Sinnsuche und Spaß

„Faust – Der Tragödie erster Teil“ von Johann Wolfgang von Goethe in der Fassung der Burghofbühne Dinslaken

von Daniel Diekhans

Friederike Bellstedt als Faust  - Foto: Burghofbühne © Martin Büttner

Sinnsuche und Spaß:
Burghofbühne bringt „Faust“ dem Publikum nahe
 
„Faust – Der Tragödie erster Teil“ von Johann Wolfgang von Goethe
in der Fassung der Burghofbühne Dinslaken
 
Inszenierung und Bühne: Matthias Fontheim - Kostüme: Valerie Hirschmann - Dramaturgie: Nadja Blank
Besetzung: Friederike Bellstedt, Matze Vogel, Charlotte Will, Christiane Wilke, Patric Weizbacher, Christoph Türkay, Julia Sylvester, Markus Penne
 
Goethes Faust ist eine universelle, zeitlose, omnipräsente Figur. Das mag erklären, warum die Darstellung des ewigen Sinnsuchers längst keine rein männliche Domäne mehr ist. Ein weiblicher Faust hat Potential, findet Regisseur Matthias Fontheim. In seiner „Faust“-Inszenierung übernimmt Schauspielerin Friederike Bellstedt die Hauptrolle.
Gleichzeitig holt seine Inszenierung den Klassiker vom erhabenen Marmorsockel herunter. Beim Gastspiel der Burghofbühne Dinslaken im Teo Otto Theater Remscheid hatten die gut 700 Zuschauer– darunter viele Schüler – jedenfalls erfreulich viel zu lachen.
 
Zu Beginn des Theaterabends hätte man die Differenz zwischen Rolle und Person fast übersehen. Mit herben Gesichtszügen und athletischem Körper ging Anzugträgerin Friederike Bellstedt glatt als Mann durch. Doch Fontheim gab ihr die Freiheit, diese Rolle zwischendurch zu verlassen. Fast wie nebenbei nahm dieses Aus-der-Rolle-Fallen Fausts Worten den weihevollen Ernst. Etwa wenn sie ihren Schüler Wagner (Christoph Türkay herrlich tolpatschig) küßt, um dann mit übertriebenem Seufzer zu bekennen: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“
Auch mit dem Auftaktmonolog konnte Bellstedt überraschen. „Habe nun, ach! Philosophie,/ Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie/ Durchaus studiert“ – diese vielzitierten Verse trug sie zuerst nachdenklich-verhalten vor. Kurz ging sie ab und machte als nächstes aus dem Text ein Manifest des Zorns. Als wolle sie sagen „Es geht auch noch anders“, sprach sie ihn beim dritten Auftritt voller Verzweiflung.
Auf die kleine weiße Guckkastenbühne, die Fausts Studierzimmer und danach sämtliche Innenräume des Stücks markiert, platzte Mephisto-Darsteller Matze Vogel wie die sprichwörtliche Bombe. Mit schrill buntem Hemd und roten Schuhen ist er das perfekte Gegenbild zu Bellstedt in seriösem schwarzem Anzug.
 
Wenn Vogel mit dem Handy hantiert oder sich mit Gitarre in Rockstar-Posen wirft, ist er nicht nur „up to date“, sondern verkörpert auch das, wonach sich der alternde Faust sehnte: Jugendkraft. Ungestüm ließ er die bewegliche Bühne im Kreis rotieren, sodaß man seine Mitspieler auf eben dieser Bühne für ihre Schwindelfreiheit bewundern mußte. Mit dem Text trieb es Vogel noch wilder. Das verbale Sperrfeuer der Verse konnte man anfangs für Lampenfieber halten - doch die Schnellsprecherei hat Methode. In der Schüler-Szene, die durch die Besetzung mit Julia Sylvester zur Schülerin-Szene wurde, legt dieser runderneuerte Mephisto gar einen Goethe-Rap hin. Kaum hatte er das Kunststück mit einem kräftigen „Yeah!“ abgeschlossen, gab es Szenenapplaus – und das nicht nur vom jungen Publikum.


Charlotte Will als Gretchen  - Foto: Burghofbühne © Martin Büttner
 
Und die Liebe? Keine Sorge! Als Bellstedt auf Gretchen-Darstellerin Charlotte Will traf, ging sie ganz im „männlichen“ Part der Beziehung auf. Darüber hinaus war Gretchen die einzige Figur, die Regisseur Fontheim vollkommen ernst nahm. Daß Will mitunter – auf Kosten der Textverständlichkeit – auf eine mädchenhaft hohe Stimme setzte, fiel da nicht ins Gewicht. Als die Handlung auf die Katastrophe zusteuerte, machte ihr intensives, körperbetontes Spiel Gretchens Leiden sichtbar, begreifbar.
Kaum weniger „cool“ als Mephisto war die Marthe, von Christiane Wilke verkörpert. Die Zigarette lässig im Mundwinkel, holte sie sich, was sie wollte – auch die Liebe eines Teufels. Ob Engel, Geister oder Hexen – neben Sylvester und Türkay überzeugten auch Patric Welzbacher und Markus Penne in gleich mehreren Rollen.
Über die Guckkastenbühne hinaus machte das Ensemble den gesamten Theatersaal zu seiner Spielwiese. Noch bevor der „Faust“ begann, gingen die Schauspieler durch die Zuschauerreihen, schüttelten Hände und wünschten „Viel Spaß!“. Besser hätte man es nicht sagen können. Begeisterte Bravo-Rufe feierten denn auch nach knapp drei Stunden Faust-Darstellerin Bellstedt und ihre Kollegen.
 
Weitere Informationen: www.burghofbuehne-dinslaken.de