Beckfelds Briefe

An Peter Kraus

von Hermann Beckfeld

Hermann Beckfeld - Foto © Dieter Menne
Konzerte sind eine Zeitreise durch sein, durch unser Lehen. Seit einer gefühlten Ewigkeit lässt Peter Kraus die Hüften kreisen und vor allem seine weiblichen Fans von der Liebe träumen, die mit ihrem Peter in die Jahre gekommen sind. „Sugar, Sugar, Baby“ ein Leben lang; der Tiger mit dem unwiderstehlichen Hüftschwung kann nicht aufhören.
 
Lieber Peter Kraus,
wie fühlen Sie sich, wenn Sie als Deutschlands ältester Teenager bezeichnet werden? Wenn Sie Ihre Schnulzen singen und von der Bühne herunterschauen auf völlig begeisterte Seniorinnen, die eher betulich ihre rundlichen Hüften wiegen, aber als junge Mädchen - 50, 60 Jahre ist es her - bei „Sugar, Sugar Baby, sei doch lieb zu mir“ ausrasteten und Weinkrämpfe bekamen? Wenn Sie auf Ihrer Abschiedstournee im Zwei-Tages-Rhythmus auftreten, aber selbst schon wissen: Ich mach sowieso weiter, fürs Aufhören bin ich viel zu fit.
Ich war erstmals bei einem Ihrer Konzerte, saß in der Dortmunder Westfalenhalle in Reihe 4, nur wenige Meter von der Bühne entfernt, hatte also alles im Blick. Und habe selten einen 75-Jährigen gesehen, der so schlank, so drahtig und dynamisch eine große Halle rockt. Wie seit Jahrzehnten in Lederjacke, weißem Hemd und Jeans, eben unser deutscher Elvis.
Ihre Show, sie war eine Zeitreise durch Ihr, auch durch unser Leben. Auf der Bühne, auf der Leinwand, eingerahmt durch ein riesengroßes Uralt-Radio, das mich an das Grundig-Tonbandgerät erinnerte, das Ihnen Ihr Vater Fred schenkte, weil Sie unbedingt jeden Rock-n- Roll-Titel aus dem fernen Amerika aufnehmen wollten. Es war, es ist eine Liebe zur Musik, die mit Bill Haleys „Rock Around the Clock“ entflammt wurde und immer brennen wird.
Sie sind der Schwarm meiner Schwiegermutter; ihr zuliebe kam ich mit, habe es aber nicht bereut. Ich wußte nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte. Auf die Leinwand und die Szenen aus „Das fliegende Klassenzimmer“ mit Ihnen, dem 14-jährigen Nachwuchsschauspieler; auf das Gebalze mit Conny Froboess; sie beide waren das Traumpaar des deutschen Films. Natürlich sahen wir im Uralt-Radio die Stationen Ihrer Karriere: der nette Junge von nebenan mit der Schmalzlocke; der jugendliche, schlaksige Schmusesänger; der Tiger mit dem unwiderstehlichen Hüftschwung; der schneidige Sportwagenfahrer mit der Leidenschaft für alte Schätzchen und in jungen Jahren auch für schöne Frauen.
Ab und zu schaute ich in die Augen meiner Schwiegermutter, in denen sich, wenn ich es richtig deute, grenzenlose Faszination spiegelte. Über ihren Peter Kraus, dem mehr als 50 Jahre harter Bühnenarbeit in den Knochen stecken müssen, der gerade aber oben auf der Bühne gleichzeitig singt, tanzt und mit seinem Publikum, mit ihr flirtet. Es ist ihr Peter, mit dem sie älter geworden ist, in diesen Momenten allerdings eher nicht. „Schwarze Rose, Rosemarie, keine Rose blüht so wie sie ...“
 
Lieber Peter Kraus,
früher schürten Sie mit Ihren Liedern Sehnsucht nach Liebe, nach Freiheit, nach Träumen, die selten in Erfüllung gingen. Heute holen Sie diese Träume, zumindest die Erinnerung daran, zurück. Bitte lassen die Hüften weiter kreisen. Schon allein wegen meiner Schwiegermutter und ihrer strahlenden Augen.
(01.11.2014)
 
Kleiner Nachsatz der Redaktion: Die Musenblätter wünschen Peter Kraus (jetzt 78), der sich kürzlich bei einem Bühnen-Unfall eine Schulter gebrochen hat, gute Besserung!


Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags Henselowsky Boschmann.
„Beckfelds Briefe“ erscheinen jeden Samstag im Wochenendmagazin der Ruhr Nachrichten.
„Beckfelds Briefe“ gibt es auch in Buchform 

Redaktion: Frank Becker