Vom guten Ton auf Reisen

Eine Reiseglosse

von Frank Becker

Vom Guten Ton auf Reisen

Wenn einer eine Reise tut... – dann kann er nicht nur hinterher etwas erzählen, er sollte sich zur Vorbereitung seiner Reise – auch heute im Jet-Zeitalter – über Land und Leute, Sitten und Gebräuche des Landes informieren, das er zu besuchen gedenkt. Denn ein Gast ist er, dem Rücksicht auf die Menschen und ihre Lebensgewohnheiten auferlegt ist, deren Heimat er betreten darf. Leider fallen viele Sandalentouristen in fremde Länder ein wie wildgewordene Teutonenhorden oder tumbe Botschafter von Kaugummi und Coca-Cola. Katja Alves und Dawn Parisi tragen dem Problem ganz aktuell mit Witz und Reiseerfahrung in ihrem nützlichen Bändchen „Darf man das? - Ein Benimmbuch für unterwegs“ Rechnung.

Als ich vor 22 Jahren das erste Mal in China war, habe ich in meinem Reisetagebuch notiert: „...Leider fehlte an diesem heiligen Ort (gemeint war der Lama-Tempel in Peking) nicht „die“ amerikanische Touristin, die sich nicht entblödete, in Shorts und mit nackten Beinen herumzulaufen. Die höflichen Chinesen, auch die Mönche, zeigten ihr nicht ihr Mißfallen, doch hinter ihrem Rücken wurde getuschelt, mit dem Kopf geschüttelt und mit den Fingern gezeigt...“. In China bei Tisch schmatzen und schlürfen – kein Verstoß gegen die guten Sitten, wie jüngst wieder in Taiwan erlebt. Aber wehe, sie schneuzen sich als unbedarfter Europäer beim Essen die Langnase! Das würde als höchst unanständig aufgefaßt. Um solche Situationen vermeiden zu können, haben seit eh und je welterfahrene und weitgereiste Leute hilfreiche Bücher geschrieben.

Da ist zum Beispiel Hans-Otto Meissner, Diplomat und Verfasser vieler spannender

Reisebeschreibungen über alle Winkel der Erde. Vor 52 Jahren erschien sein in einigen Punkten bis heute nützliches Buch: „Reise richtig - auch im Ausland“. In dem unterhaltsam erzählten Band erläutert er die Sitten von Siam, die Gebräuche in Griechenland und das Benehmen bei den Berbern und macht darauf aufmerksam, wie wichtig und vor allem, was für ein Kompliment es für das Gastgeberland es ist, wenn man sich in die Lage versetzt, einige Floskeln in der Landessprache zu beherrschen. Auch die Kleidervorschriften und Tischsitten in fremden Ländern (s.o.) unterscheiden sich oft von denen hierzulande. Gut, wenn man das weiß und sich danach zu richten versteht. Der legendäre erste deutsche Fernsehkoch Clemens Wilmenrod hat in seine Bücher Anekdoten dazu eingeflochten: „Reisen, speisen, entgleisen“ titelt ein Kapitel seines ersten Kochbuches „Es liegt mir auf der Zunge“, das 1954 erschien. Hans Herbert Blatzheim, Gentleman-Reisender und Gastronom hat das 1961 in seinem kulinarischen Reiseführer „Cocktails, Kaffern, Caviar“ anhand einer Reise u.a. über Kapstadt, Melbourne, Fidschi, Hawaii, Tokio, Bangkok, Teheran und Istanbul sehr anschaulich und mit einem gehörigen Schuß Ironie
dargestellt. Immer noch eine vergnügliche Lektüre. Wenn man z.B. vom Komfort und dem kulinarischen Angebot der damaligen Flugreisen liest, kann man in der Zeit der Billig-Fluglinien nur neidisch seufzen... Die beiden Bücher wirken zwar aus heutiger Sicht beinahe skurril, sehr amüsant und scheinen mächtig verstaubt. Doch zu ihrer Zeit waren sie wichtige Hilfen für diejenigen, die mit Anstand die Welt bereisen wollten.

Den Vogel aber schießt der Heidelberger Völkerkundler Afrika-Reisende Hans Himmelheber mit seinem Buch „Der gute Ton bei den Negern“ ab, das 1957 als Ergebnis von sechs Expeditionen durch Afrika erschien. Ein Auszug aus dem Klappentext des Verlages: „Aus seinen reichen  Erfahrungen schildert er (...) die Gesittung der Afrika-Neger, indem er (...) typische Situationen erleben lässt... Wir nehmen an der Tafelrunde einer Neger-Familie teil (...) wir sind dabei, wie man die Leistungen eines geschickten Sklaven würdigt. Der Leser wird (...) in seinem Wissen über die wahre Wesensart der Afrika-Neger bereichert.“ Und im Kapitel über Begrüßungen zitiert Himmelheber seinen Kollegen Thomson: „Sich bespucken drückt größte Zuneigung aus...Du würdest besser tun, eine junge Dame anzuspucken, als sie zu küssen...“. Na, das lassen wir aber lieber bleiben. Seit das veröffentlicht wurde, sind notabene, erst 50 Jahre vergangen. Tempus fugit, mores mutantur. Also: Reise richtig – besonders im Ausland!


Zu den erwähnten Büchern:

- Katja Alves/Dawn Parisi – „Darf man das?“, Sanssouci im Carl Hanser Verlag, München  2006
- Hans-Otto Meissner – „Reise richtig – auch im Ausland“, Brühlscher Verlag, Gießen 1955
- Hans-Herbert Blatzheim – „Cocktails, Kaffern, Caviar“, Verlag Gourmet, Köln 1961
- Hans Himmelheber – „Der gute Ton bei den Negern“, Verlag Richter   u.Co., Heidelberg 1957
- Clemens Wilmenrod – „Es liegt mir auf der Zunge“, Hoffmann und          Campe, Hamburg 1954