Werbeklassiker und Wochenschauen

„Rendezvous unterm Nierentisch - Die Wirtschaftswunderrolle“ (Jubiläums-Edition)

von Frank Becker

© 2015 Tacker Film
Rendezvous unterm Nierentisch -
Die Wirtschaftswunderrolle

Ein Film über die Pubertät der Republik
 
Vor 30 Jahren stürmte ein ungewöhnliches Projekt die bundesdeutschen Kinos: „Die Wirtschaftswunderrolle“, ein Zusammenschnitt von Werbefilmen und Wochenschauberichten aus Kino und Fernsehen der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter dem Titel „Rendezvous unterm Nierentisch wurde dieser Film, selbst zur Überraschung der drei jungen Filmemacher Manfred Breuersbrock, Wolfgang Dresler und Dieter Fietzke schlagartig zum Kult-Film über die 50er Jahre, vor allem junger Leute, die in die Kinos strömten und ihm monatelange Präsenz auf den Leinwänden der Republik bescherten.
Später hat einer der drei damaligen Regisseure, Wolfgang Dresler, den Kinostreifen für alle, die ihn gerne wieder sehen wollten, in seiner Filmproduktion „Tacker Film“ als DVD auf den Markt gebracht. Heute, 30 Jahre nach dem grandiosen Kino-Erfolg, legt er diese wunderbare DVD mit neuer HD-Bildabtastung restauriert, in brillanter Qualität und mit einem tollen, reich illustrierten 32-seitigen Booklet in einer Jubiläums-Edition erneut vor.
„Das Wirtschaftswunder blüht, die Fresswelle rollt. Wohnungen füllen sich mit Nierentischen und Tütenlampen: "Rendezvous" präsentiert die Höhepunkte aus Werbefilmen und Wochenschauen der 50er Jahre in einer aberwitzigen, turbulenten Collage: Eine schrille Revue durch die Pubertät der Republik. Der Kultfilm über die 50er Jahre jetzt auch auf DVD!“ (Werbetext)

Ich habe mir die DVD (natürlich hatte ich den Film seinerzeit nicht nur einmal im Kino gesehen!) mit dem Blick auf die zum Teil durchaus prominenten Mitwirkenden erneut mit großem Vergnügen angeschaut und wurde von Tacker Film gebeten, einige davon zu identifizieren und in einem Text fürs Booklet vorzustellen. Wer mir da begegnet ist, woran ich mich erinnerte und was für kuriose Werbestreifen gedreht worden sind, lesen Sie hier:
 
Die Stars im Rendezvous
 
Mein Gott, ist diese Frau reizend, wie sie dem weiblichen Publikum von der Kinoleinwand herunter beinahe hypnotisch ins Gewissen redet, um Himmels Willen nichts anderes als Persil für die Wäsche zu verwenden. Die Schauspielerin Trude Haefelin tritt auf als ein Musterbeispiel für bürgerliche Wohlanständigkeit, gepaart mit Verantwortungsbewußtsein und tiefer Liebe zu Mann und Familie. Daß ein erotischer Zug um die Mundwinkel der attraktiven Schönheit spielt und aus ihren dunkeln Augen schimmert, liegt dabei gewiß im Kalkül der Werbefilmer. Tief in den Plüsch des Kinosessels eingesunken, sollte jeder Mann sich ein solch gehorsam-pflichtbewußtes Weib wünschen – und in jeder Frau sollte das Bestreben wachsen, so wie sie zu sein. Bereits der Vorspann des Kino-Erfolgs „Rendezvous unterm Nierentisch - Die Wirtschaftswunderrolle“ zeigt die Magie der frühen Werbung der Wirtschaftswunderjahre.


