Karl Otto Mühl 90

Der Dramatiker, Romancier und Lyriker feiert heute seinen 90. Geburtstag

Ein Glückwunsch der Musenblätter-Redaktion

Karl Otto Mühl Foto © Frank Becker
Karl Otto Mühl 90 !
Ein Glückwunsch
 
Die „Musenblätter“ haben soeben ihren sechsten Geburtstag feiern können, das Kultur-Magazin „DIE BESTE ZEIT“ seinen dritten. Daß beide so ordentlich aus den Startblöcken gekommen sind und ihre Akzeptanz auch in Literaturkreisen gefunden haben, verdanken sie nicht unerheblich der Förderung durch den Schriftsteller und Freund Karl Otto Mühl, der in diesen Tagen seinen 90. feiert.

Als Mitarbeiter der ersten Stunde stellt Karl Otto Mühl beiden Magazinen seither seine Texte zur Verfügung, vermittelt vorzügliche Autoren und rührt fleißig und uneigennützig die Werbetrommel. Dafür unseren ganz besonders herzlichen Dank! Unser Glückwunsch geht zugleich an den Schriftsteller, der nicht nur auf 90 erfüllte Lebensjahre, sondern auch auf ein umfangreiches Lebenswerk zurückblicken kann - womit nicht gesagt sein soll, daß da nicht noch einiges der Veröffentlichung harre! Gratulieren wir ihm also von ganzem Herzen.
 
Die Unermüdlichkeit des Geistes
 
Die Unermüdlichkeit des Geistes ist vermutlich der Weg zu ungebrochener Schaffenskraft von der Frische der Jugend bis in die Reife des Alters. Der Dramatiker, Romancier und Lyriker Karl Otto Mühl ist diesen Weg gegangen und geht ihn noch. Am 16. Februar feiert er seinen 90. Geburtstag.
An den Wänden seines Arbeitszimmers sind Fotos angeheftet: Max Schmeling ist zu sehen und Hermann Schulz. Franz Kafka und Siegmund Freud teilen sich den Platz mit Werner Zimmermann, Karl-Heinz Schniewindt und einigen anderen. Diese Männer bedeuten ihm etwas, deshalb möchte Karl Otto Mühl ihre Fotos da um sich haben, wo er schreibt.
Angefangen hat es vor gut 80 Jahren, wenige Jahre nachdem der 1923 in Nürnberg geborene Sohn eines Werkmeisters durch die Versetzung des Vaters 1929 in die gerade erst zusammengefügte Stadt Wuppertal gekommen war. Der Anstoß zum Schreiben kam von einem alten Herrn aus der Nachbarschaft, einem ehemaligen Straßenbahnschaffner. Der kluge Mann, der – Mühl erinnert sich genau – ein altväterliches Hörrohr aus Messing benutzte, sprach oft mit dem Knaben und ermunterte ihn, aufzuschreiben, was da in seinem Kopf vorging. Der Junge schrieb, wandte sich an die Lokalzeitung »General-Anzeiger« – und konnte 1932 in der Jugendbeilage erste Kindergeschichten veröffentlichen. Später schrieb er neben dem Besuch der Realschule und der Lehre als Industriekaufmann weiter. Gedichte, Theaterstücke und „Epigonales“, angeregt von großen Vorbildern.
 
1941 wurde Karl Otto Mühl zur Fahne gerufen, mußte in den Krieg ziehen. Bis 1942 hatte er die literarische Produktion vom Zufall des Einfalls abhängig gemacht. Sein Krieg währte ein Jahr, er überlebte, geriet in der libyschen Wüste bei El Alamein in englische Gefangenschaft. Nun schrieb er mit Plan – Dichtung zum Überleben. Fünf Jahre verbrachte der junge Mann, der kein Soldat hatte sein wollen, in Gefangenenlagern in Afrika, Europa und den USA. Und er schrieb: Gedichte, Aphorismen, Erinnerungen, Gedankenfetzen, Ideen – in schmale Oktavhefte, Kladden, die er bewahren konnte und 1947 mit zurück nach Hause brachte. Für das zwischenzeitlich eingestellte Magazin »Bergische Zeit« öffnete Mühl 2003 sein Archiv und erlaubte die Erstveröffentlichung bisher ungedruckter Texte:

Da wir es fühlten

Die bange Lust von Sommernachmittagen,
und gelbe Felder, die den Himmel tragen,
ein Dornbusch, starrend, wild verzweigt,
der sich in seinen Schatten neigt –
die Nächte nahen barfuss, nicht zu hören,
und gehen früh und wissen, dass sie stören.

Wir liessen stumm erschreckt die Arme nieder.
Es blinzelte durch träge Augenlider
ringsum mit schmalem Blick die Welt;
die Krüge wurden hingestellt,
und standen durstig an verdorrten Flüssen---
da wir es fühlten, dass wir sterben müssen.

