Viel zu viel Turbulenz und leeres Getue

„Klein Zaches - Operation Zimmober" von Péter Kárpáti am Volkstheater Wien

von Renate Wagner

Anja Herden, Gabor Biedermann © www.lupispuma.com Volkstheater
Wien / Volkstheater:
Klein Zaches – Operation Zinnober
nach der Erzählung von E. T. A. Hoffmann
Bühnenstück von Péter Kárpáti
Uraufführung

 
„Es war einmal am Hofe von Eisenack
Ein winziger Zwerg, der nannte sich Kleinzack.
Am Kopfe trug er den Kalpak,
Mit den Beinen, da ging’s Clic Clac.
Das war, das war Kleinzack…“
 
Natürlich, das kennt jeder, dabei ist Klein Zack in „Hoffmanns Erzählungen“ nur eine in der Arie erwähnte Randfigur. „Klein Zaches, genannt Zinnober“, ein Kunstmärchen, das E. T. A. Hoffmann im Jahre 1819 schrieb, dürfte hingegen weniger bekannt sein. Viele Elemente daraus (bei entsprechenden Kürzungen) hat sich der ungarische Autor Péter Kárpáti für sein Theaterstück, das in Variation „Klein Zaches – Operation Zinnober“ heißt, hergenommen, das nun am Volkstheater uraufgeführt wurde. Die Polit-, Zeitgeist- und Kleinstadt-Satire von anno dazumal (durchaus mit Bezügen zu uns) wurde allerdings in der Bühnenrealität nur eines: eine Inszenierung von Victor Bodo.
Und das ist nicht ganz so positiv gemeint, wie man selbst annehmen wollte, wenn man an die vorzügliche Aufführung von Tschechows „Iwanow“ zurückdenkt, die er im Vorjahr im Volkstheater gezeigt hat (im Grunde die einzige Produktion der ersten Badora-Saison, die Ansprüchen standhielt). Nun kann man sagen, daß E. T. A. Hoffmann genügend Absurdes in sich birgt, um auch eine gewissermaßen absurde Inszenierung zu rechtfertigen, aber wie man weiß, braucht gerade Absurdität eine besondere innere Logik. Und was man hier zu sehen bekommt, ist nur Chaos, so daß man sich immer wieder fragt, was man da eigentlich sieht – und warum, wenn man heutzutage überhaupt noch nach dem „Warum“ zu fragen wagt.
 
Grundsätzlich ist die Sache – in einem schrecklichen Gerümpel-Bühnenbild von (Lőrinc Boros / Kostüme Fruzsina Nagy) schon einmal Castorf von gestern, denn sie wird ununterbrochen mitgefilmt. Als ob das nicht schon passé wäre, daß ein Kameramann mit Assistent hinter sich ununterbrochen herumrennt und irgendwelchen Protagonisten (oder auch das Publikum) die Kamera ins Gesicht hält. Das erscheint dann ohne Unterbrechung auf dem über die Szene gespannten Riesenbildschirm, und das alte Phänomen tritt ein: Man sieht eigentlich nur fern. Logisch, es ist größer, konziser und besser zu erkennen als das, was die vergleichsweise kleinen Darsteller „live“ zu bieten haben. Wer gerade nicht im Bild ist, spielt leider nicht mit, aber die Frage bleibt offen, welche handfesten, logisch zu begründenden Überlegungen hinter diesen formalen Spielereien stehen.
Es beginnt ein bißchen wie tatsächlich bei E.T.A. Hoffmann, und man verzeiht auch der albernen Staatssekretärin, die mit einem lächerlichen Cul de Paris einherwackelt, daß sie ihre Worte so schrill und unnatürlich dehnt: Sie verkündet, daß im Fürstentum die „Aufklärung“ eingeführt wird, was gleichzeitig bedeutet, daß man alles ausweist, was nicht dieser Vorgabe entspricht: Hexen, Zauberer… es ist eine eindrucksvolle Liste, die die (böse) Fee Rosabelverde da vorträgt. Alles muß weg.
Und damit auch das am Volkstheater stets so gesuchte Agitprop zumindest einen Auftritt hat, sieht man Zäune, verzweifelte Mütter, böse Soldaten, die sie wegstoßen. Die Situation der Vertriebenen. Wie man weiß, wird der häßliche Wechselbalg Zaches von der Fee gerettet, mit der Auflage, daß er in 20 Jahren dem Fürstentum viele Scherereien machen soll…
Und von da an wird es hoffnungslos chaotisch. Irgendwo zwischen einst und jetzt klärt sich auf der Bühne rein gar nichts. Eine Kunstfrau à la Olympia gibt es, Tochter eines Wissenschaftlers, einen Studenten und einen Dichter, und ein Nachtportier stellt sich als Magier heraus, Großfürst und Gefolge sind ratlos, das Publikum ist es auch, und Zaches wieselt rothaarig und bösartig durch die Szene.
 
Das ist nämlich auch die dramaturgische Crux: Wenn alle Beteiligten so schrecklich negativ vorgeführt werden, müßte er ja der „Gute“ sein. Und ist es so gar nicht. Auch mit der allmächtigen Hexe klappt es irgendwie nicht. Und am Ende? Außer entsetzlichen Spesen auf der Drehbühne nichts gewesen, was einem legitimen Theatereindruck gleich käme. Daß jeder Regisseur neuerdings beweisen will, was er alles „kann“, wie er sein Handwerk beherrscht – was soll’s? Das ist doch die Grundvoraussetzung.
Der Abend wird noch wüster durch seinen Anteil an Musik, es sind nur vier Musiker im Orchestergraben, aber sie machen enorm Lärm (und begleiten Günter Franzmeier auch, als er mit erstaunlich haltbarem Bariton gegen Ende die Tenorarie des „Klein Zaches“ singt, mit einem schier unglaublich lange gehaltenen Spitzenton). Und die Kameraleute leisten mehr als alle andere, immer hektisch unterwegs. Mit ebenso hektischem Ergebnis.
Gábor Biedermann ist dürr, rothaarig und gefährlich boshaft. Anja Herden siedelt die Fee im brodelnden Hexenorkus an. Denkt man, welch ein Schauspieler Jan Thümer ist, dann scheint es von der Direktion her schandbar, ihn hier in einer gänzlich leeren Rolle als Großfürst herumstehen zu lassen. Rund um ihn Claudia Sabitzer schrill und Thomas Frank unauffällig. Stefan Suske hat eine Tochter, die von Evi Kehrstephan erst puppenhaft, dann höchst lebendig verkörpert wird. Zwei junge Männer: Christoph Rothenbuchner und Luka Vlatkovic. Und Günter Franzmeier, zusammen mit Clauda Sabitzer der „Rest“ vom einstigen Ensemble, muß grimmig hin und her blicken, denn er ist ja auch ein Zauberer, der sich bloß als Nachtportier tarnt… so benimmt man sich im Untergrund. Franzmeier kann übrigens nicht nur singen, sondern auch Gitarre spielen. Wie schön.
Trotzdem ein bißchen wenig für einen Theaterabend, der viel zu viel Turbulenz und leeres Getue und nichts wirklich bietet.
 
Renate Wagner
 
Premiere: 12. Februar 2019,
besucht wurde die Nachmittagsvorstellung am 19. Februar
 

Eine Übernahme aus dem Online-Merker, Wien mit freundlicher Erlaubnis der Autorin