Freche Bengel fiese Zicken

Kids im Comic

von Joachim Klinger

Der Struwwelpeter - Heinrich Hoffmann pinx.
Freche Bengel – fiese Zicken

Kids im Comic
 
Jede Zeit macht sich ihr Bild von der Welt und ihren Erscheinungen. Das gilt auch für das Kind, das im Leben eine zentrale Rolle spielt. Einmal wird die Sicht auf das Kind von zärtlicher Fürsorge geprägt, ein anderes Mal vom Gebot einer auf das Erwachsenensein vorbereitende Erziehung, ein drittes Mal vom Begriff der autonomen Persönlichkeit von Geburt an usw. usw.
Im 19. Jahrhundert schrieb der Arzt Heinrich Hoffmann (1809–1894) seinen berühmten „Struwwelpeter” (erst die dritte Auflage im Jahr 1847 erhielt übrigens den einprägsamen Titel „Struwwelpeter”) und beschwor mit erhobenem Zeigefinger das Schicksal unartiger Kinder. Ja, man muß seine Suppe essen, nein, man darf nicht bei Tisch zappeln etc.! Wirksame Schreckensbilder für Kinder, Aufforderung zu strenger Achtsamkeit für Eltern? Wohl beides!
 
Gleichwohl wurde das Bild des Kindes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verniedlicht. Die Kleinen sind ja auch entzückend und drollig. Aber sind sie auch „unschuldige” und „reine” Geschöpfe?
Maler wie Hermann Kaulbach (1846–1909) und Ludwig von Zumbusch (1861–1927) zollten dem Zeitgeist Tribut und zeigten in ihren Genrebildern fröhliche Kinderscharen beim Spiel, um die Großmutter geschart, in ängstlicher Distanz zu gefährlichen Tieren wie z.B. dem Kettenhund usw. Um die Bilder „unter das Volk zu bringen” wurden Serien von Kunstpostkarten hergestellt, die sich in deutschen Familien großer Beliebtheit erfreuten und zum Sammeln anregten. Selbst die „spanischen Gassenjungen” eines großen Malers des 17. Jahrhunderts, Bartolomé Esteban Murillo (1618–1682), wurden als Kunstpostkarten veröffentlicht und so vielen Menschen zugänglich gemacht.
 
In diese Idylle brach Wilhelm Busch (1832–1908) ein mit der Bilderfolge „Max und Moritz”, einer „Bubengeschichte in sieben Streichen”, die er am 5. Februar 1865 seinem Verleger Braun anbot. Ohne Erfolg – wie wir wissen!
Die Botschaft des großen Humoristen? Das Böse ist schon im Kinde angelegt, die Kleinen können boshaft und einfallsreich bereits schlimmen Schaden anrichten.
Zum Glück fand sich ein anderer Verleger, der trotz empörter Reaktionen des Publikums, insbesondere von Pädagogen, die Bubenstreiche publizierte und diesem Werk zu weltweitem Ruhm verhalf. Ab 1865 erschien „Max und Moritz” zunächst in Fortsetzungen in den „Fliegenden Blättern”, später dann in Buchform.


Max und Moritz - Wilhelm Busch pinx.

Ob Wilhelm Busch damit als Begründer des Comics gefeiert werden darf, muß hier nicht entschieden werden. Man könnte auch an den Schweizer Rodolphe Töpffer denken, der 1833 einen „komischen Bilderroman” (Wolfgang J. Fuchs und Reinhold Reitberger im „Comics-Handbuch”, Rowohlt-Taschenbuch Reinbek bei Hamburg 1978 S.12) mit dem Titel „Histoire de Mr. Jabot” herausbrachte.
Jedenfalls betreten mit „Max und Moritz” erstmals Kinder als Hauptpersonen die Bühne grafischer Bilderbögen. Und das hatte Folgen!
 
