Steve Jobs

Kein klassisches Bio-Pic

von Renate Wagner


Steve Jobs
Kein klassisches Bio-Pic
(USA 2015)
 
Steve Jobs und „Apple“ – das waren zusammengehörige Begriffe von internationaler Berühmtheit. Wer da konkret dahinter steckte, der lebendige Mensch, der sich mit dieser Leistung verband, wußten vermutlich nur wenige. Die Biographien über Steve Jobs flossen erst nach dem Tod des damals erst 56jährigen im Jahre 2011 auf den Markt, dann gab es auch den ersten Film über ihn (2013 mit Ashton Kutcher, legendär erfolglos). Nun versuchte man es wieder, noch einmal, hochkarätig besetzt mit Michael Fassbender (der sich als Computer-Irrer viel wohler zu fühlen scheint denn als mörderischer Macbeth). Und als Ganzes betrachtet, ist dieser Film auch absolut gelungen.
Es ist allerdings kein klassisches „Bio-Pic“, das ein Leben „von der Wiege bis zur Bahre“ aufblättert. Da hat sich der britische Regisseur Danny Boyle, der so vieles und Verschiedenes kann (von „Trainspotting“, 1996, über „The Beach“, 2000, bis zu seiner „Oscar“-gekrönten Regieleistung für Slumdog Millionär, 2008), nach einem Drehbuch von Aaron Sorkin (der schon „The Social Network“ und vergleichbar Erfolgreiche schrieb) einen anderen Ansatz ausgesucht. Es werden drei Ereignisse im Leben von Steve Jobs fokusiert, stets in Zusammenhang mit der Präsentation einer seiner neuen „Erfindungen“ (Entwicklungen), und in diesem Rahmen läßt sich beruflich und privat eine Menge abhandeln (wobei der Anteil der Rückblenden gering bleiben kann).
Vorsicht für Normalmenschen, die froh sind, auf ihrem Computer das Nötigste erledigen zu können: Wenn es an die realen Fakten geht, um den Macintosh 128 des Jahres 1984, um den NeXT Computer 1988 und den iMac von 1998, wird man absolut nur Bahnhof verstehen, wenn die Sache selbst verbal umkreist wird (möglicherweise tun sich da auch Experten mit dem schwer, was sich Jobs und seine Mitarbeiter da an den Kopf werfen).
Das alles ist nötig, um die Entwicklung eines Mannes zu zeigen, der rund um „Apple“ (wo er Star war, dann wegen Erfolglosigkeit rausgeworfen wurde und im Triumph wiederkehrte) eine Karriere in der Computerwelt gemacht hat, die offenbar nur mit jener von Bill Gates zu vergleichen ist, ein Visionär, der immer schon vorausahnte, was diese „Dinger“ können und leisten müssen und werden… Wir leben damit. („Kenner“ unter den Kritikern haben dem Film auf dieser Ebene übrigens viele Fehler nachgesagt – als Laie hält man sich aus solcher Diskussion besser heraus.)
Aber natürlich geht es auch um den Menschen – vielmehr, wie man ihn kennen lernt – Unmenschen Steve Jobs. Ein Horror für seine Mitarbeiter, denen er auch verdiente Anerkennung versagt. Ein Horror für seine Chefs, die mit ihm, seinen Leistungen und Launen Achterbahn fahren. Und ein Horror vor allem für jene seiner Freundinnen, die ihm eine Tochter beschert hat – und vor allem für diese Tochter, der man als Kleinkind (mit 5), als Mädchen (mit 9) und als Teenager (mit 19) begegnet. Anfangs mit der Unschuld des (von Jobs abgelehnten) Kindes, das ihn durch seine natürliche Intelligenz gewinnt, später als die junge Frau, die diesen „Vater“ kennt und von Herzen ablehnt.
Apropos abgelehnt – auch daß Jobs selbst ein Kleinkindschicksal dieser Art erlitt, zur Adoption freigegeben, von den ersten Adoptionseltern „zurückgegeben“, das wird mehrfach thematisiert, hat es doch (dergleichen versicherte schon Sigmund Freud) nicht zu heilende Schäden in seiner Psyche hinterlassen. Immerhin eine Erklärung für seine Monstrosität, wenn man es so billig haben will – oder darf man meinen, daß „Genies“ eben auch unerträglich unausstehlich sein dürfen, ja müssen?
Kurz, für diesen Steve Jobs hätte man sicher nicht gerne gearbeitet, und kaum einer hat es getan – außer Joanna Hoffman, immigrierte Polin, die ihn (natürlich!) heimlich liebt, jedenfalls mit einer unerschütterlichen Gelassenheit all seine Launen und auch das unmöglichste Verhalten erträgt und immer an seiner Seite ist, auch wenn sie ihn heftig kritisiert. Der Mensch, der zwischen ihm um der Welt steht, um das Allerschlimmste, das sich im Rahmen der Nerven zerfetzenden Produktionen ergibt, abzufedern…
Kate Winslet spielt diese Joanna, anfangs optisch gar nicht zu erkennen (wenn man nicht weiß, daß sie es ist), eine bemerkenswerte Leistung, in einen Charakter zu schlüpfen und das eigene Schauspieler-Ich (man war schließlich einst die „Titanic“-Liebhaberin!) ganz außen vor zu lassen. Großartig.
Und mindestens ebenso grandios ist Michael Fassbender als der Mann, der ununterbrochen auf Hochtouren läuft, dem man zusieht, wie sein Intellekt rasend zu ticken scheint und seine Übererregungen stets wie Explosionen auf seine Mitwelt zurasen. Glücklicherweise wird er in Rückblenden auch gelegentlich in ruhigeren Momenten gezeigt – aber tatsächlich erscheint Steve Jobs hier (ob er wirklich „so“ war, müssen die entscheiden, die ihn unmittelbar gekannt haben) wie ein Mensch, der gar nicht anders konnte als ununterbrochen auf Hochtouren zu laufen…
Es gibt noch einige bemerkenswerte Leistungen, Jeff Daniels als Apple-CEO John Sculley, der Mann, der persönliche Zuneigung hinter geschäftliche Interessen stellen muß, oder Seth Rogen als jener Steve Wozniak, der mit Jobs einst in einer Garage den „Apple“ bastelte und genau so viel Anteil am Erfolg hatte wie Jobs – aber keinen Erfolg darin, die Anerkennung dafür einzufordern.
Nicht nur Jobs geht die ewig fordernde Kindesmutter Chrisann Brennan (Katherine Waterston) schwer auf die Nerven, aber drei junge Schauspielerinnen (Makenzie Moss, Ripley Sobo, Perla Haney-Jardine) machen die Tochter Lisa zu einem starken (wenn auch letztlich auf Sentimentalität gepolten) Element im Gefüge dieser Geschichte, wo sich Berufliches und Privates so vernetzt, daß man das Gefühl hat, das „Monster“ Jobs sei doch als Ganzes umrundet worden.
Und obwohl man sich gewissermaßen im engen Rahmen von drei Orten und den immer gleichen Leuten bewegt, hat dieser Film ein intellektuelles Tempo, das jeden Action-Thriller an (innerer) Spannung übertrifft. Daß Jobs später „braver“ und „sanfter“ geworden sein soll – das spart der Film aus. Er ist ja, wie gesagt, kein obligates Bio-Pic.
 
Regie: Danny Boyle - Ein Film der Universal Pictures - Trailer
 
Renate Wagner 11.11.15
(Eine Übernahme aus „Der Opernfreund“)