Bitte volltanken!

Alexander Franc Storz - „Hallo Tankwart - Wo das Wirtschaftswunder Fahrt aufnahm“

von Frank Becker

Bitte volltanken!

Wer von den älteren Autofahrern heute mit ängstlichem Blick auf die täglich wechselnden enormen Spritpreise und das oft lächerliche Service-Angebot an „früher“ denkt, kann schon wehmütig werden. Denen muß Alexander Franc Storz´ Buch „Hallo Tankwart!“ wie ein Blick zurück ins Paradies des Autofahrers vorkommen. Den Jüngeren mit dem Schicksal der späten Geburt sei von Zeiten erzählt, als der Autofahrer noch ein ernst genommener Kunde war. Und der Kunde war nach ehernem Gesetz König.

Leuna, Derop, Esso, BV-Aral, BP, Fina, Gasolin, Shell, Rheinpreussen, Westfalen, Süd-Tank, DEA, Caltex, Avia, Agip, Total, VK (Volks-Krafstoff), Minol – das sind einige der bekanntesten Kraftstoff-Marken, die der deutsche Autofahrer kennenlernte, bevor die Freien Tankstellen und die Preisbrecher-Ketten Star und Jet aufkamen. Der erste Spritpreis, an den ich mich erinnere, waren 48 Pfennige pro Liter im Jahr 1965, inklusive Service natürlich. Das war billig, ist aber ein halbes Jahrhundert her.
 
Man steuerte diese Inseln im noch nicht ganz so hektischen Straßenverkehr natürlich in der Hauptsache zum Tanken an, aber auch mit technischen Pannen bei der täglichen Benutzung des Autos – denn der Tankwart war ein Helfer bei allen kleinen Problemen mit dem fahrbaren Untersatz. Selbstverständlich wurde der Wagen von ihm mit dem gewünschten Kraftstoff betankt, auch in kleinsten Mengen, wenn mal Ebbe im Portemonnaie war, und während der Sprit lief, putzte er schon mal die Windschutzscheibe, bot die Öl- und Reifendruck-Kontrolle an – und verlangte dafür keinen Aufpreis.


Foto © Frank Becker - Archiv Musenblätter

Foto © Frank Becker - Archiv Musenblätter


War Öl nötig, füllte er es ein, wischte noch mal mit dem Putzlappen nach, der stets aus der Gesäßtasche seines Overalls baumelte und schloß sanft die Haube. Der Wagen stotterte, weil die Zündkerzen verrußt waren? Der Keilriemen quietschte, weil er ausgeleiert war und rutschte? Eine Scheinwerfer-Birne war kaputt? Kein Problem, denn der Tankwart konnte an Ort und Stelle und an 24-Stunden-Tankstellen auch nachts helfen. Da war dann auch schon mal ein schneller Reifenwechsel bei einem Plattfuß und ein Ölwechsel möglich. Schließlich war Tankwart ja damals ein echter Lehrberuf. Wer als Fremder den Weg nicht wußte und keine Straßenkarte der Gegend hatte, fuhr zur Tankstelle und fragte den Tankwart. Der gab auch ohne Benzinverkauf eine verläßliche Auskunft oder hatte in einem kleinen Drehständer das passende Kartenmaterial vorrätig. Und er war stets freundlich dabei.





Der freundliche Tankwart - Foto © Die Lichbildwerkstatt
 
Wo kein Hochbetrieb herrschte und keine Fachkraft benötigt wurde, übernahm oft auch die Frau des Tankstellenpächters die Tank-Obliegenheiten, quasi zwischen Bügelbrett und Mittagessen kochen. In ländlichen Gegenden und kleinen Ortschaften kein seltenes Phänomen. Auf jeden Fall wurde der Tank-Kunde korrekt bedient, und wo man sich kannte, war auch immer ein Schwätzchen drin. Und wenn mal gar nichts los war, wie zum Beispiel in Italien vor dem Tourismus-Boom, konnte man auch solche Szenen Im Bild halten wie diese hier aus dem Musenblätter-Archiv:


Igea Marina/Italien, 1966 - Foto © Frank Becker
So war es förmlich ein Schock für viele Autofahrer, ganz besonders aber für die Damen am Volant, als dieser wunderbare traditionsreiche Kundendienst aus Gründen der Wirtschaftlichkeit der Selbstbedienung weichen sollte. Daß der Sprit dadurch um 3 Pfennige pro Liter billiger würde, zog als Argument nicht unbedingt. Die meisten wollten weiter den Komfort einer Rundum-Versorgung genießen. Doch es kam Mitte der 1970er Jahre, wie es kommen mußte. Der Tankwart „starb aus“ und das Benzin wurde dennoch sukzessive teurer. Heute sind die „Tanken“ kleine Supermärkte mit Apothekenpreisen für das, was spät abends im Haus oder bei der Party fehlt. Und der Tankwart? Halten wir ihn in ehrendem Angedenken!


1971: Selber tanken, aber wie? - Foto © Frank Becker
 
Alexander Franc Storz hat zur Geschichte der Tankwarte und ihrer Arbeitsplätze Fotos aus privaten Alben, Werbungen und Erinnerungen von Zeitzeugen zu einem reich bebilderten, unterhaltsamen und informativen Buch zusammengetragen.
 
Alexander Franc Storz  - „Hallo Tankwart - Wo das Wirtschaftswunder Fahrt aufnahm“
© 2013 Motorbuch Verlag, 176 Seiten, gebunden, 23 x 26,5 cm, 227 s/w Bilder & 61 Farbbilder
ISBN: 978-3-613-03535-5
19,95 € / 27,90 CHF
 
Weitere Informationen: www.paul-pietsch-verlage.de

Wir danken der Lichtbildwerkstatt in Wuppertal für die Genehmigung,
das Porträt des freundlichen Esso-Tankwarts aus den 50er Jahren zu veröffentlichen.