Greve empfiehlt aus guten Gründen:

Tex Rubinowitz / Karl-Ove Knausgård / Jan Wagner

von Andreas Greve

Andreas Greve - Foto © Til Mette
Links: Unser Mann in Norddeutschland vor dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover. Greve hat außerdem in Hamburg dem Wahl-Wiener Tex Rubinowitz beim Lesen zugehört und norwegische Bestsellersensationen in Norwegen verschlungen. Mehr über die Lichtenberg-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum ganz unten.
 
Greve empfiehlt
aus guten Gründen
 
Ich möchte im Folgenden drei Bücher und eine Ausstellung empfehlen. Die Autoren sind Tex Rubinowitz / Karl-Ove Knausgård / Jan Wagner. Deren Jahrgänge: 1961 / 1967 / 1971

Es gibt gute Gründe
, „IRMA“ von Tex Rubinowitz zu lesen. Der wichtigste: Tex Rubinowitz schreibt verdammt gut! Wenngleich: Plot-Engineering ist seine Sache nicht – so wenig, daß er diese Unlust und dieses Unvermögen sogar am Ende des Romans selber thematisiert und dabei obendrein seinen Lektor ins Spiel bringt. Das wäre gar nicht nötig. Tex Rubinowitz wirkliche Stärke ist das nichtlineare Erzählen: Stöckchen und Steinchen pflastern seinen Weg, um das jetzt mal als Wortbildsalat anzurichten. Und da folgt man ihm gern über Stock und Stein und durch das Land Assoziationien. Wenn er das gleiche auf der Bühne macht (in diesem Fall im Nochtspeicher* auf St. Pauli), hört man ihm dabei eine Weile durchaus gerne zu – bis er anfängt zu lesen. Ohjeh, der Mann kann nicht lesen – das sagt er sogar selber. Und er spricht die Wahrheit. In dem Fall schon. Dieses Buch sollte man also selber lesen! Da der dem Absurden zugetane Autor im Buch ein Anhänger kruder Theorien ist, hier auch eine von mir: Tex Rubinowitz hat seinen Namen vor Jahr und Tag einem US-Musiker geklaut – aber es ist ein gut gewählter Künstlername, denn er enthält E und U und den Ernst obendrein im leichtherzigen Tex und die Unterhaltung ausgerechnet im jüdischen Nachnamen. Und so arbeitet er auch: Dauernd macht er uns ein U für ein E vor. Und ein E für ein U. Und eine Biographie für einen Roman. Und einen Roman für, ja, was eigentlich? Das Buch ist aus dem Klagenfurtgepreisten Rumpftext über die eigenartige Mitbewohnerin Irma erwachsen und erwurstelt.
Rubinowitz schreibt mit Witz über sein Leben – aber er schreibt nicht (wie etwa Knausgård) u m sein Leben. Man mag manchmal Herzblut vermissen.

 „Ganz egal, welches seiner sexuellen Desaster er in IRMA (l) schildert, man liest diesen Tex Rubinowitz (r.) einfach gern“.

