Valerie Favre in der Barmer Kunsthalle

Ein Juwel in der Reihe aktueller Malerei

von Johannes Vesper

Die Henkerin II, 2010 © VG Bild Kunst Bonn 2016
Valerie Favre in der Barmer Kunsthalle

Sie stammt aus der Schweiz, genauer aus dem Kanton Neuchâtel, begann als Schauspielerin und Bühnenbildnerin in Genf, bevor sie sich ohne akademisches Studium seit Mitte der 80er Jahre zunehmend der Malerei zuwandte. Fast 20 Jahre lebte und arbeitete sie in Paris. Ende der 90er Jahre zog Valerie Favre nach Berlin. Dort arbeitet und unterrichtet sie als Professorin an der Universität der Künste. In zahlreichen Ausstellungen wurde ihr Werk seit 1987 präsentiert, u.a. in Münster (Westfälischer Kunstverein 2004), Nimes (Carre d´Art 2009), Luzern (Kunstmuseum 2009), Düsseldorf (K21 2010), Paris (Centre Pompidou 2009), um nur einige Orte zu nennen. In ihrem Werk finden sich unterschiedliche Aspekte und Themen der Philosophie, des Theaters bzw. Films und der Kunstgeschichte. Der Betrachter erkennt in den Gemälden der Künstlerin ihre Verfremdungen und Variationen wie auch die ursprünglichen kunsthistorischen Motive und Themen wieder. Eine gewisse Kenntnis der Geschichte der Malerei erleichtert vielleicht das Verständnis der Werke Valerie Favres, deren Bildunterschriften aber auch schon auf die Quellen hinweisen.  Für die Barmer Ausstellung entstanden meist mit Öl auf Leinwand zum Teil neue Bildzyklen und Serien in unterschiedlichen Formaten, vom kleinen Formate bis zum großen Triptychon. Der Betrachter wird sich zur Frage, ob und wann die Bilder fertig sind, oder ob sie noch verändert werden sollten, nicht äußern, während  die Malerin wohl gelegentlich ihre Bilder noch einmal ändert, selbst wenn sie schon ausgestellt und in einem Katalog abgedruckt worden waren. „Crystal Palace“ in der Neufassung, ist die Variation, ist eine „Redescreption“ des eigenen Vorgängerbildes. Eine Fälschung des eigenen Werkes durch den Künstler selbst? 
 
Auch in der Serie Favres nach Goyas Hexenflug („Ghost“) greift die Künstlerin unterschiedlichste Aspekte des originalen, ursprünglichen Gemäldes bzw. seiner oberen Partie auf: karnevalesk tanzen die spitzbehüteten Hexen und Retterinnen des Leichnams Jesu durch die Nacht, lachend im Ringelpietz, gelegentlich Schatten ihrer selbst und selbst der ja wohl tote Jesus schaut überrascht dem Betrachter ins Gesicht. Kein Wunder bei dem Spektakel. In diesen traumhaften Zyklen, „Resdescriptions“ nach Goya, wird die Herkunft der Künstlerin vom Theater ebenso deutlich wie in der Serie der großen Tryptichen „Theatres“ : Traumbilder, phantastisches Theater, Seelengemälde der Moderne mit Masken, Kostümen – Ensor lässt grüßen -  mit dem immer wieder dazwischen tretendem Skelett, dem Archetyp und Sinnbild des Todes, zeigen uns das Absurde unserer Existenz. Alles ist Spaß auf Erden meinte Falstaff zuletzt. Valerie Favre sieht das anders. 


Ghost (nach Goyas Hexenflug), 2014/2015 © VG Bild Kunst Bonn 2016
 
Und wie sieht sie die moderne Frau? Die beiden Henkerinnen von 2010 und 2011 stehen beide groß hinter Haublock vor dunklem Vorhang (Bühne?), beide ohne Beine und mit verwischten Gesichtskonturen wie bei Francis Bacon, beide in trüben Farben, beide in Röckchen. Die eine mit, geknöpftem kurzärmeligen Oberteil und lockiger Frisur stemmt die rechte Hand nahezu kokett in die Hüfte. Was tut sie mit der linken? Mit der hält sie ihre Axt. Die andere, farblich etwas freundlicher, trägt einen Hidschab oder al-Amira und hält ihre Axt mit beiden Händen in die andere Richtung. Gesichtslos, mit Axt und Haublock: das Bild der modernen Frau in Augenhöhe mit dem Betrachter. Der ist dankbar, daß er sie nur als Gemälde in der Ausstellung erlebt. Auch die drei Hexen (nach Füssli) überlassen wir persönlich gerne Macbeth und erschauern lieber mit grobporiger Gänsehaut beim Anblick nur der expressiven Bilder.
 
Die kleinformatigen short cuts sind Abkürzungen - Valerie Favre spricht selbst von Versatzstücken - aus verschiedenen Bildern, die aus dem Zusammenhang gerissen und teilweise neu zusammengestellt werden. Die drei kleinformatigen Uhu-Bilder mit pastosem Farbauftrag verfehlen ihre Wirkung nicht. Und Marat in der Badewanne erhoffte sich Linderung von seiner Hauterkrankung, wurde aber erschlagen. Hier baden zwei, bevor sie umgebracht werden.
Seit 1995 Serie malt Valerie Favre jedes Jahr ein Bild ihrer Serie „Balls and Tunnels“. Ob der Titel als Hinweis auf männliche und weibliche Genitalien bzw. sozusagen als malerischer Schöpfungsgedanke zu verstehen ist? Eindeutig ist diese Assoziation nicht. Eher wird der Urknall in freundlichen Farben assoziiert. Hier sieht die Künstlerin nicht schwarz. Diese großformatigen Bilder entstehen zunächst als bunte Tintenflächen im Wasserbad auf heller Leinwand, bevor die Künstlerin darauf ihrer Phantasie den Lauf läßt. Farbe, Fläche, Zufall, Improvisation: reine Malerei als eigenes, ästhetisches Thema ohne Symbolik und ohne Bezug, sinnfreie Kunst wie die Musik.   


Balls and Tunnels, 2016 © VG Bild Kunst Bonn 2016
 
Die Ausstellung mit Arbeiten Valérie Favres (bis 08.01.2017) ist ein Juwel in der Reihe aktueller Malerei der von der Heydt- Kunsthalle Barmen.  
Zur Ausstellung erschien ein opulenter Katalog mit einem Vorwort von Gerhard Finckh, dem Direktor des Von der Heydt-Museums und Beiträgen von Beate Eickhoff und Thomas Hirsch zum umfangreichen Werk der Künstlerin. (167 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Kettler Verlag 2016, ISBN 978-3-86206-591-2). Bei Unterstützung durch den Kunst- und Museumsverein Wuppertal sowie die Schweizer Kulturstiftung prohelvetia kostet er 15.-€.