Beckfelds Briefe

An Edward Snowden

von Hermann Beckfeld

Hermann Beckfeld - Foto © Dieter Menne
Im August 2013 streitet die ganze Welt: Ist Edward Snowden, der die größte Überwachungsaffäre aller Zeiten ausgelöst hat, ein Verbrecner? Oder ist er ein mutiger, selbstloser Mann, der seine Freiheit aufgab, um für unsere Freiheit zu kämpfen?
 
Sehr geehrter Herr Snowden,
 
es ist noch nicht lange her, da waren Sie nur ein unbedeutendes Rädchen im Geheimdienstgetriebe. Heute sind Sie für die einen ein Verräter und Verbrecher, der lebenslang hinter Gitter gehört. Für die anderen ein Held, ein Weltverbesserer, ein Kämpfer für unsere Freiheit. Auf jeden Fall sind Sie der Grund, warum die Beziehung zwischen den mächtigsten Männern der Welt, Obama und Putin, noch nie so eisig war wie jetzt. Im Juni haben Sie sich als Informant geoutet. Sie gaben zu, die Zeitung „Guardian“ mit streng geheimen Unterlagen versorgt zu haben. Damit lösten Sie die größte Überwachungs- und Spionage-Affäre aller Zeiten aus. In einem Video, aufgenommen in einem Hongkonger Hotelzimmer, sehen Sie aus wie einer, der zu lange vor dem Computer gehockt hat, der zu selten an die frische Luft kommt. Blaß, übernächtigt, unrasiert. Was mir auffällt: Aus Ihrem Blick spricht keine Angst, keine Panik. Er ist eher nachdenklich, ruhig, auch enttäuscht. Sie sagen: „Ich habe Hoffnung, daß - was auch immer mit mir passiert - der Ausgang positiv für die USA sein wird.“ Es ist Ihr Heimatland USA, das Sie jetzt jagt, um Sie für den Geheimnisverrat zu bestrafen. Für das Sie gegen den Irak freiwillig in den Krieg ziehen wollten. Dann aber brachen Sie sich im Trainingscamp beide Beine, und es war vorbei mit dem Militäreinsatz. Sie sind ein Mensch auf der Flucht und werden es wohl immer bleiben. Wochenlang haben Sie sich auf dem Moskauer Flughafen verkrochen, jetzt verstecken Sie sich irgendwo in Rußland. Wenn ich Sie aufspüren und interviewen könnte, ich hätte so viele Fragen: Fühlen Sie sich ungerecht behandelt? Würden Sie noch einmal die Vereinigten Staaten an den Pranger stellen, weil diese die ganze Welt aushorchen? Wie groß ist das Heimweh, die Sehnsucht nach Ihrer Familie, Ihrer Freundin? Nach einem ganz normalen Leben, wie Sie es einst geführt haben? Mit einem Haus auf Hawaii, einem Arbeitsplatz und einem Jahresgehalt von 120.000 Dollar. Dies alles haben Sie aufgegeben, weil Sie sich mit dem Staat und einem Präsidenten angelegt haben, der 2008 in seinem Wahlprogramm versprochen hatte, sogenannte Whistleblower, also Informanten wie Sie, die interne Informationen nach außen geben, stärker zu schützen.
 
Sehr geehrter Herr Snowden,
ich halte Ihnen zugute: Sie haben aus Gewissensgründen das System enttarnt, nicht dessen Ergebnisse und betroffene Personen. Ihre weitergegebenen Dokumente fügen niemandem direkten Schaden zu. Sie haben eine Straftat begangen, weil Sie „nicht in einer Welt leben möchten, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird“. 55 Prozent der US-Bürger stärken Ihnen den Rücken, 34 Prozent halten Sie für einen Verräter. Ich finde es gut, daß auch unser Bundespräsident klare Kante zeigt und Ihnen Respekt zollt. Sie kämpfen für die Freiheit jedes Einzelnen und haben dafür Ihre Freiheit aufgegeben.
 
(17.08.2013)
 
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags Henselowsky Boschmann.
„Beckfelds Briefe“ erscheinen jeden Samstag im Wochenendmagazin der Ruhr Nachrichten.

Redaktion: Frank Becker