Es gäbe etliche Gründe „Min Kamp“ von Karl Ove Knausgård auch im Deutschen „Mein Kampf“ zu nennen, aber es gibt durchaus guten Grund, das nicht zu tun. Aber sogar in der englischsprachigen Ausgabe heißt das sechsbändige Monumentalwerk des Norwegers „My struggle“. Sechs Bände und 3600 Seiten in drei Jahren! Dabei kämpft man sich als Leser spielend leicht von Band 1 bis 6. In Deutschland sind es allerdings bislang erst vier und zwar STERBEN (1) / LIEBEN (2) / SPIELEN (3) / LEBEN (4). Ausgerechnet „SPIELEN“ liest sich dann nicht so leicht. Oder so gern. Es wirkt so normal. Das macht aber nichts, weil in allen Büchern Gegenwart und Vergangenheit dauernd miteinander verschränkt werden und man schon im STERBEN viel von der Kindheit des manischen Romanciers Knausgård mitbekommt. Überall auf der Welt sagen Leser, ob Laien oder Literaturkritiker, Ähnliches: Man legt das Buch nicht aus der Hand, man möchte wissen, wo er das Salznapf hinstellt oder wann er die Kinder aus der Kita holt – man liest fast atemlos und süchtig lauter völlig unwichtigen Alltagskram und kann gar nicht genug davon bekommen. Ein Kritiker benutzte sogar den Begriff „Vorabendserie“, was insofern richtig ist, weil es im Grunde filmisches Schreiben ist: Ein Mega-Treatment. Den ersten Band verschlang ich in fünf Tagen. Der zweite, der seine zweite Ehe mit einer Schwedin schildert und damit zu großen Teilen in Stockholm spielt, umschreibt großartig das Mann-Sein von heute: Mehr Windeln als Wandeln. Immer gekreuzt mit essayistischen Passagen, in denen es oft um das Schreiben, um den Schriftsteller und um Literatur geht. Und um Alkohol. Ich las LIEBEN auf Norwegisch, weil ich es mir in Norwegen kaufte (ich sah obendrein rein zufällig den Proust unserer Zeit leibhaftig am Provinzflughafen von Förde. Er wirkte nicht so kaputt und verraucht, wie auf den Fotos). Man spricht sogar von Analogien zu der „Suche nach der verlorenen Zeit“. Und das wäre der beste Grund Karl-Ove Knausgård zu lesen: Dann hätte man indirekt zwei Klassiker in einem Abwasch. Ich werde mich nun jedenfalls bald ins „LEBEN“ (4) stürzen, auf dessen dänischer Taschenbuchausgabe das Zitat der Zeitung „Politiken steht, nämlich: er schildere: „ … elegant und pedantisch, was in einem (skandinavischen) Jungen- und Männerleben vor und nach dem Jahrhundertwechsel wichtig ist.“ Frauen interessiert das offensichtlich auch sehr. Weltweit. „Stilistisch anspruchsvoll ist Knausgård nicht“ schreibt ein Kritiker. Zum Glück, möchte ich sagen, das würde einen durch und durch durchschnittlichen Autorenalltag auch nicht so recht kleiden. Aber er schreibt die ganze Zeit u m sein Leben. Und das bedeutet viel.
Karl Ove Knausgård erscheint im Hartcover bei Luchterhand und im Taschenbuch bei btb


Bestseller in der Frühjahrssonne – Karl Ove Knausgård bedeutet Suchtgefahr!
 
Es gibt gute Gründe, den mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämierten Lyrikband „Regentonnenvariationen“ von Jan Wagner zu kaufen. 1.: Ein Dichter verdient auf diese Weise einmal, was ein Dichter verdient.. Stellvertretend für andere Poeten und Poetessen. 2. Er wird so schnell keinen weiteren Band schreiben können – weil der Druck zu stark ist und die Zeit der Schreibruhe erstmal vorbei – das Geld muss also zehn Jahre reichen. 3. Hat er die Haare schön, kann sprechen und ihm scheint auch seine Kleidung nicht gleichgültig zu sein. Er kann sogar lächeln! → Sehen Sie selber.
Das heißt, Wagner ist der absolut richtige Mann, um als „Botschafter des Guten Geschmacks“ herumgereicht zu werden und dabei die Dichter-Zunft in toto ein Stück weit „in die Mitte der Gesellschaft“ mit zu nehmen. Dann können sich Kolleginnen und Kollegen entsetzt absetzten und distanzieren – aber dennoch davon profitieren. Ein gekauftes Buch braucht man nicht sofort und in einem Zug zu lesen. Und Lyrik schon gar nicht. Aber ich habe beim vorsichtigen Vortasten in die Regentonne (wie schon beim früheren Lesen von Wagner) einen weiteren guten Grund gefunden, ihn zu empfehlen: Er ist sprachgewandt und dadurch gut, manchmal sehr gut – und er ist manchmal gar nicht so gut, sondern lediglich sprachgewandt. Dadurch wird und wirkt dieses Buch so repräsentativ fürs ganze Lyrik-Kleingewerbe.
Erschienen sind die „Regentonnenvariationen“ wie schon die „Eulenhasser“ bei Hanser Berlin
 