(auf 1944/45 zu datieren)


1944 hatte Mühl in Naples/New York als POW (Prisoner Of War) zum Traubenpressen dienstverpflichtet, den Dramatiker Tankred Dorst kennen gelernt und Impulse von ihm bekommen Die Wege der beiden sollten sich später erneut kreuzen. Ins Ruinenfeld des zerstörten Wuppertal zurückgekehrt, folgte er dem Ruf Paul Pörtners, sich der Künstlergruppe „Der Turm“ anzuschließen. Robert Wolfgang Schnell und später Tankred Dorst gehörten wie der Maler Wolfgang vom Schemm dazu. Man sprach über Literatur und Kunst, Mühl schrieb Kurzgeschichten. 1948 legte er am Carl-Duisberg-Gymnasium sein nachgeholtes Abitur ab. Der Neuanfang war gemacht. Jetzt aber galten erst einmal Beruf und Brot. Diese Zeit beschrieb er in seinem erfolgreichen Romanerstling „Siebenschläfer“, den er als mittlerweile leitender Angestellter zwischen 1964 und 1969 geschrieben hatte, aber erst 1975, im Jahr nach seinem Durchbruch als Dramatiker mit „Rheinpromenade“ veröffentlichte. Auch das mit durchschlagendem Erfolg (ca. 70 Inszenierungen) die deutschen Bühnen stürmende Stück hatte Mühl „nebenbei“ geschrieben: „Täglich 20 Minuten hatte ich, während ich im Ratskeller Neuss auf meine Frau wartete“, erinnert er sich. Am 5. April 2013 wird „Rheinpromenade“ im Schauspielhaus Köln zu Ehren Karl Otto Mühls eine Renaissance erleben. 1970 hatte Mühl geheiratet. Drei Töchter hat er mit seiner Frau Dagmar Friebel.

 


Dagmar und Karl Otto Mühl Foto © Frank Becker

Weitere Theaterstücke folgen: „Rosenmontag“, „Kur in Bad Wiessee“, „Die Reise der alten Männer“. Dreizehn sind es seither geworden, dazu Drehbücher zu Fernsehfilmen, Hörspiele, Romane und Gedichte. Der 1975 verliehene Von der Heydt-Preis beflügelte. Schon 1972 hatte sich Mühl durch Vermittlung Horst Laubes und Tankred Dorsts dem Verlag der Autoren angeschlossen, aber auch beim Hermann Luchterhand Verlag und beim Rotbuch Verlag veröffentlicht. Seit 2002 hat er für Prosa und Lyrik eine neue Verlagsheimat beim Wuppertaler NordPark Verlag gefunden, der seinen jüngsten Gedichtband „Inmitten der Rätsel“ und eine Neuauflage von „Siebenschläfer“ vorlegte. Die Arbeit ging weiter. Karl Otto Mühl veröffentlichte 2005 die Romane „Nackte Hunde“ und „Hungrige Könige“ in autobiographischer Anlehnung an die 30er und 40er Jahre in Wuppertal. In Arbeit ist der ebenfalls autobiographische Roman "Der gute Amerikaner", der die Kriegsgefangenschaft aufarbeitet. "Geklopfte Sprüche" Mühl denkt nicht daran, aufzuhören. "Ein bißchen weniger vielleicht", sagt er und: „Das Leben ist ein ständiges Weiterkriechen.“ Seit einer 1982 glücklich überstandenen Krebsoperation hat er einen etwas anderen Blick gewonnen. "Wir sind ein Prozeß, aber die Leute wollen immer gerne, daß wir ein Denkmal sind."


Kurzer bio-bliographischer Abriß:

Karl Otto Mühl – Dramatiker, Lyriker, Romanschriftsteller, Hörspielautor, *16.Februar 1923 in Nürnberg/Bayern, lebt und arbeitet in Wuppertal/Nordrhein-Westfalen
1947 Künstlergruppe „Der Turm“, 1976 Von-der-Heydt-Preis, Verlag der Autoren, Verband Deutscher Schriftsteller, P.E.N. Deutschland, seit 2006 „Musenblätter“-Autor
Werke (Auswahl):



Romane/Bücher:

Die Erfindung des Augenblicks, Neue Geschichten, NordPark Verlag 2012
Stehcafé, Geschichten NordPark Verlag 2010
Die alten Soldaten, Roman, NordPark Verlag 2009
Laß uns nie erwachen, Gedichte NordPark Verlag 2008
Sandsturm, Roman, NordPark Verlag 2008
Hungrige Könige, Roman NordPark Verlag 2005
Nackte Hunde, Roman NordPark Verlag 2005
Inmitten der Rätsel, Gedichte NordPark Verlag 2002
Jakobs seltsame Uhren. Bilderbuch. Wuppertal, Hammer Verlag, 1999
Fernlicht. Wuppertal. Roman. Hammer Verlag, 1997
Trumpeners Irrtum. Roman. Darmstadt, Luchterhand 1981
Siebenschläfer. Roman. Darmstadt, Neuwied, Luchterhand 1975/NordPark 2003



Theater:

Karl Otto Mühl Foto © Frank Becker

Das Privileg, 2001
Ein Neger zum Tee, 1995
Verbindlichen Dank, 1994
Die Weber, v. Gerhart Hauptmann, Bearbeitung 1989
Am Abend kommt Crispin, 1988
Kellermanns Prozeß, 1982
Die Reise der alten Männer, 1980
Hoffmanns Geschenke, 1978
Wanderlust, 1977
Kur in Bad Wiessee, 1976
Rheinpromenade 1973
Rosenmontag, 1975
 

                                                                    
 
 
© Frank Becker