Makinī Whoppee!

Thomas Quasthoff und seine Freunde in Wuppertal

von Johannes Vesper

Thomas Quasthoff und Trio - Foto © Mark Wohlrab

Makin´ Whoppee!

Klavier-Festival Ruhr:
Thomas Quasthoff und seine Freunde in Wuppertal
 
Er ist ein Weltstar gewesen, hat in der Carnegie Hall Schubert-Lieder gesungen und mit den Berliner Philharmonikern und den Wiener Philharmonikern musiziert. Daniel Barenboim hat ihn begleitet und das tat auch Helene Grimaud. Der Bariton Thomas Quasthoff gewann wichtige Preise, darunter dreimal den Grammy-Award, die höchste internationale Auszeichnung für Künstler. Dann starb sein Bruder 2012, was ihn in eine persönliche Krise trieb. Er verlor seine Stimme, machte Therapie, spielte Theater und endlich sprachen ihn einige Freunde an: Wollen wir nicht mal wieder etwas Musik machen? Seitdem frönt der Professor der Hanns-Eisler Musikhochschule in Berlin seiner alten Leidenschaft und singt nur noch Jazz, begleitet von Frank Chastenier (Klavier), Dieter Ilg (Kontrabaß) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug), der Creme der deutschen Jazz-Szene.
 
Jüngst kamen diese vier in den Großen Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal. Die  Instrumentalisten begannen ohne den Star des Abends, spielten sich auf die Akustik ein. Der Zuhörer hörte Bässe und Klavier etwas überverstärkt und mulmig, erhoffte sich, daß man die Verstärkeranlage vielleicht doch besser ausschalten solle. Quasthoff sprach die hervorragende Akustik der Stadthalle an, meinte aber, seine Stimme in allen ihren Schattierungen käme mit Verstärkung noch besser herüber, wir würden es schon merken. Tatsächlich wurden mit Billy Prestons „You are so beautiful“ alle Bedenken zerstreut. Mit seinem orphisch geatmeten, sonoren, erotischen Pianissimo  fesselte Quasthoff alle. Zwischen den Arrangements, die meisten von Frank Chastenier, moderierte der Sänger seinen Abend, wünschte sich in unserem Land keine türkische Intoleranz und keine Hamburger G20 Chaoten. Auch Musiker sind politische Menschen, und Quasthoff begibt sich mit seinen Äußerungen in beste Gesellschaft. Barenboim hatte sich schon im Januar in der Carnegie-Hall mit seiner Meinung zum blonden präsidialen US-Desaster nicht zurückgehalten. Jetzt kommentierte er bei den Proms in London politische Verirrungen in England, den Brexit, ohne ihn beim Namen zu nennen.
Das Programm des Quasthoff-Ensembles im Einzelnen zu vorzustellen erübrigt sich: alles war glänzend, souverän, kultiviert, humorvoll und klanggewaltig bzw. zart. Mit Anekdoten aus seinem Leben und seiner Lebenserfahrung, mit seinem Humor unterhielt der Sänger, wenn er nicht sang, erzählte von seinem Rauhaardackel, der ihn immer freundlich schwanzwedelnd begrüßt habe. Und mit seiner Soloimprovisation, sprach er anscheinend zu ihm, berichtete ihm minutenlang vivacissimo musikalisch galoppierenden Unsinn. Das hätte Ernst Jandl gefallen. Die Geschichte verstanden wir nicht, genossen sie aber mit wippender Fußspitze und lachenden Augen. Befremdet und verständnislos reagierte das Publikum auf seine Bemerkungen zur fehlenden SPD-Präsenz im Saal. Macht nichts, das Konzert war grandios. Wenn der „Pianoman“ mit seinen „Samtpfoten“ im Flügelkasten die Saiten streichelt, wird John Lennons „Imagine“ neu entdeckt und wiederbelebt. Was „Makin´ Whopee“ wirklich bedeutet? Quasthoff erzählte etwas von einem kleinen schnellen, erotischen Abenteuer, wie man es nicht so oft erlebt. Im Lexikon findet man als Übersetzung „Furzkissen“.  Musik ist sinnfrei. Wie auch immer.
Die Instrumentalisten ergriffen das Publikum mit vollem Swing und fulminantem Rhythmus. Der Flügel perlte über die gesamte Klaviatur, der Kontrabaß sang in der Tiefe, die Schlegel des immer lächelnden Schlagzeugers wirbelten durch die Batterie, anschließend über die Bühne und mitten darin der Baßbariton mit allen Feinheiten und Finessen seiner großen Stimme, mit Sprüngen über zwei Oktaven und subtilster Dynamik. „Summertime“, „Fly me to the moon“: Herrliche Musik aus Amerika und aus einer Zeit, als die USA noch in Ordnung waren. Beste Unterhaltung auf höchstem Niveau! Nach starkem Applaus kam gegen 22:40 Uhr die letzte Zugabe: „We`ll be together again“. Das Publikum verstand das als Versprechen und hofft auf ein Wiedersehen!