Und nun zur oben schon angetrailerten Lichtenberg-Ausstellung
 
Es gibt viele gute Gründe, sich die zeichnerische Lichtenberg-Hommage im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover anzuschauen. Hannover zählt allerdings nicht zu den Gründen – es sei den man wohnt in Norddeutschland oder kann nicht warten – denn die Schau kommt auch noch nach Marburg (Herbst), Jena (Winter 2015/16), Göttingen und Berlin. Bis zum 25. Mai ist sie jetzt also im Wilhelm-Busch-Museum zu sehen, das für sich und seine betörende Lage sowieso jeden Weg lohnt.
Zitat hauseigener Absichten:
Der Göttinger Philosoph, Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) gilt als einer der wichtigsten Impulsgeber der Aufklärung und wird als Mitbegründer deutschsprachiger Satire gerühmt. Bis in die Gegenwart begeistern sich Künstler für Lichtenbergs Humor, die Präzision seiner Formulierungen und seine tiefe Menschlichkeit. Die Ausstellung versammelt künstlerische Aussagen aus der jüngeren Vergangenheit und ergänzt sie durch zahlreiche exklusiv für das Projekt entstandene Werke. So werden Arbeiten aus den berühmten Lichtenberg-Zyklen von Horst Janssen, Rainer Ehrt und Robert Gernhardt gezeigt, ebenso wie Arbeiten von Loriot, Franziska Becker, F. W. Bernstein, Gerhard Glück, Rudi Hurzlmeier, Jakob Kirchmayr, Frank Hoppmann, Nicolas Mahler, Jub Mönster, Frank Kunert, Susannah Martin, Arndt Möller, Javier Mayoral, Til Mette, André Poloczek, Dorthe Landschulz, Piero Masztalerz u. v. a.
Es ist also nicht ganz gleichgültig, ob man Lichtenbergs wegen kommt oder der Zeichner. Viele von ihnen beziehen sich in ihren Arbeiten zwar auf ein Lichtenberg-Zitat, das war ja quasi naheliegend, aber es ersetzt nicht das LESEN von Lichtenberg. Nur einige der Künstler gehen in ihren Arbeiten darüber hinaus, am ausgeprägtesten Frank Kunert, der mit gebauten und dann abfotographierten Miniaturmodellen aus dem Rahmen fällt, teils im übertragenen Sinne, aber auch im wortwörtlichen mit seinem realen Nachbau eines fiktiven Grabes des Göttinger Philosophen, das oben zwar in Frieden hinliegt, dessen Innenleben im Erdreich man durch ein Guckloch kennenlernen kann: Es ist ein Schlafzimmer, das seinerseits in Frieden hinliegt. Ein leerer Sarg lehnt an der Wand. So macht Tod Spaß und die Umsetzung nötigt Respekt ab. Ich kannte ihn gar nicht, diesen www.frank-kunert.de.


Homestory als Hommage - Foto © Andreas Greve

Quasi auf halber Strecke zwischen traditionellem Satiriker-Strich oder Anno-Tobak-Anmutung etwa eines Horst Jannsen und Objekt-Kunst finden sich Arbeiten vom stern-Cartoonisten Til Mette, dessen Beiträge beherzt mit anderen Materialien als Feder und Papier allein daher kommen, etwa einem frischen, gefalteten Oberhemd, das als Relief gestärkt aus der vorherrschenden Zweidimensionalität ragt und sich thematisch auf eine Notiz von Lichtenberg bezieht, der seinerseits seinerzeit Gefallen an der Formulierung gefunden hatte: „On clean shirt days he went out and paid visits.“


Mette mehrdimensional © Til Mette

Und dann war da noch ein naturgetreues Bild einer Parklandschaft – ganz ohne Lichtenberg. Ich brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, daß es - durch ein lichtscheues Rollo verfremdet - der Park hinterm Fenster war,. Dem stattete ich, vom Begleitbuch begleitet, umgehend einen Besuch ab.
Zur Ausstellung ist ein Begleitbuch erschienen: Gisela Vetter-Liebenow (Hg.) und WP Fahrenberg (Kurator), Lichtenberg reloaded! Eine Hommage, 2015, Göttinger Verlag der Kunst, 176 Seiten, 29,95 €, ISBN 978-3945869000
 
Nächste Lesung im Nochtspeicher: Am 21. April liest Frank Schulz:  www.nochtspeicher.de/
 
Redaktion: Frank Becker