Erkläre einmal einer das...

Wien Burgtheater: Die Orestie von Aischylos

von Renate Wagner

A. Wenzl, S.Viktoria Frick, B. Petritsch, Irina Sulaver, Caroline Peters, Maria Happel, Aenne Schwarz - Foto © Reinhard Werner

Wien Burgtheater:
Die Orestie von Aischylos

Premiere: 18. März 2017
 
Man kennt sie aus Papua Neuguinea, mit weißer Farbe beschmierte „Schlamm-Menschen“, die sich unheimlich anschleichen – und genau diesen Eindruck gewinnt man, wenn auf der Bühne des Burgtheaters angeblich die „Orestie“ gespielt wird, zuerst aber Schreckensgestalten wie aus einem Alptraum oder Horrorfilm erscheinen…
 
Da sind sie – in schmutzige Fetzen-Bodies gekleidet, Haut und Haare mit was immer verschmiert, Schlamm, Schmutz, Blut kommt reichlich dazu. Sieben Frauen spielen die „Orestie“ des Aischylos, eine Begründung für diese Entscheidung gibt es nicht, außer daß 458 v. Chr. als das Stück aufgeführt wurde, nur Männer auf der Bühne standen. Ob das als Argument für eine rein weibliche Besetzung ausreicht, wo doch zumindest mit Agamemnon, Orest und Aigisthos unzweifelhaft Männer gemeint sind… Aber ist das nicht das Schöne heutzutage, zumindest für die Theatermacher (nicht unbedingt für das Publikum): Man muß rein gar nicht mehr begründen, warum man etwas tut.
Natürlich ist die griechische Antike auf unseren Bühnen ein Problem, das exakte Entscheidungen verlangt. Wir wissen zwar ungefähr, wie es damals im Theater zuging, aber grundlegend ist ja wohl, wie man die Macht und Gewalt dieser Stücke (zumal ein so elementares wie die „Orestie“) heute vermittelt. Daß der Chor, ohne den es in diesen Dramen nicht geht, elegant herumsteht und deklamiert – daß das nicht mehr möglich ist, sieht man ein. Aber müssen die Herrschaften (Damenschaften), wie es die nunmehrige Aufführung des Burgtheaters bietet, wie Lemuren aus dem Dreck kriechen, wie Monster aus der Unterwelt oder auch des Unterbewußten, und sich dann in Verrenkungen ergehen, die knapp am Lächerlichen vorbeischrammen? Abgesehen davon, daß Formalismus dieser Art so schnell langweilig wird.
 
Sieben Darstellerinnen stellen erst einmal einen Chor für Regisseur Antú Romero Nunes, der sich übrigens auf die Übersetzung von Peter Stein stützt, die sehr gut verständlich und nicht abgehoben ist (was man nicht von jeder Übertragung behaupten kann). Dennoch würde man die Behauptung, daß auf der Bühne des Burgtheaters in pausenlosen zwei Stunden und fünf Minuten die „Orestie“ gespielt wird, nicht wirklich unterschreiben. Eineinviertel Stunden für den ersten Teil „Agamemnon“, eine dreiviertel Stunde für den zweiten, die „Choephoren“, ganze fünf Minuten für den dritten Teil, die „Eumiden“ – nicht mehr als ein überhaps hingeknalltes, menschenfreundliches, wenn auch von einer recht herrischen Athene eingefordertes Happyend. Gerade dieser „politische“ Teil über die Demokratie und deren Entscheidung über Recht und Unrecht wird total verwischt – dafür stülpen sich die Fetzenladies kurz pastellfarbene Kostüme über, und das war es auch schon… alles gut nach so viel Blut.
Nun müssen die Erynnien, die im dritten Teil eine so entscheidende und ausführliche Rolle spielen, bevor sie sich in Harmonie zu Eumeniden wandeln, hier vielleicht nicht vorkommen, weil der Regisseur den Chor von Anfang an als Erynnien begreift – aber wenn man das nicht per Zeitungsinterview mitgeteilt bekäme (liest das auch jeder?), wie soll man es wissen? Der Chor in der griechischen Tragödie wechselt Gestalt und Funktion, die Aufführung trägt dem gelegentlich in den „Kostümen“ von Victoria Behr Rechnung, wenn etwa die Choephoren, die im zweiten Teil Elektra zum Grab des Vaters begleiten, plötzlich mit voluminösen Langhaar-Perücken erscheinen.
 
