Erzähl mir mehr davon

von Hermann Schulz

Vilma Ubau - Foto © Hermann Schulz

Erzähl mir mehr davon
 
Von Hermann Schulz
 
Es war auf dem Cocibolca, dem Großen See von Nicaragua, am ersten Tag der Ferien der Universität. Auf dem Fährboot von Granada nach San Carlos waren viele Studentinnen und Studenten unterwegs, um ihre Familien am Rio San Juan zu besuchen oder dort in den Ferien den Regenwald, die Flüsse, Fischfang und Entenjagd zu genießen.
 
Ich war vermutlich der einzige Ausländer auf dieser Fahrt und sicher der einzige, der umständlich die vielen Sehenswürdigkeiten fotografierte: die Vulkane von Ometepe, vorbeiziehende Vogelschwärme, die romantischen Inseln oder einfach die Wellen.
 
Das Schiff war überfüllt. Auf einem großen Hügel von Säcken, Ballen und Koffern hatte sich eine Gruppe junger Leute niedergelassen. Sie saßen wie auf einem Aussichtsturm und schützten sich mit Strohhüten und Taschentüchern vor der Sonne.
Als keine Sehenswürdigkeiten auf dem See mehr auszumachen waren, wandte ich mich dem Treiben auf dem Schiff zu. Inmitten jener Gruppe junger Leute fiel mir ein Mädchen auf, wegen seiner dunklen Hautfarbe und seiner besonders schönen Gesichtszüge.
 
Ich richtete die Kamera auf die junge Frau, zoomte sie nahe, und machte ein paar Fotos in schneller Folge, bemüht, nicht allzu sehr aufzufallen und das Objekt meines Interesses nicht zu belästigen.
Sie aber unterbrach sofort die Unterhaltung mit ihren Freunden, stieg vom Gepäckhügel herab, stellte sich vor mich, sah mich streng an und fragte herausfordernd:
„Warum hast du mich fotografiert?“
Ich war verlegen und leicht verwirrt:
„Weil du so schön bist“, stammelte ich.
Sie blickte mich schweigend, ein wenig nachdenklich an, ohne eine Miene zu verziehen. Dann, mit einem fast unmerklichen Lächeln in den Augen:
„Aha, so ist das... Erzähl mir mehr davon!“
 
Wir setzten uns auf einen Kaffeesack und ich erzählte, wie sie es von mir verlangte. Vielleicht acht oder zehn Minuten lang. Es ging mir leicht von den Lippen.
Sie unterbrach mich kein einziges Mal.
Dann legte das Schiff an. Das Mädchen holte sein Gepäck von irgendwo her und ich verlor es im Gedränge der Aussteigenden aus den Augen.
Ich hatte sie nicht einmal nach seinem Namen gefragt!
Im einzigen Hotel von San Carlos mietete ich ein Zimmer; am nächsten Tag würde mich William mit einem Motorboot auf die Insel Solentiname bringen.
Ein Abendessen gab es nicht mehr, der Chef des Hotels gab mir eine Handvoll Erdnüsse und zwei Bananen und vertröstete mich auf das Frühstück. Das sei sehr reichhaltig!
Ich schlief gut und tief in dieser Nacht.
 
Am nächsten Morgen um halb acht ging ich in den Speiseraum; um es genauer zu sagen: Vor dem Hotel auf der Straße standen zwei rohe Holztische, hier würde man mir das Frühstück servieren.
Der Hotelier kam aus der Tür, in der Hand ein flaches Päckchen, das er mir überreichte. Ich war überrascht, und hatte keine Ahnung, wer mir am frühen Morgen ein Päckchen zugedacht hatte.
Auf dem Papier stand mit Kugelschreiber: „Para el chele alemán“, für den Deutschen.*
Ich riß die Verpackung auf. Ein naives Ölgemälde auf Leinen, eine Landschaft im Regenwald mit einer Hütte und einer Figur, signiert von Vilma Ubau.
Dann fiel mir der Zettel in die Hand, aus einem Heft gerissen. Darauf stand nur ein Satz:
„Ich wünschte, ich wäre so schön, wie Du es mir beschrieben hast! Abrazos: Deine Vilma“.
Wir haben uns nie wiedergesehen.
Ihr Foto halte ich in Ehren, Vilma ist auch nach vierzig Jahren so schön wie damals. Das kleine Ölgemälde ließ ich rahmen, es hängt in meinem Wohnzimmer.
 
*Chele: launige Bezeichnung in Nicaragua für Europäer oder Nordamerikaner
 
 
© Hermann Schulz