst und Literatur
Figuren aus unterschiedlichen Zusammenhängen begegnen sich in Stückes Werken und werden verwoben: Es grüßen sich Diderot und Molière in der Rue de Richelieu – „über die Straße und ein Jahrhundert hinweg“. Rodin zeichnet Hugo und Hemingway bei einem Gespräch über Balzac. Wieder einem anderen Jahrzehnt ist die in sparsamen Andeutungen gezeigte Szene von Paul Celans Freitod auf einer Seine-Brücke entnommen.
 
Nocturne, Paricon
Den Blättern „Nocturne“ und „Paricon“ liegen unzählige Studien in den Straßen von Paris zugrunde; aus diesem Vokabular der Stadt lassen sich ästhetische Strukturen „destillieren“. Stücke erkundet dabei die Grenzen zwischen architektonischer Referenz und der Verselbständigung graphischer Formen.
 
Revolution
Kein Paris ohne Revolution und Napoleon. Pathos ist hier nicht zu finden. Die große historisch Gestalt und die Schar der Namenlosen begegnen sich schlicht auf Augenhöhe menschlicher Bedürfnisse und Schwächen. Das „Gespräch unter Feinden“, darunter Ludwig XVI., Marie-Antoinette und Robespierre, auf dem Schafott ist hier ebenso bildwürdig wie der Totentanz, in dem Marat und seine Mörderin, Charlotte Corday, fast zärtlich zueinander finden.


      Der Totentanz Marats mit Charlotte Corday - © VG Bild-Kunst, 2014

Und ganz am Ende, nach „Robespierres Kehraus“, nach dem Blutrausch, herrscht wieder Stille. In der Betrachtung der ewigen Wiederkehr von theatralischem Geschrei und ratlosem Verstummen regt sich bei Stücke offensichtlich der Zweifel, ob der Mensch zu einem Fortschritt fähig ist.
 
Zur Ausstellung ein Beitrag unserer Korrespondentin Celia-Maria Schmidt:

Paris mal anders


Unmittelbar vor dem Auftakt der großen Pissarro-Ausstellung im kommenden Oktober präsentiert das Von der Heydt Museum nun schon ab dem 16.09.2014 bis zum 22.02.2015 ausgewählte Werke des in Münster geborenen Zeichners und Graphikers Jochen Stücke aus seinem „Pariser Album“.

Das Museum widmet sich hierbei der für die Institution seltenen und ungewöhnlichen Aufgabe einer reinen Graphik-Ausstellung mit 110 Werken, welche sowohl Tuschezeichnungen, Lithographien als auch Radierungen und Gouachen zum historischen, literarischen wie auch künstlerischen Thema der Seine-Metropole Paris beinhalten.

Jochen Stücke entführt den Betrachter in seiner Ausstellung mit sechs ausgewählten Themenbereichen in und durch das bedeutendste Zentrum europäischer Kultur. Hierbei arbeitet der Künstler keinesfalls chronologisch oder thematisch die Geschichte Paris auf, sondern begegnet der Stadt auf eine Weise, die im Kontrast zu dem heutigen touristischen Hype um die Metropole liegt. In seinen Werken begegnen sich Fiktion und Realität die dem Betrachter damit ermöglichen, sich individuelle Interpretations- und Verständnismöglichkeiten zu schaffen.

Im ersten Raum der Ausstellung widmet sich Stücke dem Maler Theodore Gericaults über den Themenkomplex des Pferdes. Hierbei ist es ihm vor allem wichtig, daß der Betrachter sich hier nicht dem Vordergründigen widmet, sondern vielmehr dem Inbegriff des Kreatürlichen in der Kunst Gericaults. Folgt man dem Weg, so taucht man anschließend in die literarische Welt des Romans „Das Werk“ von Emile Zola ein, doch ganz anders als erwartet wird dem Betrachter nicht abverlangt das Werk des Autors jemals gelesen zu haben. Stücke sieht sich hier ganz und gar nicht als weiterer Illustrator dieses so erfolgreichen Romans, sondern versucht, dem Betrachter die Bilder als autonome Werke vorzustellen, läßt sich somit ausschließlich von der Idee des Plots leiten und nicht von der literarischen Beschreibung der Personen und Situationen im Roman. So stellt er den zwielichtigen Kunsthändler Maigras ganz und gar anders dar, als es der eigentliche Roman Zolas tut.