Fritz Wepper beißt kräftig ins Toast-Brot
 
Freigegeben ab 16
 
Rotschopf Fritz Wepper, heute einer der beliebtesten Fernsehdarsteller, beißt als Knabe (s.o.) mal gleich zu Anfang kräftig in gut belegtes Toastbrot. So sollte Wohlstand aussehen. Wir damals kleinen bis halbwüchsigen Jungs gingen ja beinahe jeden Sonntag ins Kino, wenn das Taschengeld reichte, zumindest trafen wir uns an dem Schaukasten mit den Aushangfotos, nachdem wir uns beim Aushang der katholischen Kirche anhand des „Film-Dienstes“ informiert hatten, was wir auf keinen Fall ansehen sollten. Diese Filme waren natürlich eben deshalb interessant und auch meist sehr unterhaltsam, wenn es uns gelang, uns gelegentlich für älter auszugeben, denn „Freigegeben ab 16 Jahren“ war besonders erstrebenswert, zumal es gelegentlich sogar fast einen Busen und heftigen Grusel zu sehen gab. Zwei davon waren „Schock“ (1955 mit Brian Donlevy) und „Blob – Schrecken ohne Namen“ (1958 mit dem jungen Steve McQueen), die waren für damalige Verhältnisse so schockierend, daß einige Damen schreiend aus dem Kino flüchteten. Heute haben 12-jährige derbere Kost auf ihrem Smartphone. Aber mal ganz ehrlich: gefürchtet haben wir uns auch und haben uns beim nächsten Mal lieber wieder einen Schlagerfilm mit Ted Herold oder Peter Kraus angesehen.
 
Kalter Krieg und Wirtschaftswunder
 
Zurück zu unserem Rendezvous mit der Wirtschaftswunder-Werbung. Pädagogisch gibt sich ein Werbe-Streifens für die Duftmarke Mousson Lavendel: von der Ouvertüre der „Donna Diana“ von Emil Nikolaus von Reznicek begleitet – später diente Sie Ernst Stankovski als Titelstück für sein musikalisches Fernseh-Quiz „Erkennen Sie die Melodie“ – zeigt ein Ritt durch die Geschichte, daß ein Duftwässerchen Kriege, Revolutionen, schwarze Freitage und Diktaturen zu überleben versteht. Da fragt man sich wirklich, wie die das gemacht haben. In dem Werbefilm „Das Glück der Freiheit“ über die Soziale Marktwirtschaft wirbt der Schauspieler Walter Jannsen schulmeisterlich für Ludwig Erhards Konzept Geld muß selten sein – und später im Film tut er das auch für Milch.


Walter Janssen: Geld muß selten sein

Die Politik der damals um die neue Macht ringenden Parteien spielt in unserem Film eine nicht unbedeutende Rolle, das Bild, welches die Parteien damals von sich vermittelten unterscheidet sich nicht unwesentlich von dem, das sie heute erkennen lassen. Vielleicht nicht unberechtigt warnt CDU-Kanzler Adenauer warnt vor der kommunistischen „Soffjettunnion“ und betreibt gegen den Willen einer deutschen Mehrheit die Wiederaufrüstung. Nachgerade martialisch revanchistisch tritt die FDP mit Fahnen, Fackeln, Fanfaren, Panzergeneral Hasso von Manteuffel und dem „Glauben an das ewige Deutschland“ auf, während sich die SPD unter Erich Ollenhauer sozial ausgerichtet gibt. In der Rückschau eigentlich die glaubwürdigsten Parolen. Geschickt verknüpfen die Filmemacher unter Wolfgang Dreslers Regie Wochenschau-Berichte über Kalten Krieg und kalte Küche, Wahlwerbung und Wirtschaftswunder-Waren-Angebote, Tanzwut und Tankstellen, um ein realistisches Bild der Kulturlandschaft zwischen 1950 und 1965 zu skizzieren.

 
 
Mein Hüfthalter bringt mich um!
 
