Otto Mueller - natürlich nackt

Menschen im Einklang mit der Natur - Knsthalle Emden

von Jürgen Koller

Otto Mueller - Am Ufer sitzendes Mädchen, Akt im Schilf
Menschen im Einklang mit der Natur
 
Otto Mueller - natürlich nackt
Kunsthalle Emden
 
Der Untertitel 'natürlich nackt' in der Sommerschau der Kunsthalle Emden impliziert zwei Sinngehalte zugleich - zum einen verweist er darauf, daß Akte unabdingbar zum Sujet des Brücke-Künstlers Otto Mueller gehören und zum anderen spielt er auf die Natur als wesentlichen Bildgegenstand des Künstlers an. Erstmals widmet die Kunsthalle Emden Otto Mueller eine Ausstellung, besitzt sie doch neben dem prominenten Gemälde „Knabe vor zwei stehenden und einem sitzenden Mädchen (1918/19) noch sechs wertvolle Papierarbeiten von Otto Mueller. Insgesamt werden 57 Werke, davon 10 Gemälde vorgestellt. Der 1874 im schlesischen Liebau (Lubawka, Polen) als Sohn eines Steuerbeamten und ehemaligen Offiziers geborene Otto Mueller lernte Lithograph und studierte einige Jahre in Dresden und eine kurze Zeit in München. Erst unter dem Einfluß der Brücke-Künstler, die er 1910 in Berlin kennenlernte, fand er zu seinem expressiven Stil, der sich aber im Gegensatz zu seinen Künstlerkollegen durch einen gewissen Anflug von Lyrismus auszeichnet. Auch Mueller verfolgte das künstlerische Ziel einer Abkehr vom herkömmlichen Stil der Akademien und das Finden neuer künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten. Doch nimmt er in der Künstlergemeinschaft Brücke, deren Mitglied er wurde, eine Sonderstellung ein: Er ist merklich älter – zehn Jahre gegenüber Schmidt-Rottluff und sechs Jahre gegenüber Kirchner – und er ist „still, sanft, versonnen und gilt als Träumer und Romantiker, der die Ruhe und Harmonie sucht und den das Laute, Aggressive und Ekstatische eher schreckte“. Weltliche, urbane oder gesellschaftskritische Themen sind für ihn uninteressant, er sucht in „seiner Kunst zeitlebens den paradiesischen Urzustand des Menschen im Einklang mit der Natur“. Akte in der Natur, die den Menschen unverfälscht darstellen sollen, begannen in diesen Brücke-Jahren zentrales Darstellungsthema zu werden. Während der Aufenthalte an den Moritzburger Seen und an der Ostsee, zusammen mit Heckel und Kirchner, malte Mueller viele Variationen dieses Themas. In seiner Farbpalette herrschen Grün-, Gelb- und Ockertöne vor. „Er brachte uns die Leimfarben“, schreibt Ernst Ludwig Kirchner in der Chronik der „Brücke“ 1913. Diese Leimfarben auf ungrundiertem Rupfen (grober Sackleinen) sind sehr fragil und treiben Konservatoren den Angstschweiß auf die Stirn. Betrachtet man in der Ausstellung die Gemälde von Nahem, wird die brüchige Struktur des Farbauftrags deutlich. In den Aquarellen und den mehrfarbigen Lithografien wird die sichere Linienführung der Körper deutlich, so in „Mädchen im Dünengras“ (1925). Charakteristisch ist, daß die Körper oftmals kaum das Geschlecht erkennen lassen. Die jungen Mädchen im Gemälde „Zwei badende Mädchen“ (1921) in ihrer kantigen, schmalen und eckigen Körperlichkeit sind völlig unsexyi, nicht einmal erotisch zu nennen, so ist es bei fast allen Akt-Darstellungen. Bei Otto Mueller steht stets die angestrebte Einheit von Mensch und Natur im Vordergrund. Gesichter und Köpfe geraten ihm deshalb öfters zu Stereotypen, ähnlich der Körperhaltungen beim Liegen, Sitzen und Stehen. Beim Durchwandern der Ausstellung wird aber gerade deshalb nachvollziehbar, daß es, wie Mueller es zusammenfaßte, das „Hauptziel meines Strebens ist, mit größtmöglicher Einfachheit die Einheit von Landschaft und Mensch auszudrücken“.


Otto Mueller, Zwei Mädchen in den Dünen - Brücke Museum
 
Im Jahre 1919 wird Otto Mueller eine Professur von der Staatlichen Akademie für Kunst und Gewerbe in Breslau angetragen, die er bis zu seinem Tod inne hat. Seinem unangepaßten Lebensstil, seiner Abkehr vom Bürgerlichen entspricht es, daß der Künstler sich in den Jahren von 1924 bis 1929 für die Lebensweise der Roma auf dem Balkan interessiert und von diesen Menschen akzeptiert, sogar in deren Familien integriert wird. Aus diesen Jahren sind Werke, vor allem Lithographien bekannt, die voller Melancholie und Sehnsucht sind, aber auch mit lebendiger Kraft das karge Leben dieser Menschen künstlerisch dokumentieren. Daraus resultiert sein Ehrenname „Zigeuner-Mueller“. Im Jahre 1930 stirbt Otto Mueller in Breslau an den Folgen einer Lungenentzündung.
In die Otto-Mueller- Ausstellung sind zwei Foto-Dokumentationen zur Thematik Badekultur vor und nach dem 1. Weltkrieg an Ost-und Nordsee sowie zur Nacktkultur und Lebensreform im frühen 20. Jahrhundert eingefügt. Vor allem die Dokumentation zur Nacktkultur und Lebensreform ergänzt Muellers Bemühen, eine bildkünstlerische Einheit von nacktem Mensch und Natur zu schaffen. Im sittenstrengen, prüden Kaiser-Reich stand das öffentliche Nacktsein unter strenger Strafe. So wird von den Brücke-Künstlern berichtet, daß der Dorfgendarm mehrfach gegen die Aktmalerei an den Moritzburger Seen eingeschritten sei. Selbst das Baden an der See war streng nach Geschlechtern getrennt und wurde von „Strandcapitainen“ überwacht; auch das Familienbad war, weil es bei nasser Badewäsche die Körperlichkeit von Mann und Frau erkennen läßt, bei Behörden und Kirche verpönt. Deshalb wirkt es etwas betulich und aus heutiger Zeit gefallen, daß in der Kunsthalle in einem Separee, durch Schleiervorhänge vor den Augen der lieben Kleinen verborgen, die harmlosen Nacktfotos der Lebensreform aus den frühen 20er Jahren gezeigt werden – und das im Zeitalter der Smartphons in den Händen der Schuljugend!
 
 
 
Otto Mueller – „Natürlich nackt“
Kunsthalle Emden - 7. Juni bis 25. September 2016
Hinter dem Rahmen 13 - 26721 Emden
 
Öffnungszeiten:
Di bis Fr 10 bis 17 Uhr, Sa, So/Feiertage 11 bis 17 Uhr
jeder erste Di/ Monat 10 bis 21 Uhr – Kunstabend
Eintritt: Erwachsene 8 €, ermäßigt 6 €, am Kunstabend 4 €, Kinder bis 15 Jahre frei
 
Publikation:
Otto Mueller, Monografie, Text von Christiane Remm, Hrsg.: Magdalena M. Moeller
© 2014 Hirmer Verlag / Brücke-Museum Berlin, 144 Seiten, 111 Abb., überwiegend in Farbe, gebunden, im Museum 28 € / im Buchhandel 34,80 €
 
Informationen: www.kunsthalle-emden.de - Tel. 04921 97500