Adalbert Stamborski

Der beliebte Schauspieler starb im Alter von 76 Jahren

von Frank Becker

Adalbert Stamborski als Malvolio 1998 - Foto © Uwe Stratmann

Adalbert Stamborski †
(1938-2015)
 
Eine schlichte Todesanzeige in einer Tageszeitung meldete gestern den Tod eines der profiliertesten Schauspieler am ehemals ob seines hervorragenden Ensembles und Spielplans deutschlandweit geschätzten Wuppertaler Schauspielhaus: Adalbert Stamborski, der von 1966 bis 2001 in deren wechselvoller Geschichte den Wuppertaler Bühnen/Schillertheater NRW angehörte, einer der letzten Grandseigneurs an diesem traditionsreichen Haus war und im Oktober 2001 in Peter Turrinis „Josef und Maria“ in seiner letzten Hauptrolle gefeiert wurde, starb am 6. Februar im Alter von 76 Jahren.
Wir wollen an diesen hervorragenden Schauspieler und liebenswerten Menschen mit zwei Theaterbesprechungen aus unserem Archiv erinnern. Das Foto stellte freundlicherweise Uwe Stratmann zur Verfügung.
 
 
Zu Paaren
 
Schillertheater NRW Wuppertal: „Was ihr wollt“
 
Wie dicht gut und mäßig in einer Aufführung beieinander stehen können, bewies Thomas Gimbels Inszenierung von Shakespeares Komödie um Irrtümer und Liebe, falsche Bärte und echte Gefühle, Suff und Seufzer.
Die komödiantischen Stoffe des Engländers gehören zum Schwereren seiner Werke für Darsteller und Regie. Das zeigte sich. Gimbel hat sich redlich bemüht, immerhin mit einigem Erfolg Eigenes eingebracht und die verworren-verwirrende Handlung aufgedröselt.
 
Illyrien: Orsino, Herzog, entbrennt in Liebe für Olivia, Gräfin, die ein siebenjähriges Keuschheitsgelübde abgelegt hat. Viola, Schiffbrüchige, tritt als Mann Cesario verkleidet in Orsinos Dienst. Olivia entbrennt in Liebe für den scheinbaren Cesario. Cesario, eigentlich Viola, entbrennt in Liebe für Orsino. Sir Tobias Rülp, Olivias Onkel, entbrennt für Marie, Olivias Zofe, wenn er nicht zu besoffen ist. Sir Andrew Bleichenwang, Rülps Saufkumpan, entbrennt für alles, was Schenkel hat, Malvolio, Olivias Haushofmeister, brennt schon lange für diese. Feste, ein in die Jahre gekommener Narr, brennt schon lange für nichts mehr. Irgendwann entbrennt Sebastian, Violas totgeglaubter Zwillingsbruder (Isabelle Paris, ein kecker Jüngling und flinker Fechter), weil es sich so ergibt, für Olivia, die ihn für Cesario hält, Beide heiraten. Maria und Sir Tobias Rülp heiraten auch irgendwann. Orsino beschließt Viola zu heiraten, als sie sich ihm entdeck. Bleichenwang, Feste und Malvolio heiraten nicht. Letzterer wird übel gestutzt und geht mit Racheschwur ab. Ende.
Shakespeare hat die Handlung in ein imaginäres idyllisches Phantasieland gelegt. Gimbel läßt Finsternis herrschen, umgeben von übermannshohen Zerrspiegeln. Einzige Kulisse sind zwei Theken unter funkelnden Kristall-Lüstern, billige Bar und prachtvoller Palast zugleich. Von Idylle keine Spur. Zwischen den Theken ein Laufsteg als Rampe für Auftritte und Abgänge, solche auch durchs Publikum.
 
Auf dieser kargen Bühne (Birgit Stoessel) brillieren Tina Eberhardt als Viola/Cesario, dieser unerhört schweren Gratwanderung zwischen Mädchen, Frau und feschem Burschen, Adalbert Stamborski als grenzenlos eitler und verblendeter Malvolio und Franziska Becker als die schreiend ordinäre wie gleichermaßen süße Zofe Maria. Eberhardt überzeugt durchgehend, bewältigt alle Facetten ihrer Rolle, ist frech, schüchtern, forsch und schwach genau da wo es gefordert is. Und sie hat das Feuer, das in guten Mimen brennt. Stamborski verfügt über die Abgeklärtheit des alten Fahrensmannes und legt einen Malvolio hin, der mit seinem Eitelkeitsmonolog das Publikum zu Szenenapplaus hinriß. Und dann Franziska Becker, die umtriebige, intrigante willige und widerborstige Maria, von aggressiver Weiblichkeit, genau richtig und im Sinne des Erfinders. Ihre „Lacherie“ wurde zum komödiantischen Kabinettstückchen.
 
