Das Brandenburger Tor - ein deutsches Symbol im Spiegel zeitgenössischer Kunst

Eine Ausstellung des Kunstvereins Langenfeld

von Jürgen Koller


Blick ins Rheinland
Der Kunstverein Langenfeld e.V. präsentiert:
 
Das Brandenburger Tor -
ein deutsches Symbol im Spiegel zeitgenössischer Kunst
 
Es gibt wohl kein zweites Profan-Bauwerk in Deutschland, das so eng mit den Deutschen und ihrer Geschichte verwoben ist, wie das Brandenburger Tor in Berlin. Mit dem Bau, einst dem Glanz und Ruhm Friedrich des Großen – dem „alten Fritz“ - gewidmet, beauftragte Preußens König Friedrich Wilhelm II. den Architekten Carl Gotthard Langhans. Dieser errichtete in den Jahren 1788 – 1791 den Natursteinbau aus Elbsandstein in frühklassizistischer Manier. Das Tor mit sechs dorischen Säulen und einer breiteren Mitteldurchfahrt wird von der geflügelten Siegesgöttin Viktoria bekrönt, die einen von vier Pferden gezogenen Wagen (Quadriga) in die Stadt hineinlenkt. Der Entwurf der Quadriga stammt von Johann Gottfried Schadow, dieser hatte die Wagenlenkerin als griechische Friedensgöttin Eirene vorgesehen. Im Jahre 1806 wurde nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstädt die Quadriga auf Befehl des französischen Kaisers Napoleon nach Paris verbracht. Eine große
Demütigung für die Berliner, die in ihrer schnoddrigen Art von „Napoleon, dem Pferdedieb“ sprachen (siehe die Vignette). Nach dem alliierten Sieg über Napoleon 1814 wurde die Quadriga – die noch in Kisten verpackt war – von den Truppen General Blüchers nach Berlin zurückgebracht. Später ersetzte Karl Friedrich Schinkel die Lorbeerkranztrophäe der Schadowschen Wagenlenkerin „durch ein eichenlaubumkränztes und vom preußischen Königsadler bekröntes Eisernes Kreuz und verwandelte so die Friedensbringerin in die Siegesgöttin Viktoria“. Nach den Siegen der 1860er/70er Kriege defilierten die preußischen Truppen durch das Tor, ansonsten blieb die Mitteldurchfahrt bis zum Sturz der Monarchie am 9. November 1918 der Kalesche des Kaisers vorbehalten.
Das traurigste Kapitel in der Geschichte des Bauwerks war im Januar 1933 der Fackelmarsch brauner SA-Kolonnen durch das Tor nach Hitlers Machtübernahme. Nur zwölf Jahre später stand das Brandenburger Tor inmitten eines riesigen Trümmermeeres, selbst zerschossen, die Quadriga vernichtet. Halbherzig ließ der Ost-Berliner Magistrat gegen Ende der fünfziger Jahre das Tor wieder herrichten, nicht ohne vorher das Eiserne Kreuz und den preußischen Adler von der restaurierten Quadriga in einer Nacht- und Nebelaktion als 'Symbole des preußischen Militarismus' zu entfernen. Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 stand das Tor mitten im Sperrgebiet - weder von der Ost- noch von der Westseite durchquerbar – Terra incognita. Das Brandenburger Tor markierte die Grenze zwischen den Staaten des Warschauer Paktes und der NATO. Erst mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und der Öffnung des Tors am 22. Dezember des gleichen Jahres unter dem Jubel von 100 000 Menschen konnte aus dem Symbol des Kalten Krieges ein Symbol der Wiedervereinigung Deutschlands und letztlich Europas werden.
 
Anläßlich des 25. Jahrestages der deutschen Vereinigung eine Ausstellung ausgerichtet zu haben, die das Brandenburger Tor als ein deutsches Symbol in der zeitgenössischen Kunst spiegelt, gehört erneut zu den beachtenswerten Aktivitäten des Langenfelder Kunstvereins e.V.. Diese Schau reiht sich ein in die Reihe herausragender Kunstpräsentationen der letzten Jahre, hier sei an Ausstellungen von Mack, Piene, Luther, Meistermann oder Willikens erinnert. Es war die Idee und ist das Verdienst von Kuratorin Beate Domdey-Fehlau, eine solche Ausstellung konzipiert und realisiert zu haben. Es galt, sich der Aufgabe zu stellen, Werke mit der Symbolik 'Brandenburger Tor' zu finden und deren Standorte in der Bundesrepublik zu lokalisieren. Eine wahrlich große Herausforderung war es für die im Ehrenamt tätige Kuratorin, die potentiellen Leihgeber zu überzeugen, sich von ihren Werken eine zeitlang zu trennen. Das Renommee des Langenfelder Kunstvereins war da hilfreich. Neben Künstlern, die vertrauensvoll das Projekt unterstützten, konnten Leihgeber von Ahrenshoop im Norden bis Aachen im Westen und Erlangen im Süden gewonnen werden. Ohne die großzügige finanzielle Unterstützung durch die Bürgerstiftung der Stadtsparkasse Langenfeld wäre dieses Vorhaben nicht zu realisieren gewesen. Die Künstlerliste der Schau umfaßt acht national und international bekannte Persönlichkeiten, die sich in 18 Werken aus unterschiedlichsten Blickwinkeln der Thematik 'Brandenburger Tor' gestellt haben. Jörg Immendorffs Modell seiner viel gerühmten plastischen Gestaltung „Die Naht /Brandenburger Tor-Weltfrage“ von 1982 ist der 'Aufmacher' im Kunstraum des Vereins. Bei Immendorff vermischen sich „private Horizonte und politischer Sinngehalt in expressiven Bilderrätseln: Das Brandenburger Tor mit der stürzenden Quadriga, dem deutschen Adler als Alptraum, das mit Eis überdeckte Deutschland, in dem noch die Panzer des Krieges stecken“. Auch seine Farb-Holzschnitte zwingen den Betrachter zu genauem Schauen, um Zeichen und Symbole zu finden und zu deuten. Ergänzt werden diese Blätter von einem Gedicht A.R. Pencks, Immendorffs Künstler-Freund, das mit den Versen endet “... die Mauer kann tausend Jahre stehen, doch wird das Reich zu Grunde gehen, dann seht ihr stehen wie einst zuvor das alte Brandenburger Tor...“.