„7 Tage Glück“ wünschte sich jeder – die gleichnamige Illustrierte wirbt dafür mit einem wahren Aufmarsch damals bekannter Fernseh- und Werbeschauspieler, die uns während der rund 85 Minuten gelegentlich wieder begegnen werden. Der Hauptdarsteller dieses Spots tritt in unserer Auswahl auch für Osram Heimsonnen, für das Duftwunder Bac-Stift und bei Produkten von Dr. Oetker, namentlich Backin, vor die Kamera. Will-Jo Bach erlaubt sich als Aufnahmeleiter beim Dreh für die schicken Wagner Polstermöbel ein paar kleine Frivolitäten am Beispiel der ähem, Ausziehcouch (dann wollen wir sie mal ausziehen…). Die Ästhetik der 50er Jahre, repräsentiert durch Wohn- und Rundfunkmöbel, Tapeten, Mode (z.B. von Charme & Chic), durch Fahrzeuge, Gegenstände des täglichen Gebrauchs und auch durch die Sprache wird durch die Werbefilme in geradezu idealer Weise vermittelt. Doch auch die moralische Verklemmtheit dieser Zeit, in der noch der Kuppelei-Paragraph existierte und Homosexualität unter Strafe stand (beides wurde bis weit in die 60er Jahre erbittert verfolgt) wird in dieser äußerst unterhaltsamen Geschichtsstunde immer wieder deutlich. Nehmen wir zum Beispiel „Tampax, die Weltmarke“ – das praktische kleine Ding zum Auffangen der Regelblutung wurde natürlich in der wissenschaftlich aufgeschlossenen Werbung von einer seriösen Krankenschwester mit gestärkter Schürze und Rotkreuz-Haube erklärt – nur von modernen Damen umringt. Immerhin ein Fortschritt, denkt man an die monströsen „Monatsbinden“, die ich noch (große federleichte Pakete, fest in neutrales Papier verpackt), beim Kaufmann für meine Mutter abholen musste. Der Anblick „Felina“-gepanzerter Frauen treibt heute schiere Lachtränen in die Augen, doch auch diese unerotische Verpackung galt damals als vorgeblich elegant und verführerisch. Triumph hatte sogar die Stirn, für seine dem Westwall ebenbürtigen textilen Harnische mit den Worten „…der Inbegriff unbeschwerter Beweglichkeit!“ zu werben. Da wundert es nicht, daß in einer späteren Fernsehwerbung eine Dame stöhnt: „Mein Hüfthalter bringt mich um!“.


Felina
 
Friede, Maggi, Eierkuchen
 
Waschmittel gehörten seinerzeit wie heute zu den meistbeworbenen Artikeln. Liesel Karlstadt und Beppo Brem tun es wie unsere Musterhausfrau im Vorspann für Persil, WIPP, das neue Waschmittel aus dem Hause Henkel, wirbt mit dem gleichen Darsteller wie Graetz-Rundfunk-Geräte, dort Seite an Seite mit u.a. Bruno Dethloff und Harry Hardt. UKW ist das Stichwort für die Optimierung des Radiohörens! Das war schon ein Quantensprung, eine Revolution gegenüber dem quietschenden und zischenden alten Dampfradio auf Mittel-, Lang, und Kurzwelle. Immer wieder hört man in den unterschiedlichsten Spots die charakteristische Stimme von Peter René Körner, oft in den Zeichentrickfilmen von Fischerkoesen, aber u.a. auch für Triumph-Mieder (s.o.: „…der Inbegriff unbeschwerter Beweglichkeit“ – dort sieht man ihn, mit fremder Stimme synchronisiert übrigens auch kurz im Bild). Hans Cossy wirbt für den Bohnerwachs kik, und der Erdal-Rotfrosch legt ein Zeichentrick-Tänzchen aufs Waxa-gepflegte Linoleum. Überhaupt wurden häufig lange, anspruchsvolle Zeichentrick-Filme eingesetzt, um die Aufmerksamkeit für ein Produkt oder ein Thema zu fesseln.