Blaß wie sein Seidenanzug blieb Martin Bringmann von Anfang bis Ende, kein Grund zum Verlieben. Kaum über das Mittelmaß hinaus stellte Ingeborg Wolff den Narren Feste dar, um einiges zu lahm, wo er melancholisch gemeint ist. Seine resignative Weisheit konnte sie nicht vermitteln. Hingegen gelang es Annedore Kleist mitfühlbar, die hektisch Verliebte vorzuführen. Daß sie bei ihrem Auftritt in Watzlawicks Bändchen „Anleitung zum Unglücklichsein“ liest, ist ein witziger Einfall voller Eloquenz. Daß man Malvolio als Anleihe bei Gottfried Helnwein knebelt, ist billig und schrecklich unpassend. Das Burleske der Sauf- und Raufbolde Rülp (Jörg Reimers) und Bleichenwang (Hans Matthias Fuchs) wurde nicht ausgespielt, am besten noch in der Briefszene und beim Zweikampf der Feiglinge Cesario und Andrew.
Gut und Mäßig nivellierten sich und ergaben unter dem Strich einen erträglichen Theaterabend, nicht mehr.
 
Frank Becker, 1998
 
 
„Herr Josef, Tango!“
 
Peter Turrinis „Josef und Maria“ im ADA
 
Nein, es gehörte nicht zum Stück, daß gut 15 Minuten in den stillen Anfang hinein eine Dame in der ersten Reihe völlig ungerührt und bar jeden Anstandes mit klapperndem Besteck ihr mitgebrachtes Süppchen löffelte (wiewohl das hervorragende Bühnenbild von Wolfgang Heidler eine Kantine zeigt) und ungeniert mit ihrer Nachbarin plauderte. Solche Leute gibt es leider. Die Protagonisten der ausverkauften Premiere im Café ADA ließ das unbeeindruckt.
 
Der ältliche Wachmann Josef Pribil (Adalbert Stamborski) und die Aushilfsputzfrau Maria Patzak (Helga Uthmann) stoßen am Heiligabend 1991 in der weihnachtlich dekorierten Kantine eines Kaufhauses aufeinander, wo sie, beide allein und verbittert, die Einsamkeit der Christnacht durch Arbeit verkürzen wollen. Schnell ist die Lebenslüge aufgedeckt, mit der sich der gescheiterte Freidenker Josef und die einstige Nachtclubtänzerin Maria zu schützen versuchen. Er deklamiert Knüttelverse aus der „Wahrheit“ und ausgerechnet ein Zitat von Hanns Johst, das sich ihm in seiner Statistenzeit am Theater eingeprägt hat und schwadroniert vom Sozialismus, sie trinkt „ab und zu einen Schluck gegen das Alleinsein“, träumt von Tirana 1938, Rodolfo Valentino und Familienglück mit Sohn und Enkeln.
 
Sie reden lange aneinander vorbei und doch aufeinander zu. Die Alltags-Realistin Maria zieht den Träumer Josef von seiner Sozialistischen Wolke, während er ihr klar macht, daß der Himmel geschlossen ist. Mit der Aufforderung „Herr Josef, Tango!“ bricht Maria das Eis, öffnete den Weg zu einer skurril anmutenden, doch wunderschönen Weihnacht, in der ihr der über sich hinauswachsende Herr Josef den Valentino gibt. Peter Turrinis liebenswertes, mitunter schmerzhaftes Theaterstück widmet sich dem kleinen Glück, das seine so gegensätzlichen und so aufeinander angewiesenen Hauptfiguren in dieser einen Nacht finden. Die sensible Inszenierung von Stefan Rogge und das delikate Spiel von Uthmann und Stamborski, in deren Gesichtern zu lesen ein Genuß ist, rühren an. Stamborski erwies sich in dieser letzten Inszenierung seiner Zeit am Wuppertaler Schauspielhaus erneut als großer Charakterdarsteller und grandioser Komödiant, der in der Rolle des unschuldigen Sozialisten und dem Wandel seiner Figur mitreißend alle Register seines hohen Könnens zog. Die fabelhafte Tangoszene und der wunderbare Schluß im Kaufhausbett „Paris“ („Frau Maria, die Situation ist derart, daß das Du-Wort angebracht ist.“) wurden zu Kabinettstücken und die Aufführung zu Recht mit langen Ovationen gefeiert.
 
Frank Becker, 12.10.01