Lšnger als Homer erlaubt

Die Odyssee im Essener Grillo-Theater

von Andreas Rehnolt

Foto © Thilo Beu

Viel zu laute und zu lange Odyssee in Essen
 
Regisseur Volker Lösch setzt seinem sechsköpfigen Odysseus-Chor
sechs Sinti und Roma gegenüber - Betroffenheitstheater
 
 
Essen - Viel zu lang und viel zu laut geriet am Essener Grillo-Theater Volker Löschs Fassung von „Die Odyssee“. Natürlich sind 2 Stunden und 40 Minuten gemessen an der Dauer von Odysseus' Irrfahrt nicht wirklich lang, doch das ständige Monologisieren des sechsköpfigen, weiß gekleideten Odysseus-Chors geht besonders in der ersten Hälfte des Stücks gewaltig auf die Nerven und man wünscht sich ein bißchen heißen Wachs oder doch zumindest Ohrstöpsel, um diesen meist herausgebrüllten Wortschwall nicht ständig hören zu müssen.
 
Im Untertitel heißt Löschs Werk nach Homer „Lustig ist das Zigeunerleben“. Und da geht es dann abseits des weißgedeckten Tischs der Männer von Ithaka streckenweise so zu, wie man sich klischeehaft eben das Leben der Zigeuner vorstellt. Während die Odysseus-Truppe ihrem Anführer gehorcht und die deutschen Tugenden wie etwa „Schiller und Goethe“ oder „Schweinsteiger und Klose“ beschwört, leben die sechs Sinti und Roma, die Lösch den Schauspielern gegenüber stellt allem Anschein nach in einem paradiesischen Urzustand ohne Arbeit und Kampf.
Die Sinti und Roma stellen alle die Personen, Gottheiten und schrecklichen Figuren dar, die Odysseus und seine Gefährten während ihrer Irrfahrt auf die Heimatinsel kennenlernen. Da ist der Zyklop Polyphen, fett und plump, der mit Bierkästen und Fernsehapparaten um sich schmeißt, nachdem er von Odysseus geblendet und überlistet wurde. Von Homer bleibt nicht viel in den 14 Episoden bis zu Odysseus blutiger Rache an den Freiern um seine Frau. 
 
Es wird gebrüllt, getobt, militärisch marschiert und eins ums andere mal bedauert, daß man schon wieder einige Gefährten verloren hat. Bei der Episode um die Sirenen kommt dann besagter Wachs zum Einsatz. Wenig später ist Odysseus ganz auf sich allein gestellt. Er schafft es noch, die schwarze Göttin Kalypso nach zehnjährigem Dauer-Sex zu verlassen und auch der schönen Nausikaa bei den Phäaken einen Korb zu geben. Schließlich aber ist er wieder zu Hause. In einem wahren Blutrausch - es fliegen Farbbeutel ohne Ende, stellt Odysseus klar, wer Herr im Hause Ithaka ist und stellt die alte Ordnung wieder her.
 
Die Zigeuner spielen in schwarzer Kleidung oder sind mal als Fettleibige, mal als Hippie-Lotophagen, mal rustikal und dann wieder bunt ausstaffiert. Sie trinken, beklagen, daß die als Kinder schon zur Arbeit gezwungen wurden, daß man sie schlecht bezahlt, ihnen Wohnungen verweigert und nicht richtig zur Schule gehen läßt. Auch Polizei-Willkür, falsche deutsche und europäische Asylpolitik sowie und Abschiebungen von Sinti und Roma in ihre Herkunftsländer beklagen die Sinti und Roma von der Bühne herab. Mal steigen sie auch runter ins Publikum und kommen diesem in ihren Rollen als Bettler extrem nahe.
 
Alles in allem ein Theaterabend, der für den Rezensenten sehr anstrengend war. Keiner der Essener Schauspieler muß namentlich erwähnt werden, da sie alle gemeinsam den Odysseus gaben. Ob mit dieser Inszenierung den zahlreichen Vorurteilen gegenüber Sinti und Roma ein wenig der Boden entzogen wird? Wohl kaum. Zu plump sind die Einlassungen, zu sentimental die Szenen, in denen die Sinti und Roma Sinti und Roma darstellen. Betroffenheitstheater macht nicht wirklich betroffen.
 
ARe