Im nächsten Kapitel des „Pariser Albums“ widmet sich Stücke einem für ihn sehr mühseligen Thema, dem lästigen Paris-Tourismus. Mit dem Werk „Notre Dame ist ihrer Geschichte überdrüssig und macht sich auf den Weg“ stellt Stücke durch die sich spinnenartig fortbewegende gotische Konstruktion des Gebäudes von Notre Dame dar, wie er in seinem Werk versucht, dem touristischen Teil von Paris den Rücken zu kehren. Das spiegelt sich auch in der abgesetzten Art und Weise seiner Arbeit wieder.

„Nocturne, Paricon“ (ein selbst kreiertes Wort aus Paris und Icon/Wahrzeichen) gibt Einblicke in seine Arbeitsweise. Oft zeichnet Jochen Stücke sowohl mit Stift als auch mit Tusche auf offener Straße, fernab des Zentrums der Metropole, was für seine offensichtliche Abneigung gegen den Massentourismus spricht. Beim näheren Hinschauen fällt zum Beispiel auf, daß ein touristisches Glanzlicht wie der Eiffelturm, wenn überhaupt, nur ansatzweise im Hintergrund oder in weiter Ferne als Marginalie erkennbar ist. Auch betont er, daß ihm das urbane Umfeld während seines Zeichenprozesses oft einiges abverlangt, ob es nun um Gerüche oder zwielichtige Gestalten geht. Touristen jedoch sind seiner Idee von Paris entsprechend in den Gegenden, die er für seine Bilder aussucht, eher spärlich zu sehen.

Und auch in dem Teil „Kunst und Literatur“ der Ausstellung geht es im Kern nicht um das Vordergründige, sondern vielmehr um die Art und Weise, wie der Graphiker dem Betrachter Einblick in den quasi lesbaren malerischen Prozeß gewährt. Er eröffnet somit einen Blick in einen fragmentarischen Zwischenzustand von Werken, in denen es durchaus auch passieren kann, daß der Betrachter einen Tuschefleck an einem Ort findet, an dem dieser scheinbar nicht hingehört, dennoch aus dem ästhetischen Empfinden Stückes dort seinen Platz beansprucht. Die Weiterentwicklung des Künstlers innerhalb der Werke und die daraus folgenden Assoziationsmöglichkeiten des Betrachters zeichnen die Werke Jochen Stückes in seinem „Pariser Album“ aus.

Mit der Geschichte Frankreichs geht Jochen Stücke fast schon „gegenwärtig“ um. Immer wieder betont der Künstler, daß er versucht Dinge und Situationen „über die Jahrhunderte hinaus“ darzustellen. Widmet er sich der für ihn ignoranten, völlig überschätzten und naiven vorrevolutionären Zeit Frankreichs und ihren Charakteren, so macht er gleichzeitig auch darauf aufmerksam, wie die Gesellschaft heute mit dem Glauben an die ewige Ordnung umgeht.

„Pariser Album“ ermöglicht es, den Graphiker und Zeichner Jochen Stücke auf eine sehr persönliche Reise durch sein ganz privates Paris zu begleiten. Trotz einiger literarischer Anmerkungen im Bild oder spezifischer Themen hält jedoch keines der Werke Stückes eine Bedienungsanleitung vor. Damit ermöglicht es vor allem kreativen Betrachtern, sich ein ganz individuelles Bild sowohl vom Paris im Hier und Jetzt als auch im Damals zu machen.

Die Ausstellung wird am Sonntag, dem 14. September 2014 um 11.30 Uhr in Anwesenheit des Künstlers eröffnet und ist ein Muß für alle die Kunstbegeisterten, die sich schon lange nach einer Reise durch Zeit und Raum, Historie, Kunst und Literatur der phantastischen französischen Welt sehnten.
 

Celia-Maria Schmidt


Stückes Buchausgaben, Druckgrafiken und Zeichnungen werden seit Jahren in der Pariser Bibliothèque Nationale gesammelt.
Es liegt ein zweibändiger Katalog vor:
Jochen Stücke: Pariser Album I und II, jeweils 28,- €.
 
Jochen Stücke – „Pariser Album“
16. September 2014 – 22. Februar 2015
 
Eröffnung: Sonntag, 14. September, 11.30 Uhr - Von der Heydt-Museum - Turmhof 8 - 42103 Wuppertal. Der Künstler ist anwesend.


     Nachbarschaftshilfe- © VG Bild-Kunst, 2014
 
Öffnungszeiten: Di-So 11-18 Uhr, Mo geschlossen.
 
Öffentliche Führungen:
Samstag, 25. Oktober, 14 Uhr, Samstag, 22. November, 14 Uhr, Samstag 24. Januar, 14 Uhr, Samstag, 14. Februar, 14 Uhr.
 
Redaktion: Frank Becker