Die rheinische Spontanitšt

von Konrad Beikircher

Foto © Frank Becker

Die rheinische Spontanität
 
Über die Spontanität des Rheinländers ist schon viel geschrieben worden. Ich meine jetzt natürlich nicht die organisierte Spontaneität im Karneval oder beim Witze-Erzählen. Sie ist immer etwas direkt, manchmal vielleicht verletzend: wenn zum Beispiel einer in einer rheinischen Kneipe ein Wasser bestellt und zur Antwort bekommt: „Seife und Handtuch auch gleich dabei?“. Nirgends ist die Performance so zu Hause wie im Rheinland. Performance ist eine Kunstform, die aus dem Augenblick heraus geschaffen wird. Sie entspricht einfach dem rheinischen Naturell. Dazu möchte ich Ihnen zwei kleine Geschichten erzählen. Die eine spielt im Klingelpütz in Köln-Ossendorf. Die Flure, die dort zu den „Hafthäusern“ führen, sind lang, sehr lang. Sie müssen gepflegt werden. Das erledigen Hausarbeiter: besonders ausgewählte Gefangene, die mit Putzeimer und Scheuerlappen unterwegs sind. So einer putzt gerade den Flur. Ein sehr unbeliebter Beamter nähert sich ihm. Der Hausarbeiter sieht ihn und haucht - kurz bevor der Beamte seinen Riesenschlüssel zieht - das Schlüsselloch an und wienert drüber. Mit dieser einzigen spontanen Geste hat er einen ganzen Berufsstand lächerlich gemacht. Oder: Bekannte haben vor einigen Wochen geheiratet. Im Stil der 20er Jahre. Die Braut stand in einem Traum von Kleid am Rudolfplatz inmitten der Hochzeitsgesellschaft, als ein Oldtimer-Cabrio - ebenfalls im Stil der 20er Jahre - vorbeikam. Der Fahrer hielt mitten am Ring, schrie: „Ja lüg ich denn?“, sprang aus dem Wagen, nahm die Braut in den Arm und hob sie in sein Cabrio. Dann brachte er sie wieder zurück, wünschte dem Brautpaar viel Glück und verschwand. Das ist die echte rheinische Spontanität. Wunderbar, kann ich nur sagen und: mehr davon.
 
In diesem Sinne
 
Ihr
Konrad Beikircher

©  Konrad Beikircher für die Musenblätter
Redaktion: Frank Becker