Unverkennbar war Wilhelm Busch das Vorbild für den deutsch-amerikanischen Zeichner Rudolph Dirks, der im Dezember 1897 die Comic-Serie „The Katzenjammer Kids” für den „American Humorist”, eine Unterhaltungsbeilage des „New York Journal”, ins Leben rief. Anfangs lehnen sich die Katzenjammer Kids stilistisch eng an Wilhelm Busch-Zeichnungen an. Das gilt nicht nur für die Figuren, sondern sogar für gegenständliche Attribute.
Andere Protagonisten in amerikanischen Bildergeschichten werden „The Yellow Kid” von Richard Felton Outcault und „Little Nemo in Slumberland” von Winsor McCay – Gestalten, die Ende des 19. / Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Weg aufnahmen, sich auf lange Zeit als kregel erwiesen und zum treuen Begleiter von Liebhaber-Generationen wurden. Die Zuneigung der Betrachter wurde dadurch bestärkt und gefestigt, daß die Bilderfolgen in Alben und Sammelbänden zusammengefaßt wurden. Dies gilt insbesondere auch für später „geborene” Kids wie den kleinen Lausejungen von Martin Branner, der in Deutschland als „Kalle, der Lausbubenkönig” auftrat und in Frankreich unter dem Namen „Bicot” bekannt wurde. Noch in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts konnte man in französischen Buchhandlungen dickleibige Bildbände mit den Streichen und Abenteuern des kleinen, stets adrett gekleideten Jungen mit der Pagenfrisur erwerben. Bösartig waren er und seine drei Spielgefährten weiß Gott nicht, eher lustig-tollpatschig; ihre lausbübischen Taten gingen in der Regel zu ihren Ungunsten aus.


Freche Bengel - © Joachim Klinger
 
In Deutschland folgten auf „Max und Moritz” zahlreiche „Buschiaden” mit bösen Buben, die weder zeichnerisch noch in der Textgestaltung an die „großen Ahnen” heranreichten, aber guten Absatz fanden. Das „Einzelkind”, das bei den „Fünf Schreckensteinern”, den von Ferdinand Barlog erfundenen liebenswerten Schloßgespenstern, eine bescheidene Nebenrolle auf Platz 5 gefunden hatte, wurde von Erich Ohser (e.o. plauen) in eine wunderbare Partnerschaft als Sohn zum Vater gestellt. Die „Vater und Sohn”-Geschichten erschienen ab 1934 in der Berliner Illustrirten, bald aber auch – zur Freude von Kindern und Eltern – in drei Sammelbänden. Weltweit erreichten sie den Bekanntheitsgrad von „Max und Moritz”. Derzeit sind sie allsonntäglich in den Musenblättern zu finden.
 
In der Mitte des 20. Jahrhunderts ging die Ära der witzigen Lausbuben zu Ende. Noch einmal trat – um 1950 – ein kleiner Junge in Bildergeschichten auf. Der Zeichner Gerhard Brinkmann hat ihn geschaffen und „Herbert” genannt. Herbert mag sich Späße ausdenken, aber er hat auch Sorgen, wie die Stirnfalten deutlich machen. Er muß seinen kleinen Bruder betreuen, damit die Mutter arbeiten gehen kann. Der Schriftsteller Walther Kiaulehn bezeichnet Herbert als „echtes Nachkriegskind”, das „dasteht auf kurzen stämmigen Beinen, immer wachsam, immer ein bißchen mißtrauisch die großen Nasenlöcher im Wind” (Vorwort in der Veröffentlichung des Blüchert-Verlages Stuttgart 1952).
Etwa zu dieser Zeit begeisterte in den USA „Dennis the Menace”, ein kleiner vierjähriger Junge mit blondem Haarschopf, Stupsnase und keckem Blick ein großes Publikum. Freilich erzählte sein Schöpfer, der Zeichner Hank Ketcham, seine täglichen Aktivitäten nicht in Comic Strips, sondern präsentierte ihn in Cartoons mit treffenden Aussagen. Dennis verblüfft immer wieder die Erwachsenen, wie wir das hin und wieder bei aufgeweckten Kleinen mit Phantasie und unbändigem Tatendrang erleben. Beispielsweise fragt er eine alte Dame, die seine Eltern besucht: „Ich höre, Sie haben zwei Gesichter. Kann ich die mal sehen?”
Für den Nachbarn Herrn Wilson ist Dennis nichts als eine unerträgliche Nervensäge. Walter Matthau spielt den verbitterten Rentner in der Verfilmung von Dennis mit der ihm eigenen grimmigen Komik – ja, Nachbarschaft kann schwere Prüfungen mit sich bringen …
 
Abgelöst werden die kleinen Lausbuben, die wilden Rangen und frechen Bengel im Bereich der Comics von erwachsenen „Helden”, von edelmütigen Prinzen, kühnen Detektiven und anderen Draufgängern, so daß eigentlich nichts mehr über die Kids im Comic zu sagen ist.
Doch halt, wir haben die Mädchen vergessen!


Fiese Zicken - © Joachim Klinger
 
Auf den „Struwwelpeter” folgte eine „Struwwelliese” – allerdings erst 1890, mit Versen von Julius Lütge und Bildern von Franz Maddalena im Verlag Löwensohn, Fürth. Der Verlag Gustav Fritzsche in Hamburg brachte auch eine Buschiade mit weiblichen Protagonisten heraus: „Lies und Lene” (Text von Hulda von Levetzow, Illustrationen von F. Maddalena). Diese Geschichte „für Groß und Klein in sieben Streichen” lag 1922 immerhin in der 200. Auflage vor.
 
