Anton Tschechow, wie man ihn in Wien lange nicht gesehen hat

Rüdiger Hentzschel inszeniert in der Scala „Onkel Wanja“

von Renate Wagner

Dirk WArme als Onkel Wanja - Foto © Bettina Frenzel
Wien - Scala:
„Onkel Wanja“
von Anton Tschechow


Premiere: 18. Februar 2017
 
Tschechow zu spielen, das kann heutzutage gut und gern heißen, die Darsteller nebeneinander auf eine Bank zu setzen und sie den ganzen Abend lang bewegungslos ihren Text ins Publikum leiern oder schreien zu lassen. Das mag dann die hektische Begeisterung des hohen Feuilletons erregen, aber den Qualitäten des Dichters wird man solcherart nicht gerecht. Was in Tschechow steckt, liegt in seinen Figuren, und man muß es wagen, sich ihnen so genau und liebevoll zu nähern, wie Regisseur Rüdiger Hentzschel es in seiner „Onkel Wanja“-Inszenierung für das Theater Scala tut. Dann geht alles unter die Haut – die Geschichte an sich, die Tragödie der einzelnen Existenzen, die Schärfe der Erkenntisse, die Aktualität des Bewußtseins, Tschechow eben. Tschechow. Ihn will der Regisseur „richtig“ begreifen, statt sich selbst in Szene zu setzen.
 
„Onkel Wanja“ ist eines jener vier letzten, „großen“, immer wieder gespielten Dramen des Dichters: 1896, nach der „Möwe“ und vor „Drei Schwestern“ und „Der Kirschgarten“ entstanden, das ewige Quartett großen russischen Theaters. Als Störenfriede brechen die „Intellektuellen“ aus der Stadt, der alte Professor und seine schöne junge Frau Jelena, am Land ein, auf dem Gut, wo sein Schwager Wanja und Sonja, seine Tochter aus erster Ehe, unermüdlich arbeiten, um den Schmarotzern ihr Luxusleben zu finanzieren. Daß die Zerreißprobe hier nicht letal, sondern tragikomisch ausgeht, scheint wie ein Gnadenakt des Dichters. An geballter Traurigkeit bekommt man immer noch genug zu sehen und zu spüren.
Vor allem das Ende (an sich kaum zu erspielen) ist eine herzzerreißende Hymne auf die unendliche Geduld des russischen Menschen, sein durch und durch tragisches Schicksal ergeben zu ertragen, mit Hinblick auf eine andere Welt. Tschechow, persönlich mit Religion nicht belastet, wußte, daß sie ein Hilfsmittel ist, das Leben über öde Jahrzehnte aushalten zu können… wenn Sonja und Wanja allein zurückbleiben, und Astrow, der Arzt, den Sonja liebt, letztlich nur Augen für Jelena hatte.
 
Dieser Astrow ist an sich die funkelndste Gestalt des Stücks, ein früher Umweltschützer, dessen düsteren Untergangsbeobachtungen wir heute, wo unsere Welt fast am Ende ihrer Ressourcen angekommen ist, doppelt betroffen zuhören. Dabei hatte Astrow noch (die Inszenierung betont es allerdings nicht sehr, um nicht allzu viel Bitterkeit auszulösen) Hoffnung auf das Leben „in hundert, zweihundert Jahren“, das so viel besser sein würde. Rainer Doppler spielt den Astrow nicht schillernd-interessant, was auch möglich ist, sondern als anständigen, im Grunde gebrochenen, von einer nie weichenden Traurigkeit und dem Wissen um die Aussichtslosigkeit durchdrungenen Menschen.
„Interessant“ ist hingegen der Wanja des Dirk Warme, einer, der nicht erst am Ende aufbegehrt, sondern von Anfang an in seiner Unruhe stark präsent ist – die Erkenntnis, sein Leben falschen Zielen geopfert zu haben, treibt ihn geradezu, und bei aller Komik, die er mit faszinierender Detailarbeit der Rolle gibt, ist doch auch er eine tieftragische Gestalt.
Was die Tragik betrifft, schießt Sonja Kreibich in der Rolle der Sonja allerdings den Vogel ab: So viel ungekünstelte Schlichtheit wird man selten zu sehen bekommen, nie wird mit der Pose „Seht, was für ein armes Geschöpf ich bin“ kokettiert, immer ist da die absolute Selbstverständlichkeit einer Frau, die im Leben zu kurz gekommen ist, die einmal versucht, das Glück zu erlangen, scheitert und die sich in ihr Schicksal ergibt – so ruhig, daß der (schwierige) Schlußmonolog bis zu Tränen ans Herz greift (weil eben sie uns nichts vorweint…)
 
Die anderen haben es leichter, sie dürfen vordergründiger glitzern, und das tun sie auch – Selina Ströbele schön, aber nicht oberflächlich als die Frau, die mit einer falschen Entscheidung lebt und zu einem unbürgerlichen Ausbrechen nicht die Kraft hat; Rainer Friedrichsen als monströs eitler, selbstbezogener Professor mit großer Geste, sogar Rremi Brandner in der kleinen Nebenrolle des „Gnadenbrot-Empfängers“, dem Tschechow die sanfte Möglichkeit einräumt, um seine Würde und um seine (dezimierte) Stellung in der Welt zu kämpfen. Aus der den Professor bewundernden Schwiegermutter haben andere Darstellerinnen schon mehr Komik und auch Verbohrtheit herausgeholt als Susanne Altschul (mit einfach zu schlechter Perücke, wenn man das sagen darf), hingegen kann eine alte Dienerin einfach nicht lebenswahrer, klüger und stärker besetzt werden als mit Margot Ganser-Skofic.
Ein Bühnenbild, das sich der Regisseur aus einer Batterie alter Sessel und nur ein paar nötigen Möbelstücken gebaut hat, lenkt nur kurz ab und gibt dann die Möglichkeit, sich ganz auf die (von Alexander Fitzinger halb heutig, halb neutral gekleideten) Darsteller zu konzentrieren. Nichts als Tschechow begibt sich unpathetisch und untheatralisch an diesem Abend, sein Wissen um Menschen und ihre Schicksale entfaltet sich so nachdrücklich, wie man es (für Tschechow in Wien) lange nicht gesehen hat.
 
Renate Wagner
 
Eine Übernahme aus dem Online-Merker, Wien mit freundlicher Erlaubnis der Autorin