Elfie Pertramer und Dietrich Thoms lieben Maggi-Suppen

Carola Höhn lobt in höchsten Tönen Edeka-Margarine für Eierkuchen und Suppen („das Fundament der Küche“), Fred Kraus und Karin Hardt werben mit den üblichen Klischees jener Zeit, als die Welt wieder in Ordnung war, für ein ordentliches Hausfrauenbild, für das die Wäschesteife Evi-Dur unerläßlich schien. Bum Krüger hat keine Geschenksorgen, und Elfie Pertramer lockt den entnervten Gatten (Dietrich Thoms) mit Maggi-Suppe zurück an den heimischen Herd und unter ihre Fuchtel. Einer der aussieht wie der junge Ben Becker (könnte es dessen Vater Rolf Becker gewesen sein?) füllt als Tankwart Aral ein und putzt die Scheibe. Überhaupt Aral: Das Steigerlied wird für dessen Benzinreklame mißbraucht, und dem Verbraucher wird weisgemacht, daß der Sprit naturrein und gesund sei. Sogar das hat man seinerzeit den Werbestrategen geglaubt. Expressionistisch aufwendig ist die grandiose Alptraum-Inszenierung für den Magenbitter Underberg ein kleines Filmkunstwerk, eigentlich viel zu schade für eine Reklame. Übrigens sollen bei diesem Werbefilm („Dämonen der Nacht“) damals verschreckte Zuschauer aus dem Kino gelaufen sein. Es soll sogar Ohnmachts-Fälle gegeben haben und danach musste Rot-Kreuz-Personal im Kino anwesend sein, wenn der Film im Vorprogramm lief.


Carola Höhn nimmt in der Küche Edeka-Margarine
 
Die Zigarette „danach“
 
Zigarettenwerbung wird man heute allenthalben vermissen. Damals aber gehörte der Glimmstengel zum Wohlbefinden und zur gesellschaftlichen Ordnung. Kabarettist Jürgen Scheller und Fernsehkoch Hans Karl Adam, (nach Clemens Wilmenrod der zweite Küchenchef auf dem Bildschirm) werben in weißer Kochmontur mit ihrem Essen für die Zigarettenmarke Overstolz: „Leicht und bekömmlich muß es sein, wie die Overstolz vom Rhein.“ Salem No. 6 (b)raucht man, wenn man soeben dem Tod von der Schippe gehüpft ist. Der Film dazu zeigt den Grund: Madame föhnt sich die Haare in der Wanne, es kommt, wie es kommen muß, doch rechzeitig kann sie den Stecker aus der Dose ziehen. Die Bemerkung über die „Zigarette danach“ flirtet unzweideutig mit der Erotik, nachdem der Schaum auf der Wanne für Sekunden bereits einen teilentblößten Busen hat hervorblitzen lassen – Erotik per Nippel, verdammt gewagt! Das flimmerte also in den Kindertagen der Republik, zwischen der Neuen Deutschen Wochenschau, Kulturfilm und Hauptfilm und bevor die uniformierte Verkäuferin mit ihrem Bauchladen voller Schokoladen und Eiskonfekt die Reihen entlangging, über die Kinoleinwand. Später kam es über die Mattscheiben der Röhrenfernsehgeräte ins Wohnzimmer.


Nippel-Alarm! - ...und die Zigarette danach: Salem No. 6
 
Und jetzt können wir das alles auf unserem kinotauglichen Plasma-Flachbildschirm wieder zu Hause anschauen. Ich benutze dafür natürlich meinen alten Fernseher mit 42 cm-Bildschirm, der im Gästezimmer unter der Tütenstehlampe auf der alten Musiktruhe steht – dann stimmt es fast wieder. „Reklame ist wichtig, Reklame muß sein“ wußte schon der Kabarettist Wolfgang Müller in seiner Werbeparodie. Mit ihm und seinem Freund, Kollegen und alter ego Wolfgang Neuss stimmen nun ein: „Aber nu fangen wir gleiiich an!“
 

Telefunken - links Harry Hardt, Bruno Dethloff
 
„Rendezvous unterm Nierentisch - Die Wirtschaftswunderrolle“ (Jubiläums-Edition)
Bundesdeutsche Werbefilme und Wochenschauen der 1940er bis 1960er Jahre
© 1985/2015 Tacker Film (DVD)
Gesamtspieldauer: Vorfilm 0:12:00 – Hauptfilm 1:26:00
Bonus: Wahlwerbung 0:11:30 – Kabarett-Werbung 0:11:00 – Werbeklassiker 0:10:30 – Zeichentrick 0:10:30
Regie: Manfred Breuersbrock, Wolfgang Dresler, Dieter Fietzke
 
Weitere Informationen:  www.tackerfilm.de