Diese Welt der Tragödie hat keinen wirklichen Raum (Bühne: Matthias Koch), nur eine Schräge, über die irgendwann ein breiter Blutstrom fließt, und tatsächlich besteht im Grunde kaum szenische Abwechslung, es sei denn, daß es einmal regnet, daß einmal Rauch quillt, einmal ein Feuerstrahl hoch fährt – das Übliche eben.
Denn interessanterweise läßt Antú Romero Nunes nach einer chorischen Einleitung, wo die sieben Damen beweisen können, wie fleißig sie im einstimmigen Skandieren von Texten waren, dann einfach das Stück spielen – wenn auch natürlich rudimentär, im Grunde mörderisch zusammen geholzt. Aber für das Publikum dennoch einfach zu erkennen, weil Aischylos eben der „Vater“ aller anderen Atriden-Bearbeitungen ist, die es nach ihm je gegeben hat – ihm dankt man, daß man die Geschichte auswendig kennt.
Und dann treten die Damen einzeln hervor (während ihnen im Lauf des Abends die Dreck-Schminke von den Gesichtern bröckelt): Zuerst Caroline Peters als schaurig intensive Klytaimestra mit Haßorgien auf den Gatten. Dann Maria Happel auf Kothurnen stapfend als Agamemnon, begreiflicherweise nicht so hundertprozentig überzeugend, wenn auch in gewaltiger Pose sterbend. Anschließend die als Kriegsbeute mitgeschleppte, ihre üblichen Prophezeiungen verkündende Kassandra mit der kippenden Stimme der Andrea Wenzl. Barbara Petritsch darf, auch das überzeugt nicht wirklich, Aigisthos sein (wenn sie später – als einzige Schauspielerin, die zwei Rollen übernimmt – die herumheulende Rolle der Amme des Orest spielt, ist sie richtig). So weit der erste Teil, das Unrecht hat mit der Ermordung von Agamemnon und Kassandra seinen Bühnenanfang genommen (eigentlich begann es ja schon lang davor mit der Opferung Iphigenies… nein, noch früher mit Atreus und Thyestes!) – und muß seine blutige Fortsetzung finden.
 
Der zweite Teil bringt dann die Rache. Sarah Viktoria Frick, immer unverkennbar sie selbst, ist Elektra, aber doch nicht so intensiv, wie man diese Figur seit der Oper empfindet. Und dann kommt Orestes: Aenne Schwarz gibt sich Mühe, aber man versteht ja doch nicht, was die weibliche Besetzung bringen soll. Der Mord zuerst an Aigisthos, dann mit etwas Zögern an Klytaimestra, geht schon flotter über die Bühne. Und daß der dritte Teil – mit einem Auftritt von Irina Sulaver im „Kino“-Gewand einer griechischen Göttin – eigentlich verschenkt wird und niemand, der das Stück nicht kennt, weiß, was Athene da will und fordert und was eigentlich geschieht, das wurde schon erwähnt…
Hätte man die ganze aufdringlich-modernistische Ästhetik, die dem Ganzen ja nicht wirklich Archaisches und „Urgewalt“ verleiht, weggelassen und die einzelnen Figuren so gespielt, wie hier vorgegeben (vielleicht, entschuldigen schon, mit Männern in den Männerrollen), man hätte die Geschichte – sicher auch in heutigen Straßenanzügen – vielleicht klarer erlebt als in dieser prätentiösen Fassung, die ja doch nur eines stolz herausschreit: „Seht her, wir machen zeitgenössisches Theater!“ Ja, „auf normal“ wäre natürlich nicht so viel darüber geredet und vor allem gerätselt worden… das muß man schon einsehen.
 
Interessanterweise verbeugte sich neben den sieben Damen am Ende noch ein Stab von zehn Personen, vordringlich Männer, einer trug ein kleines Kind am Arm. Erkläre einmal einer das. Aber, nicht vergessen, es muß nichts mehr begründet werden am Theater. Wenn wir’s nicht kapieren, warum es so ist, wie es ist, sind wir eben einfach dumm.
 
Renate Wagner

Eine Übernahme aus dem Online-Merker, Wien mit freundlicher Erlaubnis der Autorin