39. Internationale Händelfestspiele 2016

Eine fragmentarische Rückschau

von Bea Lange



39. Internationale Händelfestspiele
Karlsruhe im Februar 2016
 
Eine fragmentarische Rückschau
 
Die Stadt in diesen Tagen – eine einzige Baustelle, das Badische Staatstheater in diesen Tagen – ein einziger Tempel des Genusses, der Schönheit, der Anregung und der großen Stimmen! Händel lebt! - er war fast physisch greifbar hier in Karlsruhe. Überall in der Stadt sind die goldenen Händel-Skulpturen platziert, keine bunten Gartenzwerge wie anderswo gesehen, sondern ehrwürdige Büsten in gewollt prunkvoller Ausbildung, dem Meister angemessen. Schon am Bahnhof begrüßt Franco Fagioli die Ankommenden, am Markplatz lächelt Valer Sabadus dem Vorbeieilenden entgegen. Diese großformatigen Plakate sind mehr als Werbeträger und Corporate Design, sie schaffen Zugang, wecken Interesse und verbinden das profan urbane Leben mit dem zeit- und raumvergessenmachend Unerhörten, was sich da im Theater, aber auch an anderen Aufführungsorten, abspielt. Zweieinhalb Wochen künstlerischer Ausnahmezustand in Karlsruhe, die Stars der Barockmusik geben sich die Klinke in die Hand, mitreißende Konzerte, prachtvolle Inszenierungen, daneben Symposien und Fachtagungen zum Thema. Ein einziger Rausch der Bilder und Klänge, Stimmengewirr aus allen Kontinenten; eine große Familie scheint es, die die Liebe zur Barockmusik über alle Grenzen hinweg verbindet.
 
Was der junge Michael Fichtenholz, künstlerischer Leiter der Festspiele, hier auf die Beine gestellt hat, verdient allen Respekt. Er stellte das Programm zusammen, zeichnete verantwortlich für die Dramaturgie im „Arminio“, gestaltete Operneinführungen und betreute die Künstler. Umtriebig, pausenlos im Einsatz vor, auf und hinter der Bühne fragte sich der Beobachter, ob ab und an auch ein paar Stündchen Schlaf für ihn drin waren. Alle Kraft wurde ihm abverlangt, als auch noch ein schwerer Unterbühnenunfall während einer „Arminio-Vorstellung“ zu einer unfreiwilligen Zäsur geriet – welche Dramen sich im Off abspielten, kann man nur erahnen – und doch wurde die schwierige Situation souverän und mit dem bestmöglichen Ergebnis für die über 1.000 erwartungsfrohen Zuschauer gemeistert. Hut ab vor allen Beteiligten, allen voran dem in dieser – ab nun nur noch konzertant möglichen – Aufführung direkt an der Rampe agierenden Solisten-Ensemble von „Arminio“, das gerade in dieser Nachmittagsvorstellung (Premiere war eine Woche davor), sängerisch brillierte und über sich selbst hinaus wuchs. Zusammen mit dem Orchester Armonia Atenea unter George Petrou wurde eine musikalische Sternstunde geformt in einer künstlerischen Qualität und Geschlossenheit sondergleichen, die so außergewöhnlich – trotz oder wegen des dramatischen Vorgeschehens -  ablief, daß sie dem Publikum wohl für alle Ewigkeit in Erinnerung bleiben wird.
 
Die großartige Regieleistung von Titelheld Max E. Cencic und das wunderbare Bühnenbild von Helmut Stürmer kann zum Glück erneut bei der Wiederaufnahme zu den nächsten Karlruher Händelfestspielen in Augenschein genommen werden. Die Wiederaufnahme von „Teseo“ aus dem letzten Jahr mit Valer Sabadus in der Titelrolle war der zweite große Opernklopper der Festspiele, auch hier ein sing- und spielfreudiges Ensemble, tolle Regie und Bühne, ein restlos begeistertes Publikum. Weiteres Highlight war das Galakonzert von Franco Fagioli mit Arien von Händel und Porpora. Dem Argentinier war die Liebe der angereisten Fans sicher, dazu die der Karlsruher, die schon die Anfänge seiner Kariere begleiten durften, als er 2008 mit „Giulio Cesare“ debütierte, später mit „Ariodante“ und „Riccardo Primo“ Begeisterungsstürme auslöste. Sein makelloses Timbre in allen Schattierungen vom Alt (mit Anleihen zum Tenor) bis zum Sopran ließ den Saal jubeln u.a. bei der äußerste Beweglichkeit fordernden Arie „Se bramate“ aus Serse oder dem innig gesungen  „Dolci freschi aurette“ aus Polifemo. Das Publikum kniete gedanklich nieder und der Künstler tat ebendies in persona und küßte den Boden, mehr geht nicht!
 
Abgerundet wurden die Wochen durch fanfreundliche Autogrammstunden, allerlei Gedrucktes und Gepreßtes an den Merchandising-Ständen und ein immer freundliches und aufmerksames Service-Personal. Danke Karlsruhe, einer Auslastung von 100% im nächsten Jahr steht nichts im Wege!
 
Bea Lange