Ausstellungs-Prospekt: Thomas Baumgärtel / Harald Klemm, Blühende Landschaften
 
In der Bildkunst der DDR spielte das Brandenburger Tor kaum eine Rolle, ja es war als Sujet unerwünscht, hätte sich doch des Betrachters Blick stets Richtung West-Berlin mit der Siegessäule im Hintergrund gewandt. Wolfgang Peuker, aus der Leipziger Schule kommend, hat sich vor dem Mauerfall unbeirrt dieser Tor-Symbolik gewidmet. Es ist bedauerlich, daß sich die Neue Nationalgalerie Berlin außerstande sah, dieses Bild „A.P. - geb.1949“ (des Künstlers Frau vor dem Tor), auszuleihen Die beiden in der Ausstellung gezeigten Peuker, 1990 und 91 entstanden, zeigen eine Frau vor dem Tor, die sich bewusst vom Betrachter abwendet, bzw. zwei Schatten-Figuren, die durch das Tor flüchten – sind es die Schatten der Vergangenheit? „Blühende Landschaften“ , eine Gemeinschaftsarbeit von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm, 2003, greifen persiflierend Kanzler Kohls Wort auf. Es regnet Blüten und Bananen auf das beglückte Volk der Ost-Deutschen. Baumgärtels „Banane im Brandenburger Tor“, 2000, ist so wunderbar zweideutig - Konsum-Segen für alle oder doch Deutschland als Bananenrepublik, schlecht aus dem Bauch heraus regiert, ohne strategisches Konzept für die Zukunft. Sozial-politische Aktionen dokumentiert Hermann Josef Hack. Die kleinen Zelte vor dem Tor galten zwar Klimaflüchtlingen, haben aber angesichts der nach Hunderttausenden zählenden Flüchtlingen und Asylsuchenden in Deutschlands Gegenwart eine ganz neue, dramatische Aktualität erhalten. Der streitbare Plakatkünstler Klaus Staeck, von 2006 – 2015 Präsident der Akademie der Künste, überrascht mit einem Offset-Plakat, das die Rückseite des Brandenburger Tors zeigt, im Vordergrund eingefügt das Gemälde „Das Eismeer“ von C.D.Friedrich (- das auch mit „Untergang der 'Hoffnung' “ titelt). Bedauerte der altlinke Sozialdemokrat im Jahr 1990 den Verlust der 'Hoffnung' auf eine „soziale Demokratie“ in der Eises-Kälte des vereinigten Deutschlands?
Mit großformatigen Seriegrafien ist Gerd Wimmer bekannt geworden. Das schon 1966 angelegte Bild „Sie verlassen jetzt West-Berlin“ mit Blick durch die Säulen des Tors Richtung Rotes Rathaus, impliziert US-Präsident Ronald Reagans berühmten Satz, gesprochen 1987 anlässlich seines Berlin Besuchs vor dem Brandenburger Tor: „Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall!“. Stehen einige der gezeigten Werke im Kontext der Traditionslinien preußisch-deutscher Geschichte, andere verweisen auf die (noch) nicht bewältigte deutsche Wiedervereinigung, so wird der Besucher der Ausstellung mit einem großformatigen Color Print des Brandenburger Tors, messerscharf und brillant aufgenommen, verabschiedet. Der renommierte Architektur- und Industrie-Fotograf Manfred Zimmermann hat das Tor in phantastischer Perspektive von schräg unten in Richtung Quadriga im Jahr 2010 ins Bild gesetzt. Ein versöhnlich-optimistischer Bild-Ausklang dieser bemerkenswerten Schau über ein symbolträchtiges deutsches Motiv.
 
Das Brandenburger Tor - ein deutsches Symbol im Spiegel zeitgenössischer Kunst
Kunstverein Langenfeld e. V.
Hauptstraße 135 - 40764 Langenfeld
 
Die Ausstellung ist bis Ende Januar 2016 geöffnet.
Di., Fr., Sa.: 10 -13 Uhr - Do.: 15 - 20 Uhr - So.: 15 - 18 Uhr
geschlossen vom 24. Dezember 2015 bis 6. Januar 2016