Das Faszinosum der Berge

Stefan König – „Alpingeschichte(n)“ – Von den Anfängen bis auf den Mount Everest

von Frank Becker

Das Faszinosum der Berge
 
Der Versuch einer Annäherung
 
Stefan König hat einen neuen Weg gefunden – übrigens eine interessante Parallele zu den in seinem Buch behandelten Varianten bei der Bezwingung von Wänden und Gipfeln – von der oft fatalen Faszination der Berge zu berichten. Als Chronist begleitet er wagemutige Bergsteiger von Francesco Petrarca bis Helmut Keine auf ihren gewagten, meist lebensgefährlichen Touren in eine Welt der dünnen Luft, in unbezwingbar erscheinende mörderische Wände und Direttissime, die so manches Menschenleben verschlangen, durch die Qualen der Entbehrung und Kälte, die beim Gipfelsturm zu ertragen sind.
In 24 Kapitel nach Themen und nicht unbedingt chronologisch eingeteilt, reißt König alle wichtigen Themen an - Erstbesteigungen, Wettläufe am Berg, Triumphe und Niederlage, Mythen und Katastrophen, die sich in den Hochregionen der Erde zwischen Feuerland, Alpen und dem Himalaya zugetragen haben. Montblanc, Matterhorn und Eiger, Drei Zinnen, El Capitan, Chimborazo und Cerro Torre, Annapurna, Lhotse, Everest, K 2 und Nanga Parbat sind nur einige der legendenumwobenen Berge, die sich Alpinisten zum Ziel ihrer Eroberungen ausgesucht haben.
Keiner der 14 Achttausender der Erde blieb unbezwungen, kein Fleckchen auf dem Globus vom Ansturm der Alpintouristen verschont. Ob es die durch Fernrohre sensationslüstern betrachteten Abstürze am Eiger waren, das nachgerade lächerliche Schlangestehen hunderter, wenn nicht tausender von für viel Geld in den Himalaya gekarrter Möchtegern-Bergsteiger am Mount Everest oder die bekifften Freeclimber im Yosemite National Park – Stefan König zeigt auch die vom sportlichen Ideal weit entfernten Perversionen des alpinen „Sports“. Genauso unnötig erscheinen Leistungen wie die Durchquerung der gesamten Alpen von Ost nach West auf Skiern oder Skibesteigungen und –abfahrten von Alpengipfeln. Wozu?
 
Ein besonderes Thema ist der Krieg in den Bergen, den er in Kapitel 11 dramatisch aufgreift. Der Dolomitenkrieg 1915-18, in dem etwa 180.000 Menschen durch Kampfhandlungen, Frost, Bergstürze, Lawinen und Hunger umkamen, in dem tonnenschwere Geschütze auf 3.000 m hochgezerrt, ganze Berge unterhöhlt und Gipfel mit ihren Besatzungen weggesprengt wurden, war ein grausiges Beispiel schlechthin für den Un-Sinn des Krieges, in dem Brüder ihre Brüder, Nachbarn ihre Nachbarn töteten. Für nichts als Staatsprestige. Da schließt sich das Kapitel des Bergfilms an, das der Südtiroler Luis Trenker nach Filmpionier Arnold Franck in den 20er und 30er Jahren maßgeblich mitgeschrieben hat - denn auch der Dolomitenkrieg spielt dabei in Berge in Flammen“ eine wichtige Rolle.
Natürlich stehen auch bei Stefan König die majestätischen Achttausender im Fokus der Betrachtungen. Spannend läßt er den Leser an ihrer Erstbezwingung und den oft damit verbundenen Berg-Katastrophen teilnehmen, weist der Leistung der nepalesischen Sherpas einen angemessen wichtigen Anteil zu und würdigt die Verdienste so großer Bergsteiger wie die Brüder Schlagintweit, Hermann Buhl, Charles Evans, Vittorio Sella, Heinrich Harrer, Peter Habeler und Harald Messner. Letzterem, der „die drei Pole der Erde“ erobert und alle 14 Achttausender ohne Sauerstoff bestiegen hat, widmet König das abschließende Kapitel.
 
Alexander von Humboldt, Edward Whymper, Tenzing Norgay und Edmund Hillary, Harald Messner, Hermann Buhl und Walter Bonatti, Maurice Herzog, Luis Trenker und Heinrich Harrer, Peter Habeler und Dietrich Hasse, Gerlinde Kaltenbrunner und Catherine Destivelle – Menschen, die Bergsteiger-Geschichte geschrieben haben. Keiner bleibt in diesem Buch unerwähnt, König erschlägt den Leser förmlich mit Namen, Begriffen, Ortsbezeichnungen und Literaturhinweisen, die letztenendes oft nur Eingeweihten etwas bedeuten. Dennoch liest man atemlos, ohne absetzen zu wollen.
Leider verzichtet König zugunsten aussageloser Kapitelgraphiken auf Karten und Fotografien, die hie und da auch dem Laien einen optischen Eindruck begangener Strecken und erreichter Höhen vermittelt hätten. Das Buch ist auch ohne das ein brauchbarer Einstieg ins Thema Bergsteigen. Eine lange Liste weiterführender Literatur, sinnvoll nach den Kapitel-Themen zusammengestellt, macht am Schluß neugierig auf mehr zu dem einen oder anderen Kapitel.

Stefan König – „Alpingeschichte(n)“ – Von den Anfängen bis auf den Mount Everest
 
© 2015 AS Verlag, 288 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag, 13,5 x 21,5 cm - ISBN 978-3-906055-39-8
26,90 € / 29,80 sFr
 
Weitere Informationen: www.as-verlag.ch