Die beiden Mädchen mit langen Zöpfen und großen Strohhüten treiben es ähnlich wie Max und Moritz mit Menschen und Tieren und steuern deshalb auf ein ähnliches schreckliches Ende zu. Ein riesiger Walfisch mit einem Rachen voller Zähne verschlingt die Schiffbrüchigen:        
 
„Die Moral von der Geschicht’:
                         Böse Kinder liebt man nicht!”
 
heißt es zum Schluß, und die arg von dem Pärchen gebeutelten Personen reiben sich vergnügt die Hände.
Natürlich gab es noch weitere Buschiaden mit garstigen Mädchen, z.B. „Maus und Molli, eine Mädelgeschichte in sieben Streichen nach Wilhelm Busch” (!) (Text: Wilhelm Herbert, Bilder: Karl Storch, Verlag von Braun und Schneider, München 1925). Aber im übrigen kamen weibliche Gechöpfe doch seltener in Comics und Karikaturen vor.
Aus meiner Kindheit erinnere ich mich, daß Ende der 30er/ Anfang der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts in einer Illustrierten eine Serie gezeichneter Bilder erschien, in der eine altmodisch gekleidete, freundliche Großmutter über vergangene Zeiten sprach: „Als ich noch das Klärchen war.” Im Karikaturisten-Lexikon von Kurt Flemig (Verlag K.G. Saur, München 1993) fand ich, einer undeutlichen Erinnerungsspur folgend, die „Karikaturistin, Pressezeichnerin” Martha Bertina, die um 1907 in Frankfurt geboren (?) sein soll. Im Text heißt es: 
 
„M.B. zeichnete lustige Karikaturen zu allgemeinen bürgerlichen Themen sowie lustige Kinderserien: Aber Klärchen, Entwaffnende Kindergeschichten (1941) und Lenchen. Beide Kinderserien sind auch in Buchform erschienen.”
 
Eine spärliche Ausbeute in Deutschland …
 
In England wurden schon bald nach dem 2. Weltkrieg Zeichnungen des Humoristen Ronald Searle publiziert, die wegen ihrer grotesken Komik und ihrer bissigen Satire beträchtliches Aufsehen erregten. Ronald Searle wandte sich in seinem Werk auch betont dem weiblichen Geschlecht zu (z.B. „The female Approach”) und tat mit seinen „Girls of St. Trinians” einen Blick in das lasterhafte Leben von Internatsschülerinnen und in die seelischen Abgründe pubertierender Mädchen überhaupt. Was soll man aber von jungen Menschen in düsteren Zwangsgemeinschaften erwarten, wenn die Chemielehrerin, eine waschechte Hexe, durch die Lüfte auf einem Besen reitend zum Unterricht herbeieilt?! Natürlich foltern sie und üben sich im Gebrauch von Handfeuerwaffen …
 

© 1965 Verlag Bärmeier und Nikel

In Deutschland „erfand” Kurt Halbritter ein kleines laszives und verruchtes Biest, ein ca. 13-jähriges Mädchen, krötig mit breitem Maul und Spinnenarmen / -beinen. Im „Tagebuch einer Minderjährigen” führt er dieses strapstragende Früchtchen vor, das reife Männer zum Schwitzen bringt und erfahrene Matronen in Verlegenheit. Natürlich durfte dieses Buch mit seinen meisterhaften Cartoons in der Reihe der „Schmunzelbücher”, die ab 1954 im Verlag Bärmeier & Nikel erschienen und eine ganze humoristische Epoche charakterisierten, nicht fehlen!
 
Aber nun wird es dünn, besser: dürftig! Keine weiblichen Kids von Format auf dem Feld der Comics! Sex-Bomben und Superhelden – wohin das Auge blickt …
 
Doch – jetzt muß ich – Joachim Klinger – selbst hervortreten! Neben mir ein kleines Mädchen, das seinen schönen Namen Felicitas ebenso selbstverständlich trägt wie ausgeleierte Taschen und Rucksäcke. Felicitas sieht ihre Umwelt kritisch – wie sollte es auch sonst sein? Sie macht sich Gedanken und spricht darüber. Ihr meist stummer Zuhörer ist der Rentner Krawuttke … Frank Becker wird in den Musenblättern eine Tür für die beiden öffnen. Sehen Sie also ab 4. Juni selbst!
 
Redaktion: Frank Becker