Zwischen Scylla und Charybdis zerrieben

Trenker Der schmale Grat der Wahrheit

von Renate Wagner

© Roxy Film
Seit 27. August 2015 in den österreichischen Kinos
Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit
Österreich / 2015
 
Regie: Wolfgang Murnberger
Mit: Tobias Moretti, Brigitte Hobmeier, Anatole Taubman, André Jung, Arndt Schwering-Sohnrey, Julia Gschnitzer, Gerti Drassl u.a.
 
Es waren andere Welten. Einst hat so ein Tiroler „Prachtkerl“, furchtloser Skifahrer und Bergsteiger, innovativer Filmemacher, seiner Mitwelt gewaltig imponiert. Wir schütteln darüber den Kopf, weil „historisches Denken“, sprich: Dinge aus ihrer eigenen Zeit heraus zu begreifen, statt sie aus unserer Sicht hochmütig abzuurteilen, gänzlich aus der Mode unserer selbstgefälligen Gegenwart gekommen ist.
Also, Bewunderung nicht angesagt, Verständnis bis zu einem gewissen Grad, wenn Wolfgang Murnberger, der ja nun wirklich ein gescheiter Filmemacher mit Fingerspitzengefühl ist, sich der Figur von Luis Trenker (1892-1990) nähert. Daß ein Künstler, der wie auch die meisten seiner Kollegen im Grunde nichts will, als seine Projekte verwirklichen und dessen Ego sich allein um ihn selbst dreht, es in Zeiten schwer hat, wo politische Bekenntnisse verlangt werden – ja, damit war er nicht allein. Er wollte sie nicht geben, aber der Futterkorb hing bei Goebbels (durchaus überzeugend: Arndt Schwering-Sohnrey), der diesbezüglich gnadenlos war. Und Trenker, der noch – natürlich war er Opportunist – als Südtiroler glaubte, zwischen Deutschland und Italien lavieren zu können, wurde erst recht zwischen Scylla und Charybdis zerrieben. Ein Happyend gab’s in Nazi-Zeiten für ihn nicht, so sehr er auch im Eiertanz zappelte.
 
Das erfährt man allerdings in Rückblenden. Diese Trenker-Geschichte beginnt 1948 bei den Filmfestspielen in Venedig, wo er versucht, an alte Beziehungen anzuknüpfen – in diesem Fall der jüdische Filmagent Paul Kohner (Anatole Taubman), der ohnedies nobel genug ist, ihm nicht den Rücken zuzukehren. Daß Trenkers Behauptung, er besäße die „originalen“ Tagebücher der Eva Braun, Humbug war, erzählt der Film von Anfang an – da sieht man Trenker, wieder in seiner schönen Südtiroler Villa, an der Schreibmaschine sitzen, wo er diese fiktiven Intimitäten über den „Führer“ in die Maschine tippt.
Sehr schön die Szene, wo jüdische Produzenten ihn mit dem Projekt gnadenlos abfahren lassen – nach dem Holocaust habe man wahrlich andere Sorgen als das Privatleben des Führers. (Das wurde erst in den frühen achtziger Jahren für seine deutschen Landsleute interessant, als sie lange Zeit auf die Fälschung von Konrad Kujau hineinfielen…)
 
Wenn Tobias Moretti also in Venedig erscheint, ist dieser Trenker ein Fünfzigjähriger, zerknittert, aber entschlossen, wieder die Beine auf den Boden zu bekommen. Diese Passagen gelingen Moretti tatsächlich (auch von seinem eigenen Alter her) am besten, während der „Naturbursche“ der Rückblenden dann am glaubwürdigsten ist, wenn er im politischen Sumpf strampelt und unterzugehen droht: Laut Murnberger und dem Drehbuch (Peter Probst) war ja das, was Trenker der Welt vorspielte, ohnedies nicht echt – mag sein, mag nicht sein. Tiroler sind ein eigenes Volk.


© Roxy Film

In der damaligen Gegenwart, den später 40er Jahren, führte nicht nur die Familie Braun den Prozeß gegen Trenker und diese angeblichen Eva-Braun-Tagebücher, sondern auch Leni Riefenstahl, die man auch in der Nachkriegszeit durch TV-Dokumentationen und ihre Bücher ausreichend „kennen gelernt“ hat, um zu glauben, daß sie unvermindert frech und selbstbewußt vor die Welt trat, obwohl sie nationalsozialistisch „belastet“ war wie wenige sonst. Dennoch: Auftritt Brigitte Hobmeier, von der man zwar (auch aus Live-Theatererlebnissen in München und nicht nur von der Buhlschaft) weiß, daß sie eine extreme Schauspielerin ist, aber hier muß man ehrlich sagen: Sie übertreibt. Wo Moretti seine Nöte immer noch ausbalanciert (vielleicht sogar mit einer kleinen Nuance ins Komische hier und da), legt sie einfach eine Knallcharge hin, vom Anfang, da sie über Regisseur Arnold Fanck (glänzend: André Jung) den Weg in die Welt des Bergfilms erkämpfte, bis zum Ende als selbstgefällig Unbelehrbare. Gut, niemand mag Frau Riefenstahl, aber sie nur als egozentrische, rücksichtslose, berechnende Nutte darzustellen, ohne daß man begreift, wie sie eine solche Riesenkarriere machen konnte (sie war nämlich, wie Trenker, vor und besonders hinter der Filmkamera ein Riesentalent) – das bringt die Sache doch ein wenig zum Wackeln.
Dennoch – Murnberger erzählt schön, wie verdammt schwer es unter den Nazis war, wenn man keinen Standpunkt hat als den egoistischen, wie schummle ich mich durch, und wie schwer danach, wenn einem angesichts der braunen Tünche, die sich angesammelt hatte, niemand die Unschuld glauben wollte…
 
Nun, Trenker hat es, wie man weiß, geschafft. Und nur ganz am Ende, wenn er den knorrigen alten Mann darstellt, der im Fernsehen mit großzügigen Auslassungen und Vereinfachungen sein Leben erzählte (was allerdings genau das war, was das Fernsehvolk hören wollte), versucht Moretti, dem Vorbild auch optisch zu gleichen. Sonst ist es kein Film, der – wie bei Hollywood-Biopics – sich allzu viel Mühe mit der äußeren Ähnlichkeit gibt. Für Murnberger reicht die psychologische Glaubwürdigkeit. Und das ist ja schon eine ganze Menge.
 
 
Renate Wagner